Alex, eine so banale wie schwierige Frage: Was ist gute Unterhaltung?

Das ist in der Tat nicht einfach zu beantworten. Schließlich ist die Frage, ob man sich gut unterhalten fühlt, zuallererst eine Frage des persönlichen Geschmacks. Allerdings ist TV-Unterhaltung, gerade bei großen Shows oder im Reality-Bereich, in ernsten Zeiten wie diesen besonders dann gut gelungen, wenn sie den Wunsch nach Eskapismus erfüllt und es schafft, das Publikum für ein oder zwei Stunden vom Alltag und all den schlechten Nachrichten dieser Welt abzulenken. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Kunst, sich mit all diesen Themen auseinanderzusetzen und das Publikum trotzdem noch zum Lachen zu bringen. Beides ist freilich leichter gesagt als getan und setzt über viele Disziplinen hinweg exzellentes Handwerk voraus.

War 2025/26 ein gutes Jahr für die non-fiktionale Fernsehunterhaltung?

Auch in diesem Beobachtungszeitraum hat sich leider die Entwicklung der vergangenen Jahre bestätigt: In der Unterhaltung sind echte Innovationen selten geworden – insbesondere mit Blick auf die ganz große Showbühne. Das ist bedauerlich, angesichts des zunehmenden Spardrucks in den Häusern aber auch ein Stück weit nachvollziehbar. Dennoch gibt es Ausnahmen. "Wer weiß wie wann was war?" etwa hat eine an sich simple Grundidee für eine generationenübergreifende Show durch liebevolle Inszenierungen zu etwas Besonderem gemacht. Und bei allem verständlichen Wunsch nach Innovation ist es nach wie vor eine besondere Leistung, beliebte Formate über viele Jahre hinweg frisch zu halten. Die in diesem Jahr nominierten Shows "Wer weiß denn sowas?" und "Sing meinen Song" haben das eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Gab es in den vergangenen zwölf Monaten Trends zu beobachten?

Der Reality-Bereich hat uns in diesem Jahr besondere Freude bereitet, weil das Genre um spannende Facetten erweitert werden konnte. Die Flut an Formaten hält zwar an, aber wir erleben nicht nur "more of the same". Wer hätte noch vor Kurzem gedacht, dass es auch einen öffentlich-rechtlichen Reality-Ansatz geben kann, der Spaß macht? Die "Werwölfe" waren  so gesehen ein vielversprechender Startschuss. Und mit der "Villa der Versuchung" – übrigens eine deutsche Eigenentwicklung – ist es Sat.1 sogar gelungen, dem Genre einen völlig neuen Dreh zu verleihen, indem plötzlich ganz offen über Geld gesprochen wird. "Princess Charming" wiederum hat bewiesen, dass Reality das Publikum auch ohne Krawall in seinen Bann ziehen kann. Das ist doch auch ein schönes Signal.

Im Bereich Factual Entertainment fällt dagegen auf, dass in diesem Jahr prägende Sozial-Experimente mit dem Anspruch, Unterhaltung mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden, fehlen.

Einen neuen "Schwarzwälder Hirsch" haben wir in diesem Jahr tatsächlich nicht gesehen. Das mag man vielleicht bedauern. Gleichwohl gelingt es den nominierten Formaten "Roadtrip Australien", "Song Trip" und "The Race" ganz vorbildlich, den Blick über den Tellerrand hinaus zu richten. In allen drei Formaten spürt man ein ehrliches Interesse an anderen Kulturen und die Lust, Grenzen zu überwinden und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. In Zeiten wie diesen ist das gar nicht hoch genug zu bewerten.

In der Comedy sind große Marken und gut etablierte Köpfe im Rennen: Fehlt es hier an Innovation und Nachwuchs?

Offenbar scheint es zunehmend schwieriger zu werden, neue Comedy-Formate im Fernsehen zu etablieren – vielleicht auch, weil mit TikTok & Co. neue Bühnen entstanden sind, auf denen spitzere Nischen angesprochen werden können. So gesehen lag unser Fokus bei den diesjährigen Nominierungen eher auf der Weiterentwicklung bestehender Comedy-Brands – und die ist bei der "TV total", der "Anstalt" "heute-show extra: Next Stop Köster" ganz wunderbar gelungen. Sebastian Pufpaff hat es seit dem Start der Neuauflage von "TV total" geschafft, den Show-Klassiker vollends zu seiner eigenen Sendung zu machen – mitsamt neuen Gesichtern, die den Kosmos von "TV total" erweitern. Unter dem Label der "heute-show" wiederum wurde ein für Fabian Kösters Talent maßgeschneidertes Konzept entwickelt, das bissige Fragen und Humor miteinander vereint. Und "Die Anstalt" ist ohnehin seit inzwischen zehn Jahren ein sich immer wieder neu erfindendes Gefäß, das auch vor komplexen Themen nicht zurückschreckt, wie die in diesem Jahr nominierte "Iranstalt"-Folge zeigt.



Was würdest Du Dir mit Blick auf das Segment der non-fiktionalen Unterhaltung von der Branche wünschen?

Wir alle wissen, dass die Branche derzeit mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat. Umso wünschenswerter wäre es, neue Ansätze zu finden, die es ermöglichen, auch mit geringeren Mitteln gutes Fernsehen zu machen. Es braucht vielleicht gar nicht immer riesige Budgets, um schöne Ideen umzusetzen.

Danke für das Gespräch.