Wenn sich die Fernsehbranche in dieser Woche zum Deutschen Fernsehpreis versammelt, tut sie das in wahrlich politisierten Zeiten. Der diesjährige Ehrenpreisträger Peter Kloeppel warnte im DWDL-Interview gerade erst mit deutlichen Worten vor der AfD. Und auch Alexander Elbertzhagen sieht die Unterhaltungsbranche heute stärker in gesellschaftlicher Verantwortung. „Entertainment kann politischer sein, als man denkt“, sagt der 75-Jährige im Gespräch mit DWDL. Das gelte nicht nur für Comedy und Kabarett. 

Politisches Entertainment sei „momentan sehr gefragt, deutlich mehr als platter Humor“. Dahinter sieht Elbertzhagen einen gesellschaftlichen Wandel: „Wir erleben gerade in diesen Tagen einen sehr offenen politischen Kampf durch die AfD, aber darüber hinaus auch einen Kulturkampf, den viele Leute noch gar nicht wahrgenommen haben.“ Die Aufmerksamkeit richte sich derzeit stark auf Parteipolitik, während sich parallel gesellschaftlich etwas verschiebe. „Alles, was wir in den letzten zwanzig Jahren gesellschaftlich erreicht haben, wird als ‚woke‘ zurückgedrängt. Zu viele tun noch immer so, als wenn das nicht gerade schleichend passiert.“

Jahrzehntelang gehörte es im Künstlermanagement eher zum kleinen Einmaleins, bei politischen Positionierungen zur Vorsicht zu raten. Diese Zeiten sind für Elbertzhagen vorbei. „Früher hat man sich aus vielem rausgehalten. Aber da waren die Kriege und Krisen auch noch weit weg. Wir hatten weltpolitisch bequemere Zeiten. Das hat sich geändert.“ Sein Fazit: „In unbequemen Zeiten sehe ich auch im Entertainment Verantwortung.“ Dabei gehe es auch um die besondere Reichweite von Unterhaltung: „Ich glaube, dass man über Entertainment auch Menschen erreicht, die sich vielleicht nicht proaktiv politisch informieren oder Gedanken gemacht haben.“

Trotzdem: „Es gibt viel zu feiern

Ausgerechnet vor dem großen Branchentreffen nimmt Elbertzhagen wenig Feierstimmung wahr. „Komischerweise, obwohl es viel zu feiern gibt“, sagt er. „Viele gute Programme, starke Serien, egal ob linear oder in den Mediatheken, neue Comedy-Ideen, die ausprobiert werden.“ Besonders die deutsche Filmbranche sieht er im Aufwind. Was ihm abseits des Kinos fehlt, ist mehr Wagemut. „Wir brauchen mehr Mut für verrücktere Stoffe, mehr Kreativität, auch neue Talente.“ Als Beispiele nennt er den Film „Vaterland“ mit Sandra Hüller und den Auftritt von Ikkimel im ZDF-„Morgenmagazin“. Elbertzhagen: „Wir sind in einer Kreativbranche, die doch von Momenten lebt, über die Menschen sprechen.“

Dass die Stimmung trotzdem vielerorts gedrückt ist, erklärt sich Elbertzhagen mit dem Ausgangsniveau. „Wir kommen in dieser Branche von einem sehr hohen Niveau. Mit sehr hohen Renditen und einem Drang zu immer neuer Kreativität im linearen Programm.“ Der sei allerdings nicht nur aus Experimentierfreude entstanden. „Lineare Programme brauchten sehr viel Material. Es galt, Sendepläne zu füllen.“ Das hat sich geändert. „Die Flächen haben sich reduziert, die noch mit Neuem bespielt werden.“ Für Elbertzhagen ist das kein ausschließliches Problem des Fernsehens: Das Interesse der Menschen verschwinde nicht automatisch, nur die Art, wie Inhalte angeboten und konsumiert werden, verändere sich – wie zuvor bei Tonträgern und in anderen Branchen.

Neue Stars, mehr Arbeit fürs Management

Den Wandel spürt auch seine Kick-Media-Gruppe, zu der die Management-Agentur Pool Position gehört. Mit fünf aktiven Gesellschaften stehe man „mindestens zufriedenstellend“ da und sei auch für das kommende Jahr zuversichtlich. Allerdings: „Was anders geworden ist, sind die Budgets, die verteilt werden.“ Im Musikbereich werde die Gruppe künftig etwas weniger machen. Dafür entwickelt sich das Live-Geschäft erfreulich. Fünf Mitarbeiter bei Pool Position kümmern sich ausschließlich um Events. „Und das läuft sehr gut.“ Dabei gehe es längst nicht mehr nur um Comedians. Auch Köche oder Podcaster füllen Säle. „Ich reise viel durch Deutschland und sehe sehr erfreut, wie viel Zuspruch Live-Entertainment bekommt.“

Gleichzeitig bringen YouTube, TikTok, Instagram und Podcasts immer mehr Menschen hervor, die ihre Bekanntheit zunächst ohne klassisches Management aufbauen. Dass Manager damit überflüssiger werden, glaubt Elbertzhagen wenig überraschend nicht. Im Gegenteil: „Alle Künstler brauchen heute wirklich ein gutes Management. Es gibt so viel mehr zu verhandeln, zu organisieren und auch zu coachen.“ Dazu brauche es vor allem Verlässlichkeit und die Fähigkeit, sich individuell auf Talente einzulassen. Manchmal müsse ein Manager „die Richtung erkennen, bevor es dein Partner tut“. Skeptisch sieht Elbertzhagen die Vorstellung vom schnellen Geld: „Manche Leute stellen sich das zu einfach vor mit einem Management. Mal eben eine Firma gründen und dann geht’s mit X Prozent von den Erträgen direkt los.“

Die besten Beziehungen müsse man aber selbst aufbauen. „Das hat viel mit Vertrauen und dem Glauben an Talent zu tun. Da gibt es vielleicht am Anfang wenig oder kein Geld zu verdienen und du musst Künstler erst einmal durchbringen.“ Umso schöner sei es, wenn daraus eine jahrzehntelange Zusammenarbeit werde – wie beispielsweise mit Barbara Schöneberger.

Schöneberger geht ins Risiko

Deren Karriere zeigt zugleich, wie sehr sich das Geschäft verändert hat. Fernsehen ist längst nur noch ein Teil: Radio, Podcast und inzwischen YouTube ergänzen Schönebergers Aktivitäten. Nach dem Ende der Zeitschrift „Barbara“ habe man sich gefragt, wie sich eigene Sichtbarkeit bewahren lasse. „Wir haben bei allen gemeinsamen Projekten gesagt: Wir probieren es mal aus“, sagt Elbertzhagen. Barbaradio und der Podcast liefen gut. Entscheidend sei dabei auch Schönebergers Bereitschaft und Offenheit: „Das ist selten, dass ein Künstler mit ins Risiko geht. Da kenne ich wenige, die so offen sind.“

Überhaupt setzt Elbertzhagen auf lange Bindungen. Manche seiner Mitarbeiter seien seit 20 oder 25 Jahren dabei, ebenso einige Künstler. „Das passiert nur, wenn man sich miteinander beschäftigt.“ Und wie lange beschäftigt sich Alexander Elbertzhagen selbst noch mit dem Geschäft? Mit 75 Jahren versucht er, sich schrittweise zurückzuziehen. „Aus dem Tagesgeschäft versuche ich mich immer mehr rauszuziehen.“ Für die Zukunft gebe es einen Plan, auch der Aufsichtsrat beschäftige sich damit, wie es weitergehe. Nach allzu schnellem Abschied klingt das trotzdem nicht: „Ich werde noch so lange mitspielen, wie mein Mitspielen etwas bringt.“

Engels beim ESC: „Warte nur ab, jetzt gehts los

Mitgespielt hat Elbertzhagen zuletzt auch intensiv beim Eurovision Song Contest, als Management von Sarah Engels. Zufrieden ist er mit dem deutschen Abschneiden nicht. „Hätte besser sein müssen, ist es aber nicht gewesen.“ Die Erklärung, Deutschland werde beim ESC schlicht nicht gemocht, hält er jedoch für zu einfach: „Wir hatten vielleicht nicht den richtigen Titel.“ Beim ESC gehe es weniger um Perfektion als um Aufregung. Ein zu perfekter Auftritt drohe schnell als langweilig wahrgenommen zu werden. 

Trotzdem findet Elbertzhagen, „die ARD könnte ruhig noch ein Wort des Dankes an Sarah nennen, weil sie eine gute Quote beschert hat. Das ist ja auch Sinn und Zweck der ganzen Sache. Das Interesse war da.“ Er selbst saß mit ihr in der Halle. „Als wir die ersten Punkte bekamen, hab ich noch gesagt: ‚Warte nur ab, jetzt geht’s los.‘ Aber dann ging es nicht los.“ Das sei zwar „bisschen blöde“, gehöre aber zum Risiko: „Das ist eine Erfahrung, die man in Kauf nimmt, wenn man sich drauf einlässt.“

Und wen hätte er als einer, der seit Jahrzehnten Künstler managt, eigentlich gerne gemanagt, wenn er freie Auswahl hätte? Bei den Rolling Stones hätte ihn Mick Jagger als Geschäftsmann gereizt. In Deutschland fällt ihm Sandra Hüller ein: Sie habe sich „mit ihren Projekten und Leistungen als neuer deutscher Weltstar etabliert“ – und sei dabei „sehr konsequent in dem, was sie will und was nicht“. Eine Eigenschaft, die gut zu Elbertzhagens Botschaft in diesen politisierten Zeiten passt. Denn auch für Künstler gilt aus seiner Sicht offenbar immer weniger die alte Regel, sich lieber aus allem herauszuhalten: „In unbequemen Zeiten sehe ich auch im Entertainment Verantwortung.“