Frau van Leeuwen, wird ihr Job mit der gesammelten Erfahrung, den preisgekrönten aber manchmal auch weniger erfreulichen Momenten, mit der Zeit einfacher?
Er bleibt gleich spannend. Man lernt natürlich immer dazu, aber da wir meist bei jedem Projekt in neuen Konstellationen arbeiten, wird es nicht automatisch einfacher. Und eine Erkenntnis meiner Jahre in dieser Branche ist: Eine gewisse Reibung, eine kreative Reibung, ist gut. Da entstehen oft die besten Serien.
Netflix wurde - oder wird noch immer - zugeschrieben, mit all den Daten doch so viel mehr zu wissen. Aber am Ende spielt doch das Bauchgefühl eine Rolle?
Daten erzählen keine Geschichten und finden auch keine neuen Geschichten. Wäre das so, dann würden wir nur Dinge produzieren, die durch die Bank erfolgreich wären. Aber diese Formel hat keiner. Egal wie offensichtlich ein Erfolg im Nachhinein aussah, die Entscheidung dafür ist immer ein Risiko und Bauchgefühl spielt dabei immer eine Rolle. Wir treffen Entscheidungen aus Begeisterung für einen Stoff, für eine Geschichte. Das bleibt.
Was brauchen Sie um sich für ein Projekt zu begeistern? Worauf achten Sie?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Produzenten und Kreative, die Projekte schon relativ weit entwickelt haben, wenn sie zu uns kommen. Oder wir optionieren selbst eine Buch-IP und stellen das Projekt zusammen. Dann gibt es Folgeprojekte mit Kreativen, mit denen wir schon gearbeitet haben. Was es immer braucht, ist eine klare kreative Haltung und Vision - und den Willen, dafür hart zu arbeiten.
Sind die besten Serien eher plot-driven oder character-driven?
Für mich sind die richtig guten Serien character-driven. Im Genre Krimi oder Thriller spielt der Plot natürlich eine besonders tragende Rolle, aber auch da gilt: Wenn man sich nicht mit den Figuren verbinden kann, dann geht man da nicht so mit.
Und gleichzeitig erleben wir immer kürzere Serienstaffeln, wo wir einmal eingeführten Charakteren gar nicht so lange folgen können. Komisch oder?
Ich weiß gar nicht, ob das so komisch ist. Das ist eine Entwicklung, die wir in fast allen Märkten und in der gesamten Branche beobachten. Das Zuschauerverhalten hat sich durch die hohe Quantität von qualitativ sehr guten Produktionen im Markt insgesamt verschoben. Wir schließen unsere große Drama Serie „Die Kaiserin“ jetzt bewusst mit der dritten Staffel ab, wie wir das im Übrigen auch schon damals bei unserer allerersten deutschen Serie „Dark“ gemacht haben. Und beides werten wir als runde Erfolgsgeschichten. Etwas immer weiter aufrechtzuerhalten - ich weiß gar nicht, ob das noch der eine Gradmesser für Erfolg ist.
Wir wollen heute sprechen über neue Projekte von Netflix und es gibt eine News: Die HaRiBos drehen nach „Kleo“ eine neue Serie: „Dolly“.
Mit Hanno Hackforth, Richard Kropf und Bob Konrad haben wir zwei Staffeln „Kleo“ gemacht und danach war uns völlig klar: Wir wollen ein neues Projekt mit ihnen finden. Also sind wir gemeinsam losgelaufen und haben nach der richtigen Idee gesucht. Und als die drei dann auf uns zukamen und uns von Dolly Pinkus erzählt haben, waren wir gleich begeistert.
Worum geht es in „Dolly“?
Die Serie spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin. Dolly entwischt knapp einem Serienkiller und als sie merkt, dass die Polizei sich nicht darum kümmert, fängt sie selbst an zu ermitteln - gemeinsam mit einem sehr charmanten Jungkommissar und ihrer besten Freundin Mieze. Das Ganze erzählt mit viel Spannung und einem großen Augenzwinkern in der Tonalität. Da kommt vieles zusammen, was unser Publikum liebt.
Und dann arbeitet das Team hinter „Die Kaiserin“ mit „Witches“ ebenso an einer historischen Serie für Netflix. Was reizt gerade an vergangenen Jahrhunderten?
Es ist eine bestimmte Art von Eskapismus, ein Reinträumen in vergangene Welten – durch die Kostüme und Locations. Und gleichzeitig bieten diese historischen Settings auch oft Raum für sehr moderne Themen, ohne didaktisch zu werden.
Gedreht wird „Dolly“ komplett in Deutschland…
Das war der Wunsch der Kreativen, die losgezogen sind, um zu schauen, wo wir die besten und auch noch ungesehene Motive für diese Zeit finden. So sind wir in Görlitz und Potsdam gelandet. Da waren auch für uns einige Überraschungen bei und es sieht fantastisch aus.
Über „Dolly“ hinaus: Wonach suchen Sie, was für Genres interessieren Netflix?
Wir haben drei klar umrissene Genres im Fokus. Das ist zum einen die große Familie der Thriller & Crime-Formate. Dazu gehören „Kleo“, „Crooks“, „Unfamiliar“ oder „Liebes Kind“ - und natürlich auch die neue Serie von Isabel Kleefeld, „Die Falle“, das schon am 13. Oktober startet. Sehr unterschiedliche Serien von klassischerem Crime über Spionage- und Psychothriller… da sehen wir viel Bedarf und großes Interesse bei unserem Publikum.
Werfen wir den Blick auf die Projekte, die in Kürze starten: Was erwartet uns in „Die Falle“?
Es ist ein intensives Katz-und-Maus-Spiel zwischen unserer Hauptfigur und dem vermeintlichen Mörder ihrer Schwester. Sie lockt ihn in ihr Haus, das sie seit zehn Jahren nicht verlassen hat. Daraus entspinnt sich ein sehr spannendes psychologisches Duell zwischen den beiden, und wir als Publikum müssen uns fragen: Ist sie eine verlässliche Erzählerin? Können wir uns auf ihre Erinnerungen verlassen?
Vielversprechend, auch bei dem Team dahinter. Aber zurück zu den Genres. Comedy wäre vermutlich das zweite?
Genau, die Comedy ist das zweite prioritäre Genre, das in seinen Tonalitäten ähnlich vielfältig ist. Dazu gehört „Alphamännchen“, das in die zweite Staffel geht, aber auch „Kacken an der Havel“ oder „Achtsam Morden“, wo wir uns auf die dritte Staffel freuen. Auch da ist viel Platz für sehr verschiedene Projekte. Und dann bleibt das dritte Genre, das große Drama wie „Die Kaiserin“. Was alle unsere Serien haben müssen, ist eine klare kreative Handschrift.
Wann kommt das Finale der „Kaiserin“?
Im Herbst, aber wir müssen etwas länger warten als auf „Die Falle“. Ich freue mich sehr, dass wir die Geschichte mit der Entscheidung, dass es die finale Staffel ist, ganz bewusst zu Ende erzählen und ein Ausrufezeichen setzen können. Und wir haben nochmal eine Schippe draufgelegt, sind nicht nur in Österreich und Ungarn, sondern auch in Mexiko und Griechenland. Das gibt dem Ganzen auch noch mal eine neue Größe, auch visuell. Und ich glaube der Abschied würde uns schwerer fallen, wenn wir nicht wüssten, dass mit „Witches“ das nächste Projekt von Katharina Eyssen kommen wird.
Und eine dritte Serie - binnen drei Monaten - macht die Offensive dann komplett…
Genau, „Liebe & Chaos“ kommt im Winter, auch noch in diesem Jahr. Wieder eine andere Comedy-Tonalität übrigens. Eine frechere RomCom. Es ist die Adaption der schwedischen Serie „Liebe und Anarchie“. Da haben wir ein ganz tolles Kreativteam gefunden. Die Bücher haben Elena Senft und Laura Lackmann geschrieben, Regie führen Hermine Huntgeburth und Charlotte Rolfes.
Was macht eine Serie zur Netflix-Serie? Wonach schauen Sie bei neuen Projekten?
Das Gefühl, wir pushen die Grenze dessen, was in Deutschland möglich ist. Wenn auch nur ein Stück. Die Partner, die mit uns arbeiten, wissen das. Es ist vielleicht nicht immer einfach mit uns. Das kann auch mal ein bisschen anstrengend werden, aber es geht um die absolut bestmögliche Qualität und dabei im Zweifel auch Dinge zu machen, bei denen vorher jeder gesagt hat: „Wie soll denn das eigentlich gehen?“ Mit uns geht es aber.
Hauptsache anders erschien in den frühen Jahren wie ein Mantra der damals neuen Streamingdienste. Heute ist es bei Netflix “Elevate the Mainstream“. Was hat sich verändert?
Es ging nie darum, aus Prinzip anders zu sein. Es ging z.B. um bislang nicht erzählte Geschichten oder neue Stimmen. Und ich würde nicht sagen, dass „Cassandra“ weniger spitz und speziell war als Serien, die wir vor fünf Jahren gemacht haben. Aber inzwischen sind die Teams gewachsen, Strukturen aufgebaut und wir können uns noch stärker auf die Kompetenzen des Marktes einstellen und seine Stärken fördern. Das machen wir sehr engagiert mit mehreren Programmen, Masterclasses und Workshops. Bei unseren Entwicklungsprogrammen haben in den letzten Jahren rund 150 Kreative mitgemacht. Da ging es zum Beispiel um Creative Producing oder Comedy Masterclasses. Jetzt machen wir erstmals einen Crime-Incubator.
Ist das auch ein Stück weit die Erkenntnis, dass man den deutschen Markt so nehmen muss, wie er ist. Etwa mit seiner Vorliebe für Crime?
Wir bilden einfach eine größere Bandbreite ab. Aber es ist uns total wichtig, dass wir immer wieder auch diese Überraschungsmomente haben. Und ich glaube nicht, dass massentaugliche Stoffe automatisch die größeren Erfolge werden. Bei Netflix kamen die größten Erfolge oft aus Ecken, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte.
Da wären wir wieder beim Bauchgefühl.
Man kann Erfolg nicht planen. Wir haben inzwischen eine verlässliche, große Development-Pipeline aufgebaut mit zwischen 30 und 40 Projekten. Da haben wir die Freiheit einigen Projekten mehr Zeit zu geben, andere vielleicht schneller umzusetzen. Wir müssen keine Sendeplätze füllen und zu bestimmten Terminen fertig sein. Man kann die besten Voraussetzungen schaffen, die besten Teams zusammenbringen und alles dafür tun, dass ein Projekt bestmöglich wird. Aber Erfolg kann man am Ende nicht garantieren. Auch weil man nicht weiß, wie zwei Jahre später der Zeitgeist und die Konkurrenzsituation aussehen. Mein Job ist immer wieder ein Sprung ins kalte Wasser.
Gibt es Projekte bei denen sich der Sprung ins kalte Wasser nicht so gelohnt hat wie erhofft?
Das gibt es bei uns wie in anderen Häusern auch. Dadurch, dass es keine Garantien gibt und wir unser komplettes Herzblut in Projekte stecken, ist es bei jeder Serie, bei der man vielleicht davon geträumt hat weitere Staffeln zu produzieren und wo das dann nicht passiert, traurig für alle Beteiligten: Für die Kreativen, die Produzenten und uns.
Ich versuche die Nachfrage, wo hat das Herz denn besonders geschmerzt?
Da kann ich ein Beispiel aus diesem Jahr nennen: Bei „Unfamiliar“ hätten wir uns sehr gewünscht, dass unsere Begeisterung für dieses Projekt von noch einem größeren Publikum geteilt wird. Wir sind wahnsinnig stolz, weil die Serie toll geworden ist und sehr positive Resonanz bekommen hat – bis hin zur Nominierung des Deutschen Fernsehpreises. Aber die Zahlen haben einfach nicht gereicht, um in eine Fortsetzung zu gehen. Ich glaube, das war unser jüngster Wermutstropfen und kein kleiner.
Sie sprachen vorhin „Kacken an der Havel“ an, eine sehr lokale Produktion. Bleibt für solche Ideen, also die, die vermutlich nicht international funktionieren, noch Platz. Wie entscheidet man, wo man welches Budget platziert?
Die Grenze verläuft ehrlicherweise oft entlang der Genres, weil ein Drama, Thriller oder Crime-Projekt international eher eine größere Bühne findet als die lokale Comedy. Wir programmieren aber ganz bewusst beides, denn der lokale Erfolg steht für uns immer im Vordergrund. Aber wir haben auch bei einem Thriller wie „Liebes Kind“ nicht damit gerechnet, dass das so ein globaler Erfolg wird. Wir haben bewusst keine Stadt erzählt, die man international kennen könnte. Aber aus unserer Erfahrung zeigt sich: Wenn wir lokal authentisch erzählen, dann überträgt sich das auch wenn das internationale Publikum beispielsweise mit manchen Drehorten zunächst nichts verbindet.
Wie steht Netflix zum Thema Koproduktion. „Totenfrau“ war eine gemeinsam mit dem ORF. Sehen Sie Potential für andere Kombinationen?
Uns werden regelmäßig Koproduktionen angeboten. Die Maßgabe für uns ist aber immer: Macht das kreativ Sinn? Für unseren Slate, für unser Publikum?
„Witches“ kommt von Sommerhaus, „Die Falle“ von Constantin, „Liebe & Chaos“ von der btf, in allen Fällen ausdrücklich, weil sie mit den Kreativen oder Produzenten weiterarbeiten wollten. Wie viel Chancen und Budget bleiben für neue Partner und Talente?
Das ergibt sich bei uns organisch dadurch, dass wir - wie gesagt - 30 bis 40 Projekte in unserem Development-Slate haben. Diese Breite können wir gar nicht nur mit Partnern abbilden, mit denen wir schon gearbeitet haben. Wir sind immer offen für Neues.
Das klingt mir jetzt zu romantisch, wenn Produktionsaufträge am Ende dann eben an langjährige Partner gehen.
Wir würden uns selbst begrenzen, wenn wir nicht offen bleiben für kreativen Output, egal von wo er kommt. Nur weil wir bestimmte Partnerschaften sehr langfristig planen mit Firmen wie den genannten, aber auch Gaumont oder Wiedemann & Berg, heißt das nicht, dass wir uns auf bekannte Konstellationen beschränken. Hana Geißendörfer produziert gerade für uns die zweite Staffel „Alphamännchen“, mit ihr hatten wir zuvor noch nie zusammengearbeitet. Und auch in den Kreativteams kommen immer wieder neue Talente hinzu, und mit diversen Initiativen suchen und fördern wir diese auch aktiv.
Also Entwarnung…
Wenn man aufhört, es als Chance zu sehen, mit neuen Leuten zu arbeiten, dann ist man vielleicht nicht mehr an der richtigen Stelle. Ich beschreibe den Moment der ersten Zusammenarbeit mit tollen Talenten immer ein bisschen wie Verlieben. Das hat etwas Magisches, dieses Gefühl, da könnte etwas Großes entstehen.
Werfen wir noch einen kleinen Blick über den Herbst hinaus. Was oder wie viel erwartet das deutsche Netflix-Publikum im Serienbereich 2027?
Was ich zu 2027 sagen kann, ist, dass sich die Größenordnung des Slates sehr an diesem Jahr orientieren wird. Mit all den Produktionen, über die wir sprachen. Und dann haben wir noch so ein, zwei Asse im Ärmel.
Frau van Leeuwen, herzlichen Dank für das Gespräch.
von



