Frau Will, was macht eine Moderation vorbildlich?
Ich verstehe darunter eine Moderation, die sowohl handwerklich-technisch als auch inhaltlich und sprachlich besonders gelungen ist. Mein Zugang war und ist immer eine zurückhaltende Art der Moderation, die nicht mich, sondern das Thema in den Mittelpunkt und sich gleichsam in den Dienst der Sache des jeweiligen Formats stellt. Das alles muss zusammenkommen, damit es für mich gelungen oder sogar vorbildlich wirkt.
Verbinden Sie das mit konkreten Vorbildern, die am Anfang Ihrer Karriere standen?
Bis heute beobachte ich Kolleginnen und Kollegen und merke mir Dinge, die ich als besonders gut wahrnehme. Ich mag immer sehr, wenn es zum Beispiel Reporterinnen und Reportern gelingt, präzise und anschaulich zu sprechen, sicher im Auftritt und im Vortrag zu sein. Als ich Anfang der 90er beim SFB anfing, war Juliane Bartel mein Vorbild, die damals bei SFB 2 arbeitete und "3nach9" moderierte. Sie führte eines Morgens ein Radiointerview mit einem Immobilienhai, der sich darüber beklagte, wie schwierig sein Geschäft geworden sei und wie wenig Geld sich damit überhaupt noch verdienen lasse. Da zog Juliane Bartel hörbar an ihrer Zigarette, atmete laut ins Mikrofon aus und sagte: "Mir kommen die Tränen." Als ich das hörte, dachte ich: Boah, wenn ich mal so weit bin in meiner Karriere, dass ich das mit solcher Lässigkeit sagen könnte, dann habe ich es geschafft.
Diese Lässigkeit strahlen Sie heute selbst aus. Gibt es Themen oder Gäste, bei denen es Ihnen schwer fällt, lässig zu bleiben?
Das hatte ich länger nicht mehr. Ich habe aber Interviews in meinem Leben geführt, bei denen ich hoffentlich lässig gewirkt habe, obwohl ich innerlich nicht lässig drauf war. Zum Beispiel, als ich Angela Merkels Buchvorstellung im Deutschen Theater moderiert habe. Das hat mich schon mal kurz zumindest innerlich eingeschüchtert. Es war ein Setting, das mir nicht vertraut war. Im Lauf der Zeit gab es immer wieder mal große Interviews, bei denen ich unbedingt wollte, dass sie gelingen. Da habe ich mich dann regelrecht reingeschraubt. Und dann ist man ab einem gewissen Punkt fast übertrainiert, so nennen Sportler das. Dann ist man auch nicht mehr lässig und dann muss man unbedingt aufhören, immer noch mehr zu lesen. Wobei das leichter gesagt als getan ist. Politik ist so ein beschleunigtes Geschäft geworden. Eigentlich können Sie gar nicht aufhören zu lesen, weil immerfort was Neues passiert. Ich habe schon den Anspruch, bis ganz kurz vor Aufnahme einer Podcast-Folge den letzten Stand zu kennen.
Welchen Anteil haben Talent, Handwerk und Erfahrung daran, dass eine Moderation gut rüberkommt?
Nicht jeder kann vor einer Kamera oder vor einem Mikro stehen und da einigermaßen ruhig bleiben. Aber man kann es durchaus trainieren, weil es eben handwerkliche Fertigkeiten sind, die man dazu braucht. Man steht zum Beispiel ruhig vor einer Kamera, man hampelt nicht rum, man spricht ruhig. Man betont die richtigen Wörter, man formuliert sicher und verheddert sich nicht in endlos langen Sätzen. Man stellt als Moderator oder Moderatorin eine klare Frage, nicht zwölf auf einmal. Man hat eine gelungene Einstiegsfrage. Das kann man alles für sich trainieren und das muss man gründlich vorbereiten. Zu Talkshow-Zeiten habe ich mal gedacht, irgendwann kommt der Moment, wo ich es aus dem Ärmel schütteln kann. Aber das ist Quatsch. Jede Sendung hat immer wieder die gleiche Vorbereitungszeit erfordert und das gleiche Gehirnschmalz gekostet – so wie jetzt die Podcast-Folgen. Das Bemühen lässt nicht nach.
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"Das Bemühen lässt nicht nach": 1996 moderierte Anne Will das Medienmagazin "Parlazzo" im WDR Fernsehen
Ihr Talent muss früh aufgefallen sein. Sie haben schon während des Volontariats beim SFB im Fernsehen moderiert.
Ich selbst habe das nicht so früh erkannt wie Jochen Sprentzel, der damalige Chef der Sportredaktion. Gegen Ende meines Volontariats – nach Stationen in der Politikredaktion, in der Wirtschaftsredaktion, bei ARD-aktuell und der "Abendschau" – habe ich als Wahlstation den Sport genommen. Ich hatte 14 von 18 Monaten Radio gemacht, nur drei Monate Fernsehen – daran war ich nicht so interessiert. Der Sport arbeitete damals schon bimedial. Nach einer Woche sagte Jochen Sprentzel: "Anne, ich würde Sie gerne mal vor einer Kamera ausprobieren." Ich habe mich dagegen gewehrt, ich hatte gar keine Lust dazu. Er hat dann meinen Ausbildungsleiter angerufen, damit der mich bequasselt. Also habe ich es ausprobiert. Ich habe mich vor der Kamera total unwohl gefühlt, aber Sprentzel fand es super und hat mir dann schon bald prophezeit: "Sie werden die erste Frau in der Sportschau sein." Nichts hätte mir damals ferner gelegen. Ich wollte nicht vor die Kamera, weil mir das viel zu viel Druck und Aufmerksamkeit war.
Wann kam der Moment, in dem Sie sich erstmals vor der Kamera wohl gefühlt haben?
Das dauerte eine ganze Weile. Nach dem Volontariat war ich freie Mitarbeiterin beim SFB und wurde für alles mögliche gebucht, am häufigsten aber für Fernsehmoderationen. Ich bekam viel Zeit und viele Gelegenheiten, mich in Live-Sendungen im dritten Programm auszuprobieren. Der Moment, nach dem Sie fragen, war eher die gewachsene Erkenntnis, dass ich aufgrund der unzähligen Live-Situationen genügend eigene Bezüge hatte, um auch im Fall von Pannen zu wissen, was ich tun kann. "Die Leitung steht noch nicht, das gibt mir die Gelegenheit, Ihnen rasch eine Meldung vorzutragen, die gerade reinkommt." Man freut sich plötzlich über eine Panne und macht etwas Gutes daraus, ohne das Publikum darüber hinwegzutäuschen, dass es gerade eine Schwierigkeit gibt.
Persönlich hätte ich den Videopodcast nicht gebraucht, aber ich verstehe gut, dass es manch einem gefällt, wenn er zugucken kann.
Anne Will
In der heutigen Influencer-Kultur steht am Beginn der Motivation oftmals die Lust an der Selbstdarstellung. Welche Rolle spielt der Faktor Eitelkeit für eine gute Moderatorin oder einen guten Moderator?
Ich würde abstreiten, dass Eitelkeit dazugehört. Also, vielleicht wirkt es eitel, wenn ich das sage. (lacht) Man sollte schon selbstbewusst vor eine Kamera treten. Aber die Frage ist doch: Woraus leite ich mein Selbstbewusstsein ab? Aus meiner unfassbaren Schönheit? Oder aber aus einem satten Handwerkszeug, aus einer hervorragenden Vorbereitung, aus einem hohen Maß an Erfahrungen, aus dem Bewusstsein, dass ich mir alle störenden Zappler und Gesten abgewöhnt habe? Ich glaube, in Zeiten von Reichweitenfixierung wird gern mal unterschätzt, dass es nicht dasselbe ist, riesig viele Followerinnen und Follower auf Instagram zu haben und eine gute journalistische Moderatorin zu sein. Ich höre jetzt häufiger, dass Menschen Moderationscastings gewinnen, für die vor allen Dingen ihre hohe Followerzahl spricht. Das finde ich keine gute Entwicklung – auch auf die Gefahr hin, so zu klingen, als erzählte Oma vom Krieg. Auch wenn Moderatorin, Reporterin oder Podcast-Host keine geschützte Berufsbezeichnung ist, braucht es in erster Linie Handwerkszeug, wenn man das über viele Jahre hinweg machen will.
Wie stark verändert sich denn das Handwerkszeug, je nachdem, ob man die "Sportschau", die "Tagesthemen", eine Talkshow oder einen Podcast moderiert?
Eine ganze Menge bleibt gleich. Ganz sicher der schon erwähnte Stil, die eigene Person relativ weit rauszunehmen und den jeweiligen Inhalt in den Vordergrund zu stellen. Sprachliche und inhaltliche Präzision sind mir immer wichtig, ebenso Verständlichkeit und Anschaulichkeit der Sprache, eine saubere Recherche, eine sehr gute Vorbereitung, kurze, klare Sätze, kurze, knappe Fragen. Das alles können Sie durch alle Formate ziehen. Natürlich funktioniert ein Podcast anders als Fernsehen. Im Fernsehen brauchen Sie einen lauteren Ton, der nicht so beiläufig daherkommt. Im Podcast würde das als unpassend empfunden, da darf es ein bisschen unangestrengter, weggesprochener sein. Man wähnt sich ja direkt im Ohr einer Hörerin oder eines Hörers und will denjenigen nicht anschreien. Da muss nicht jedes Wort sitzen, da kann man auch hörbar machen, dass man nachdenkt über Formulierungen. Das ist für mich der größte Unterschied, den ich fürs Podcasten neu lernen wollte. Da musste ich mich ein bisschen runtersurfen vom Fernsehverlautbarungston.
Wird die intimere Podcast-Atmosphäre nicht dadurch konterkariert, dass die meisten Gesprächsformate jetzt auch als YouTube-Videos ausgespielt werden?
Ich war eigentlich ganz froh, dass ich keine Kameras mehr um mich hatte. Persönlich hätte ich den Videopodcast nicht gebraucht, aber ich verstehe gut, dass es manch einem gefällt, wenn er dabei zugucken kann. Ich kenne viele Menschen, die Podcasts bei YouTube oder Spotify gucken. Wir haben schon gemerkt, dass wir durch Video deutlich mehr Reichweite erzielen. Also beuge ich mich den Gesetzmäßigkeiten dieses Marktes. Und wir nutzen die Kameras ja nicht aktiv, um durch den Bildschnitt eine eigene Ebene zu erzählen, so wie man das bei einer TV-Talkshow macht.
Eine weitere Gesetzmäßigkeit des Markts, der Sie sich inzwischen gebeugt haben, sind die unter Journalisten viel diskutierten Host Reads. Hadern Sie noch damit?
Zumindest schaue ich genau hin, für wen ich einen Host Read mache und für wen nicht. Wir haben Richtlinien und trennen Redaktion und Werbung strikt. Auf das journalistische Produkt hat es also keinerlei Einfluss. Außer, dass es ermöglicht wird. Denn Monetarisierung von Podcasts läuft eben über Werbung, und das ist eine der Säulen, auf die man setzen kann. Ich war ein Großteil meiner Karriere in der behaglichen Situation, dass ich für ein beitragsfinanziertes System gearbeitet habe. Diesen Podcast mache ich komplett unabhängig von jedwedem Medienhaus und möchte dennoch ein richtig gutes journalistisches Angebot machen. Also arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, die was können und die dafür anständig bezahlt werden sollen. Als ich gehört habe, dass Alastair Campbell und Rory Stewart, meine großen Heroes von "The Rest Is Politics", auch Host Reads machen, habe ich mir gesagt: Dann kann ich das auch. Und wer sich daran stößt: Wir bieten den Podcast seit kurzem auch für ein paar Euro im Monat komplett werbefrei an.
Frau Will, herzlichen Dank für das Gespräch.
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