David Schalko, in ihrer Braunschlag-Fortsetzung, die stilistisch ins Jahr 1986 zurückreist, sagt jemand, „Zukunft liegt in der Vergangenheit“.
Simon Schwarz als Landespolitiker Rainer Katzlbrunner, genau.
Gilt das auch für den Humor, der das, was kommt, an dem misst, was war oder ist?
Humor benötigt immer Bezugspunkte, die er naturgemäß da sucht, was alle kennen – also tendenziell in der Vergangenheit. Humor braucht Referenzgrößen, über die man sich entlang der Schere von Behauptung und Wirklichkeit lustig machen kann. Deshalb schlägt er in der Tat oft retrospektive Richtungen ein.
Wobei „sich lustig machen“ bei Ihnen vermutlich nicht „ins Lächerliche ziehen“ heißt.
Nein, ich will ja niemanden beleidigen, schon gar nicht aus einer erhabenen Position. Mir ist Empathie und Humanismus am Humor wichtig.
Und gilt diese Empathie allen – also auch der rechtspopulistischen Koks-Nase, die in „Braunschlag 86“ ständig von Remigration faselt?
Das muss sie sogar! Deshalb hat auch der Rechtspopulist eine Familiengeschichte, die Scham erzeugt, also Mitgefühl verdient. Als ausschließlich verabscheuungswürdige Figur ohne menschliches Antlitz wäre er für mich humoristisch uninteressant. Wer bin ich, mir anmaßen zu dürfen, über andere abschließend zu urteilen? Da kommen wir wieder zur Schere: Der Humor entsteht erst, wenn die Realität dieser Figur mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Deshalb erforsche ich all ihre Seiten.
Sind Serien und ihre Figuren für Sie Forschungsobjekte?
Ja. Allerdings nicht unbedingt in dem Sinne, Dinge zu entdecken, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Aber jeder Film, jede Serie sind wie jedes Buch oder eigentlich jedes Kunstwerk Reisen ins Ungewisse. Mit vorhersehbarem Ausgang müsste man sie gar nicht unternehmen.
Wobei diese Reise eine mit höchst bekanntem Ausgang ist, nämlich in die Zeichen- und Verhaltenswelt der Achtziger – zufällig das Jahrzehnt ihrer eigenen Jugend. Macht das „Braunschlag 86“ automatisch zur autobiografischen Serie?
(lacht) Ach, was ist schon Zufall?! Aber tatsächlich ist 1986 unabhängig von meinem Jahrgang vor allem die Jugend vieler Protagonistinnen und Protagonisten der ersten Staffel und damit wie jede Kindheit ein verklärter Sehnsuchtsort.
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Wobei die Achtziger nicht nur die vielleicht zitierfähigste Dekade des 19. Jahrhunderts waren, die praktisch jede Generation bis heute mit Mottopartys und Moderevivals feiert; es war auch eine Zeit politischer Eruptionen.
Besonders in Österreich und ganz besonders 1986. Damals übernahm Jörg Haider die FPÖ, machte sie wieder zur nationalistischen Partei und feierte schnell Erfolge. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Kurt Waldheim wurde Bundespräsident, die Rechte war erneut auf dem Vormarsch, zugleich allerdings rückte die SPÖ unter Franz Vranitzky in die Mitte. Es war aber auch das Jahr von Tschernobyl, Glasnost, Sandoz. Wie nah sich das noch alles anfühlt, zeigt mir persönlich, wie kurz 40 Jahre im historischen Maßstab sind.
Benutzen Sie „Braunschlag 86“ demnach nur, um dieses Jahrzehnt und seine Langzeitwirkung zu erzählen?
Eigentlich nicht, denn 1986 wird in der Fortsetzung ja nur als politisches Machtinstrument simuliert und dabei deutlich bunter nachgestellt als in der grauen Wirklichkeit. Eigentlich war die Zeit nämlich eher trist. Der Mensch, der sich gegen die Trostlosigkeit um ihn herum aufbäumt und daran scheitert – das ist ja eines meiner Leitthemen. Es geht darin im Grunde also eher um Verklärung als Nostalgie.
Ist die Serie trotzdem nostalgisch?
Zumindest insofern, 14 Jahre nach der ersten Staffel eine zweite zu machen. Mir geht es dabei aber gar nicht so sehr darum, das bewährte Rezept nochmals aufzuwärmen. Mich interessiert vielmehr, was aus den Figuren wohl so geworden ist.
Tendenziell konservative Folkloristen, die sich in vermeintlich gute alte Zeiten zurücksehnen, in denen man mit 0,79 Promille noch Auto fahren durfte, angeblich sagen, was man wollte, und dann auch noch überall rauchen. Schwieriges Terrain.
Nur, wenn man diese Zeiten unkritisch idealisiert. Es geht aber darum, die Verklärung als Verklärung zu zeigen. Es gibt ja auch vieles, das besser geworden ist. Wir sind zum Beispiel sprachlich wesentlich sensitiver. Gleichzeitig sind wir aber wesentlich egozentrischer geworden.
Was vermissen Sie dennoch an den Tagen als Teenager?
Als Raucher sollte ich jetzt vermutlich Rauchen sagen. Aber eigentlich vermisse ich nur das Jungsein.
Den damaligen Humor also nicht?
Der Humor war immer gut oder schlecht, das hat sich nicht geändert.
Was macht Humor aus Sicht des Humoristen lustig – Menschen oder ihre Milieus?
Weil beides kulturhistorisch unmöglich voneinander zu trennen ist, sind es nahezu ausnahmslos Menschen und ihre Kommunikation. Lustige Landschaften sind mir persönlich jedenfalls nicht bekannt. Aber stimmt schon: Erst in ihren Milieus entfalten Menschen Humor. Oder wie man heute sagen würde: in ihren Bubbles. Der gemeinsame Humor ist ja quasi milieubildend. Man hat das gleiche Niveau und eine ähnliche Humorästhetik.
Ihr Milieu ist unter anderem Österreich, wo ein ganz spezieller Humor gepflegt wird.
Manche sagen, es ist Humor, andere nennen es eine Kulturtechnik, um Außenstehende zu täuschen. Der österreichische Humor ist jedenfalls bösartiger als der deutsche und dient meistens dazu, etwas zu kaschieren. Er ist daran geschult, in der Monarchie die Zensur zu umgehen. Es ist ein Humor, der immer über Bande gespielt wird, während deutscher Humor oft Klarheit sucht. Und der österreichische Humor überschreitet gern Grenzen.
Geschmacksgrenzen?
Schamgrenzen vor allem. Wir sind schamloser und amüsieren uns brachialer. Aber wenn Sie Manfred Deix betrachten…
Ein Karikaturist der Achtzigerjahre, bei dem jede Zeichnung österreichischer Eigenarten körperliche Schmerzen verursacht.
Die saftige Abgründigkeit seiner Karikaturen wirkt überspitzt, sie ist aber zutiefst naturalistisch, fast schon dokumentarisch.
Gehen Sie analytisch an den Humor heran?
Das versuche ich eher zu vermeiden. Die Analyse ist der Feind guter Pointen.
Kennt Ihr Humor denn Grenzen – egal, ob des Geschmacks oder der Scham?
Ja, wenn man Schutzbefohlene verhöhnt, etwa. Aber grundsätzlich erleichtert es uns zu sehr, sich über Dinge lustig zu machen, als sich dies aus moralischen Gründen zu verbieten. Selbst Gewalt wird mit Humor leichter erträglich. Und weil er die Realität auf einem bestimmten Niveau mit der Wahrheit konfrontiert, ist er am Ende auch meistens politisch.
Herr Schalko, vielen Dank für das Gespräch.
"Braunschlag 1986", seit Donnerstag, 16. Juli bei HBO Max abrufbar. Ebenso die erste Staffel "Braunschlag"
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