Herr Schaad, haben Sie schon mal was von den Ortschaften Sauen, Motzen, Kotzen oder Scheißendorf gehört?

Dimitrij Schaad: Ja, klar. Und die haben mich auch zu dem Titel inspiriert.

Den Sie sich mit Ihrem Bruder Alex bekifft im Keller ausgedacht haben?

Schöne Idee. Die echte war aber noch schöner. Wir haben unserem Vater zum 60. Geburtstag eine Wohnmobil-Reise geschenkt. Im September 2020 sind wir also von Stockholm Richtung Lappland aufgebrochen, wollten eines Nachts so nah wie möglich an einen See mit besonders schöner Aussicht ran und haben uns voll im Sand festgefahren. Alex und ich hatten da schon was getrunken, unser Vater wurde zunehmend verzweifelter. Und am nächsten Morgen kam ein betrunkener Schwede mit einem großen Traktor vorbei und hat uns abgeschleppt.

So entstand die Frau ihrer Figur Johnny Carrera, die einen Abschleppdienst in Kacken an der Havel betreibt?

Die nächsten 500 Kilometer haben wir in voller Fahrt gefeilt und am Abend hatten wir dann alle Grundzüge der Idee zu „Kacken an der Havel“ in einem Pitch ausgearbeitet.

Wenn der Bestand skurriler Ortsnamen in Brandenburg so groß ist – warum muss man sich da eigentlich überhaupt einen ausdenken?

In der Vorbereitung zur „Känguru-Verschwörung“ hat mir Mark-Uwe Kling über diese tollen Ortsnamen in Brandenburg erzählt, und ich habe irgendwann „Kacken an der Havel“ in mein Notizbuch eingetragen, wo ich mir Film und Serienideen notiere. Nach der Idee mit dem Abschleppdienst kam sie dann wieder zum Vorschein. Fiktive Orte geben viel größere Freiheiten als reale. Deshalb leben die „Simpsons“ ja auch in Springfield.

Das kann überall und nirgendwo sein.

Und so lässt sich alles hineininterpretieren.

Im Fall Ihrer Serie: ein gescheiterter Rapper, der nach dem Tod seiner Mutter in die alte Heimat zurückkehrt, dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und nebenbei ein Album schreiben soll.

Gut zusammengefasst.

Ästhetisch wechselt es dabei zwischen Clipshow über Großstädter in der Provinz für die GenZ und Tragikomödie gescheiterter Träume. Was überwiegt aus Ihrer Sicht – Tragik oder Komik?

Das sollte sich bei jeder guten Komödie die Waage halten. Aber für mich ist es vor allem ein lustiger Abgesang auf Millennials der späten Neunziger und ihre Träume von Ruhm.

Ungefähr Ihre Alterskohorte. Geht’s also auch ein bisschen um Sie selbst?

Nicht in der Rolle meines Johnny Carrera, der ist schon eine reine Kunstfigur. Aber ich bin 40 Jahre alt, habe keine Familie und wollte mein Leben lang nichts anderes machen als auf Bühnen zu stehen und Geschichten erzählen – da steckt mehr von mir in der Hauptfigur Toni. Die Vorstellung, welche Wege das Leben hätte nehmen können, wenn als Jugendlicher irgendwas anderes gelaufen wäre, ist in der Tat sehr persönlich.

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Nutzen Sie die Möglichkeiten Ihres Berufs also, sich interessante Alternativ-Biografien aufzuschreiben?

(lacht) Ich glaube, das macht jeder Autor ein bisschen. Die berührendsten Momente im Storrytelling entstehen aus Gefühlen, an die man als Geschichtenerzähler wirklich andockt.

Als Darsteller schreiben Sie sich angeblich gern Monologe in die eigenen Theaterstücke. Sind sie generell ein bisschen kontrollsüchtig?

Nein, das hat eher damit zu tun, dass mir oft bestimmte Elemente an Figuren fehlen. Am Theater habe ich das oft ergänzt mit einer Einordnung in die Gegenwart, einer anderen Perspektive oder Komplexität, die der Ursprungstext nicht liefert. Und ja, das würde ich am liebsten auch gerne in den meisten Drehbüchern machen, die ich so zu lesen bekomme. Die empfinde ich meistens nämlich als extrem öde.

Das gilt aber vermutlich nicht für „Kleo“?

Nein, das war ein echter Glücksfall. Ich habe das Projekt von Sekunde eins geliebt und auch da die Figur noch mit Humor und Widersprüchen angereichert, weil die Creator Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad mich das haben machen lassen.

Mit dem Ergebnis einer Art zu spielen, die fast schon Ihr Markenzeichen ist, so ein grotesker Realismus.

„Grotesker Realismus“ gefällt mir! Ebenso wie magischer Realismus. Ich suche in meinen Figuren vor allem alles, was nicht naturalistisch ist. So einen Schuss Expressivität. Naturalismus langweilt mich wahnsinnig. Reine Realität ist darstellerisch irre boring.

Das gilt seit den „Känguru-Chroniken“ vor allem für Film- und Fernsehen, wo Ihre Figuren oft überdreht sind. Auf der Bühne spielen Sie viele ernstere Stücke, oft Klassiker.

Ja, ich persönlich ziehe aber auch gar keine Grenzen zwischen tragisch, grotesk oder magisch. Jede Figur braucht etwas anderes. Ich würde mir im Film auch mehr ernste und tragische Rollen wünschen, aber da die Branche da sehr eingefahren ist, kommen halt nur Anfragen für antriebslose Schluffis. Wenn die Figur in den ersten 20 Seiten eines Drehbuchs wie beim „Känguru“ Pyjama trägt, höre ich sofort auf zu lesen.

Na, da bringen Sie ja ideale Familienverhältnisse mit: Sie können sich Ihre Rollen selber schreiben und dann auch noch vom eigenen Bruder drehen lassen.

Der einfach ein sensationeller Regisseur ist.

Bringt es nur Vorteile, unter Verwandten 1. Grades zu arbeiten, oder auch Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass man Durststrecken eher gemeinsam durchschreitet als getrennt abbricht. Diese Durststrecken gibt es fast immer. Und sie sind von der Stoffentwicklung bis zur Postproduktion oft lang. Im Fall von „Kacken an der Havel“ fünf Jahre. Da hilft es sehr, dass wir uns nach der Arbeit auch noch mal darüber austauschen, was Mama zu Weihnachten kriegt.

Das sorgt womöglich für harmonische Festtage. Aber kann man einen Regisseur auch zu gut kennen, um mit professioneller Distanz zu arbeiten?

Deshalb bedeutet professionelle Distanz vor allem sehr, sehr viel Arbeit. Wenn wir dabei auf engstem Raum eingeschlossen sind, könnten entsprechend viele Befindlichkeiten, Verletzungen, Diskrepanzen zum Vorschein kommen. Also wir haben uns darauf geeinigt, dass Alex am Set der Chef ist, dem ich vielleicht im vertrauten Gespräch, aber niemals öffentlich widerspreche.

Ist das professionelle Demut, als Schauspieler und Autor eigene Grenzen zu kennen?

Genau. Ich kann nicht inszenieren! Und vor allem könnte ich es nicht aushalten, dass morgens am Set, wo mein Bruder und ich in der Regel die ersten und die letzten sind, sofort 70 Leute auf ihn einreden und Sachen wissen, Pläne verschieben, Entscheidungen haben wollten. Vorm ersten Kaffee würde mich das wahnsinnig machen. Ich bin nicht stressresistent. Dank dieser Erkenntnis kann ich mittlerweile auch besser Kontrolle abgeben als früher.

Reden Sie mit Ihrem Bruder eigentlich Deutsch oder auch Russisch wie als Kinder in Kasachstan?

Nur, wenn wir unsere Eltern imitieren oder Gefühle transportieren wollen, für die es im Deutschen keine so guten Begriffe gibt. Außerdem funktioniert russische Komik oft besser bei uns.

Herr Schaad, vielen Dank für das Gespräck.

"Kacken an der Havel" steht ab Donnerstag bei Netflix zum Streamen bereit