Die Wirtschaft stagniert, die Steuereinnahmen schwinden, der Reformdruck auf die Politik wächst – und viele Menschen haben nicht das Gefühl, dass da jemand ist, der noch nachvollziehen kann, was all das für sie im Alltag bedeutet. Bis auf die Volksversteher aus München und Mainz!

Mit großem Enthusiasmus produzieren ARD und ZDF derzeit Reportagen zur zunehmenden ökonomischen Notlage der unteren Mittelschicht: Leute, die friedrichmerzigst ihren festen Jobs nachgehen, das Rückgrat der Gesellschaft sind – am Monatsende aber trotzdem zu wenig Kohle auf der hohen Kante haben, weil alles so teuer geworden ist.

Für die ARD haben SR, SWR und WDR in der lose umgesetzten Mediathek-Reihe "Bundesvibe" jüngst drei Familien aus NRW, Sachsen und Baden-Württemberg besucht, um sie bei der Krisenbewältigung zu porträtieren. (Vor allem aber: beim Fluchen an der Zapfsäule wegen der hohen Dieselpreise.)

Von Brotselberbacken bis Gemüseanbau

Die vierköpfige Familie aus Köln ist früher öfter mal in den Biomarkt gegangen und achtet heute vor allem auf Schnäppchen: "Man gönnt sich nicht immer alles, was man gerne hätte." Die alleinerziehende berufstätige Mutter kocht zuhause Gemüse ein: "Es macht Angst, dass man irgendwann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten kann." Und das Paar, das einen Milchviehbetrieb im Nordschwarzwald bewirtschaftet, kämpft mit sinkenden Milchpreisen und kauft einen größeren Dieseltank.

Fürs ZDF hat Presenterin Pia Osterhaus bereits im vergangenen Jahr eine Familie in Simmern im Hunsrück besucht, um herauszufinden, wo eigentlich das ganze hart verdiente Geld bleibt. Denn: "Lifestyle Inflation ist 'ne ziemlich gefährliche Geschichte!", sagt der dazu befragte Experte.

Anstatt die Misere bloß zu bebildern, wollen die Formate aber auch zeigen, was man tun kann gegen die Teuerung. Der "Bundesvibe" ("Alles wird teurer – Wie wir jetzt sparen") überlässt das ganz seinen Protagonist:innen: "Vom Brotselberbacken bis zum Gemüseanbau – unsere Familien lassen sich einiges einfallen." Das ZDF greift aktiv ein, Osterhaus verspricht: "Wir finden jetzt Ihr Geld!" – und setzt dafür den "Cash Tracker" ein, der die Monatsaufgaben auflistet: Amazon, Reitstunde, Metzger, Amazon, spontaner Restaurantbesuch usw.

Leicht zu bebildernde Lösungen

Daraufhin müssen vom Experten empfohlene allersimpelste "Spar-Challenges" bewältigt werden (strategisches Einkaufen, Gebrauchtes verkaufen, Spaßwochenende ohne Geld). Um am Ende festzustellen, dass eigentlich ausreichend Kohle übrig bleibt – außer man rechnet die übers Jahr verteilten ausschweifenden Renovierungskosten mit drauf, die danach aber nie wieder erwähnt werden.

Auch nicht beim "30 Spartage später"-Nachgespräch, für das der Geschäftsführer-Chefredakteur von Finanztip (wo man auch jeden Format-Trash mitmacht) dann im Hemd statt im drübergezogenen Hoodie dasteht – damit es nicht so auffällt, dass das Fernsehen alles in einem Rutsch aufgezeichnet hat.

Beide Formate machen es sich einfach: Anstatt strukturelle Hintergründe zu recherchieren und zu beschreiben, werden vermeintlich leichte – und leicht zu bebildernde – Lösungen präsentiert. Obwohl die Situation natürlich oft deutlich komplexer ist.

Da fällt gleich ein Sack Lehmputz um

Unbequeme Fragen? Stellt den porträtierten Familien vom Fernseh-Team ihres Vertrauens niemand. Um sich die gewünschte Kreuzfahrt zum 50. Geburtstag leisten zu können, soll Pascal bei "Wir finden dein Geld" auf ZDF.de künftig öfter die Billig-Chips aus dem Discounter kaufen statt der teuren von seiner Lieblingsmarke – obwohl er in der angeleierten Blindverkostung sofort den Unterschied rausschmecken konnte. Aber die beiden Leasing-Autos der Familie? Sind Naturgesetz.

Und die "Bundesvibe"-Familie, die sich den Eintritt in den Tierpark spart, braucht sich nicht zu fragen lassen, ob sie das wirklich durchgerechnet hat: trotz volatiler finanzieller Verhältnisse ein Haus für 400.000 Euro kaufen zu wollen. (Falls es das auf dem Markt überhaupt geben sollte.)

Der bisherige Lebensstandard steht fast nie zur Debatte. Im Gegenteil: "Ich will das Leben aufbauen, das mir wichtig ist – und wenn es heißt, dass ich entsprechende Kosten habe (…), dann mach ich das", sagte eine der Protagonist:innen – und ärgert sich direkt darüber, dass der Sack Lehmputz für das selbst renovierte Haus schon wieder fünf Euro teurer geworden ist.

Klimawandel? Keine Zeit drüber nachzudenken bei den Tankstellenpreisen! Der Nachwuchs ist glücklich, wenn er möglichst vollgestopfte Kinderzimmer hat.

Muss es wirklich immer ein "Tatort" sein?

Mit ihren Sparreportagen sind ARD und ZDF quasi die Robin Hoods unter den TV-Sendern: Sie nehmen den Reichen und den Nicht-Armen 18,36 Euro pro Monat ab – und liefern als Gegenleistung den Tipp, beim Eiersalat auf Eigenmarke umzusteigen. (Damit wären vermutlich auch die 58 Cent Beitragserhöhung, die man derzeit einzuklagen versucht, im Haushaltsbudget gegenrechenbar.)

Aber vielleicht geht's ja auch günstiger – wenn man die zuvor beschriebene Aneinanderreihung unterkomplexer Oberflächlichkeiten einfach mal auf die Anstalten selbst anwendet, die ebenfalls angehalten sind, besser zu wirtschaften – und zwar: in Form der eigenen Tipps?

Und damit: Herzlich willkommen zur "Spar-Challenge" für ARD und ZDF! Mit der ultimativen Strategie zum Beitragssparen:

Blindverkostung – Marke vs. Eigenmarke: Muss es wirklich immer ein teurer "Tatort" sein? Oder kann das Erste nicht öfter mal einen Sonntagskrimi zum Discountpreis zeigen? Ein:e Ermittler:in statt zwei, Geständnis am Küchentisch statt Verfolgungsjagd durchs Parkhaus, Abspann um Viertel nach neun – und den Rest der Sendezeit füllt eine "Plusminus"-Sondersendung über steigende Lebensmittelpreise.

Basar der Dachboden-Formate

Gebrauchtes verkaufen: Regelmäßig landen Formate, die ARD und ZDF nicht mehr brauchen, auf dem Dachboden. Dabei ließen sie sich doch auch gewinnbringend an Interessenten verkaufen, die damit noch was anzufangen wüssten: Anstatt "Leute heute" einzumotten, hätte man das Promi-Magazin in Mainz doch gewinnbringend an Sat.1 verkaufen können, das sich sonst aus eigener Kraft günstig den Vorabend sanieren muss! Und bevor der SWR am Ende dieses Sommers "Immer wieder sonntags" in den Ruhestand verabschiedet, sollte man dringend mal mit Netflix sprechen – die Streamer suchen doch händeringend nach geeigneten Formaten, auch das ältere Klientel stärker an sich zu binden. Was läge da näher als ein saisonales Mrossflix?

Gemüse selbst anbauen: Der "Bundesvibe" filmt die Milchhof-Protagonist:innen dabei, wie sie gerade Insta-Content über ihren Alltag erstellen, der "mittlerweile für den SWR" entsteht – das ist der Gemüseanbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Reinform!

Spaßwochenende ohne Geld: Ein Programmwochenende nur mit Wiederholungen? Machen die Anstalten ja faktisch schon. Heißt bislang bloß "Dritte Programme" und ZDFneo – und ließe sich problemlos fürs jeweilige Hauptprogramm adaptieren. "Hubert ohne Staller" zum sechsten Mal, "Watzmann ermittelt", "Bergretter" in Dauerschleife. Und bei der "Tagesschau" fällt samstags eh niemandem auf, dass die Tankstellenabfilmerei im Diesel-Beitrag schon von gestern war.

Mit wenigen Zutaten günstig herstellbar

Brot selber backen: Niemand braucht mehr teure Formatlizenzen einzukaufen, wenn sich stattdessen alles selbst entwickeln lässt. Also: Formate wie den "Bundesvibe" und "Wir finden dein Geld". Mit nur wenigen Zutaten supergünstig herstellbar – und so leicht verdaulich, dass es die Beitragszahlenden sofort überzeugt. Nach einem positiv ausgefallenen Test seines Spar-Formats in der "mitreden"-Community erklärt das ZDF jedenfalls: "Die Sendung soll nun als Reihe fortgesetzt werden, bis Oktober werden drei weitere Folgen von 'Wir finden Dein Geld' entstehen."

Dank solcher Sparbemühungen kann man sich in Mainz dann Ende des Jahres dann auch die programmgewordene Luxuskreuzfahrt leisten: die "Wetten, dass..?"-Wiederbelebung mit den Kaulitz-Brüdern als Live-Event! Denn: Wer an den Chips spart, braucht die Karibik nicht zur Debatte zu stellen. Oder wie ZDF-Sparkönigin Pia Osterhaus es formuliert: "Was für ein grandioser Erfolg!"

Und damit: zurück nach Köln.

"Bundesvibe: Alles wird teurer – Wie wir jetzt sparen" ist in der ARD Mediathek abrufbar; "Wir finden Dein Geld" steht auf ZDF.de bereit.