Was jetzt kommt, ist keine Kleinigkeit. Also: anschnallen und mitfliegen. "Einsatzmeldung: Trochtelfingen. Verkehrsunfall. Zug gegen Pkw." Der Rotor der ADAC-Luftrettung Christoph 22 läuft. 53 Kilometer Entfernung, 19 Minuten Flugzeit – und die Vorahnung des Piloten: "Geht in der Regel eigentlich nicht ganz so gut aus." Aus der Luft bietet sich den Rettern bereits ein umfassendes Bild der Unfallstelle. Als sie eintreffen, sitzen Helfer:innen in dem gerammten Pkw, wo dem eingeklemmten Fahrer der eigene Gurt die Luft abschnürt, und versuchen, ihn zu befreien, bevor er von der Brücke stürzt.
"Rauf aufs Spineboard", ruft einer, als es geschafft ist. Dann ein waghalsiger Balance-Akt neben der Bahn entlang zum Rettungswagen. Der Mann muss künstlich beatmet werden. Sein rechtes Bein hängt nur noch an Gewebefetzen. Nichts davon ist zu sehen, alles geblurrt. Doch der Austausch der fokussiert arbeitenden Retter:innen lässt keinen Zweifel am Ernst der Lage aufkommen. Und die Kamera ist unmittelbar dabei.
Rettungsgasse ins Streaming-Angebot
"Schädelhirntrauma, Strangulation, Unterschenkelfraktur rechts, Beckentrauma, Armtrauma", listet Notarzt Evgeni Sotnikov den Kolleg:innen im Gespräch mit der Uniklinik Ulm auf, was gleich auf sie zukommt. Der Mann wird in den Helikopter verladen, jede Minute zählt. Ankunft in der Klinik, kurzes Briefing für die Ärzt:innen. Dann hat das Team getan, was es konnte – und muss den Helikopter umsetzen. Der Nächste ist schon im Anflug.
Und als Nichtbeteiligter muss man erstmal verdauen, wo einen das Fernsehen da gerade hineinkatapultiert hat.
Die Szene ist Teil der Dokureihe "Heli-Retter", die beim SWR aus einzelnen Beiträgen in der "Landesschau" hervorgegangen ist. Seit Kurzem läuft sie in der ARD Mediathek, an diesem Montagabend erstmals um 21 Uhr im linearen SWR Fernsehen. Und sie setzt fort, was bei ARD und ZDF längst Methode hat: ungefähr jedem Notfalleinsatz-Team des Landes mit Heli-Anschluss eine Rettungsgasse ins Streaming-Angebot zu bauen.
Bildfehler im Flammenmeer
Der WDR reüssiert bereits seit 2017 mit "Feuer & Flamme" rund um die Arbeit der Feuerwehren in Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg. Beim BR wurde "In höchster Not" mit den spektakulären Rettungsmanövern der Bergwachten Ramsau, Grainau und Bad Reichenhall zum Mediatheken-Hit. Das ZDF konterte mit "Firefighters" und "Die Lebensretter von Murnau".
Die meisten Formate haben gemeinsam, dass sie den Alltag der Retter:innen in teilweise schockierender Unmittelbarkeit zeigen. Die Beteiligten erzählen nachher selbst in die Kamera, wie sie den Einsatz wahrgenommen haben, was die besondere Herausforderung daran war. Vor allem aber filmen sie sich dabei selbst per Bodycam, wodurch das Gefühl des Hineinkatapultiertwerdens überhaupt erst möglich wird.
Bei "In höchster Not" ist dieser Effekt besonders extrem, weil schlicht und einfach kein Platz ist, um auch noch ein Kamerateam in den Heli zu quetschen, wenn der irgendwelche verirrten Bergsteiger aus der Gletscherspalte ziehen und zurück in die Sicherheit fliegen soll.
Weiterbildungsmaßnahme fürs Publikum
Der gleiche Effekt ergibt sich, wenn die Feuerwehr Duisburg zum Wohnungsbrand in einem Mehrfamilienhaus ausrückt und die Löschkräfte ins orangefarben fackelnde Flammenmeer sehen. Dazu erscheint am Bildrand der Hinweis, dass es trotz feuerfester Spezialkameras bei mehr als 500 Grad zu "Bildfehlern" oder "Totalausfällen" kommen kann. Wir bitten, die fehlende Übertragungsqualität im Inferno zu entschuldigen.
Situationen wie diese vergisst man auch als Zuschauer:in nicht so leicht, muss sie erstmal verarbeiten – und ist auch deshalb dankbar, wenn die Retter:innen nach einem Einsatz selbst einen Witz machen, um den Druck aus der Situation zu nehmen. So wie die Heli-Crew aus Ulm: "Hunger. Pipi. Ich wollt's bloß erwähnt haben." – "Welche Reihenfolge?"
Man kann dieses Fernsehen als Weiterbildungsmaßnahme für seine Zuschauer:innen begreifen. Weil es einen Einblick in den Alltag der porträtierten Berufsgruppen erlaubt, der weit über jegliche Theorie hinausgeht – und im besten Fall den Respekt vor Menschen fördert, die bei ihrer Arbeit inzwischen selbst immer wieder angegriffen werden. Und weil es dabei gar nicht nur um "Horrorcrash" und "Feuerhölle" geht, wie es die reißerisch formulierten Folgentitel vermuten lassen. Sondern auch um Debriefing und Fehlerkultur, um Teamwork und Absprache.
Vokabeltest für die Retter:innenausbildung
Wer regelmäßig zuschaut, würde problemlos jeden Vokabeltest für die Retter:innenausbildung bestehen: "Spinne", GCS 15, die Checkliste im Rettungswagen – alles wird sorgfältig durcherklärt. Oder wissen Sie etwa nicht, was ein HEMS-TC ist ("Helicopter Emergency Medical Service Technical Crew Member")?
Bei Vokabeln bleibt es aber nicht. Notärzte wie Evgeni Sotnikov schildern, wie genau sie in Einsatzsituationen vorgehen, worauf sie achten – und wie wichtig es ist, einander auch unter erfahrenen Kolleg:innen auf mögliche Fehler hinzuweisen. Was aus den Patient:innen geworden ist, liefern die meisten Formate per Texttafel nach. Ihre eigentliche Aufmerksamkeit gilt den Teams, die jeden Tag aufs Neue unter Druck Entscheidungen treffen müssen.
Heli-Pilot Jan Pflüger bringt es an einer Stelle auf den Punkt: "Ich find's immer wieder faszinierend, wie unser Rettungssystem funktioniert. Dass Tag und Nacht Leute bereitstehen, um einem zu helfen. Und ich bin total begeistert, Teil davon sein zu dürfen."
Hingucken – oder lieber nicht?
Und gleichzeitig wirkt es falsch, als Nichtbeteiligter so nah dran am Geschehen zu sein, wie es sonst weder erwünscht noch erlaubt wäre. Denn während nach schweren Unfällen auf der Autobahn Schutzwände aufgestellt und Opfer abgeschirmt werden, um sie vor den Blicken der Gaffer:innen zu schützen, steht man in der Mediathek in der allerersten Reihe – sozusagen mit der Lizenz zum Hinschauen, die jede Folge per Einblendung mitliefert: "Alle erkennbaren Personen haben der Ausstrahlung zugestimmt."
Viele Situationen mögen harmlos sein: Dem Kind, das unter Atemproblemen litt, geht es bei Eintreffen der Helfer:innen glücklicherweise wieder besser. Und der verschollen geglaubte Höhlenforscher, wegen dem bereits ein Großaufgebot an Retter:innen ausgerückt ist, war bloß kurz mit einem Kumpel unterwegs und hat sich nicht die Mühe gemacht, das Seil am Einstieg abzuknoten.
Selbst wenn es ernst wird, kann man sich darauf verlassen, dass Verletzungen, Wunden und Patient:innen-Gesichter nicht direkt zu sehen sind. Die Dramatik der Situation ist es aber sehr wohl.
Dass das nicht allen reicht, zeigt der Fall einer Familie, die laut Lokalmedien gerichtlich gegen eine Folge vorgeht, die den Rettungseinsatz nach dem tödlichen Unfall des Vaters zeigt – ohne dass sie vorher gefragt wurde. Der SWR lässt den Beitrag bislang online: Alle Betroffenen seien unkenntlich gemacht, die Reihe leiste einen "wichtigen Beitrag zur Aufklärung".
Vom Unglück zum Tatort
Und trotzdem bleibt die Frage, ob das Fernsehen zur Aufklärung unbedingt dabei sein muss, wenn Dr. Raphael Bender als leitender Hubschraubernotarzt bei "Die Lebensretter von Murnau" im Rettungswagen entscheidet, dass die nach einem Zusammenstoß mit einem Traktor in ihrem Pkw eingeklemmte junge Frau für tot erklärt werden muss. Weil sie auch nach 15 Minuten keine Reaktion auf die versuchte Wiederbelebung gezeigt hat.
Die Helfer:innen sollen dann "eine halbe Minute kurz durchschnaufen". Und Bender ruft die Feuerwehrleute zusammen, die die Frau aus dem Wagen gefräst haben, um zu erklären, dass alle bestmögliche Arbeit geleistet haben – damit "niemand heimgeht und sich schuldig fühlt". Was die unangenehme Folge hat, dass ausgerechnet die Szene, bei der man am wenigsten dabei sein sollte, am meisten darüber erzählt, was diese Arbeit bedeutet.
Und spätestens wenn der "Heli-Retter"-Notarzt nach der Amokfahrt bei Esslingen am mutmaßlichen Täter vorbeiläuft, auf dem gerade die Polizei kniet, steht man nicht mehr an einer Unfallstelle, sondern an einem Tatort.
Drücken ist besser als Gucken
Ist das Gaffen mit Gütesiegel? Oder sind es wichtige Momente, um zu verinnerlichen, welche ungeheuer belastenden Kräfte auf Einsatzkräfte wirken, jeden Tag aufs Neue? Die Porträtierten selbst haben darauf eine ziemlich eindeutige Antwort: Drücken ist im echten Leben immer besser als Gucken. Als die Luftrettung zu einem neben seinem Fahrrad zusammengesackten Mann gerufen wird, sind schon Ersthelfer:innen vor Ort, die mit der Herzdruckmassage begonnen haben. Und obwohl das in diesem Fall leider vergeblich war, hilft es, zu betonen, dass Handeln – und nicht Rumstehen – Leben retten kann.
Das ist vielleicht die beste Verteidigung der Retter-Dokus, die sich vorbringen lässt, und man hört sie vom Sofa aus.
Im besten Fall natürlich nur von dort – anders als der 70-Jährige, der nach einem Zusammenstoß mit einem SUV aus seinem Kleintransporter geholt werden muss und beim Transport zum Hubschrauber noch einwirft: "Vom Sehen kenn ich schon die 'Heli-Retter'." – "Ist ja auch im Fernsehen oft." – "Ja, genau."
Und damit: zurück nach Köln.
"Heli-Retter – Ulmer Notärzte im Einsatz" läuft in der ARD Mediathek und montags um 21 Uhr im SWR Fernsehen.
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