Gert Heidemann, Kai Korthals, Alfred Nyssen, der Panther, ihr Gepäckdieb an der Seite von George Clooneys Jay Kelly oder jetzt Zeno Gennardi in „City of Blood“: Sie verkörpern oft fiebrige, gehetzte, leicht irre Figuren.
Lars Eidinger: Zumindest spiele ich Sie so.
Suchen Sie sich solche Rollen aus oder suchen sich die Rollen umgekehrt eher Lars Eidinger?
Ich schreibe Produzenten jedenfalls nicht mit der Bitte um fiebrige, gehetzte oder irre Rollen an. Aber wenn ich etwas angeboten kriege, interessieren mich gebrochene Figuren. Ich versuche dann über den Widerspruch zu gehen, das heißt zum Beispiel einen traurigen Brief nicht traurig vorzulesen.
Dialektik macht Schauspiel interessanter?
Unbedingt. Ein Kollege hat mir bei den Dreharbeiten zu „Jay Kelly“ mal von einer Aufgabe an seiner Schauspielschule erzählt. Darin sollte er von einer Vergewaltigung erzählen. Als er das unter Tränen getan hat, sei das Publikum eher ungerührt geblieben, weshalb sein Dozent meinte, er solle es mal als Witz erzählen – woraufhin alle geweint hätten.
Und das funktioniert immer?
Nein, aber es verdeutlicht, dass der Widerspruch etwas entfacht und über die Reibung Energie freigesetzt wird.
Aber ist es nicht dennoch so, dass man die Mehrzahl Ihrer Figuren vermutlich nicht in der Fußgängerpassage trifft?
Da bin ich anderer Meinung. Ich würde sogar so weit gehen, dass man die Mehrzahl meiner Figuren morgens im Spiegel sieht. Der klassische ungebrochene Held, ist ja im Gegenteil die Figur, mit der wir am wenigsten gemein haben, um uns zu identifizieren.
Müssen Sie sich mit Ihren Rollen identifizieren?
Unbedingt. Das ist Grund Voraussetzung, um in andere Rollen zu schlüpfen und ihnen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Nur dann kann sich auch das Gegenüber, die Betrachtenden darin wiedererkennen. Es geht immer um Reflektion.
"In allen von uns steckt unendliches Potenzial."
Auch als Dienstleistung am Publikum?
Nicht als Dienstleistung, nein. Eher als Selbstzweck. Ich nutze das Gegenüber als Spiegel und das Gegenüber spiegelt sich in mir. Dadurch wird ein unendliches Delay ausgelöst. Der Spiegel sieht in den Spiegel. Persönlichkeit ist etwas, das in Bewegung, nicht starr. Wie ein Perpetuum Mobile. In allen von uns steckt unendliches Potenzial.
Im Fall Ihrer Figur in „City of Blood“, was der Titel ja bereits andeutet, sogar ein Vampir. Ist das nicht in jeder Hinsicht larger than life?
Er stellt allerdings existenzielle tief philosophische Fragen. Was heißt es, ewig zu leben? Welchen Wert hat unsere Existenz, wenn sie unendlich ist? Als Kind hat mich immer irritiert, dass Vampire etwas Melancholisches, Verhangenes an sich haben, obwohl Unsterblichkeit doch ein großes Sehnsuchtsmotiv ist. Aber wahrscheinlich liegt der Reiz des Lebens genau in dessen Endlichkeit.
Sie haben also keinen Hang zur Longevity, also wie Elon Musk oder Peter Thiel ihr Leben künstlich zu verlängern?
Ich halte es eher mit Ludwig Wittgenstein, der gesagt hat: Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.
Ihr Seriencharakter Zeno tickt da ein bisschen bodenständiger. Als er erstmals auftritt, begrüßt er den Raum mit: Ey, Party People. Stand das so im Drehbuch?
Das stand so im Drehbuch, ja. Generell habe ich sehr großen Respekt vor Autoren und Autorinnen und sage Texte so wie sie im Drehbuch stehen.
Mit welchem Satz treten Sie ans DJ-Pult, wenn Sie Party People vor sich haben?
Wenn mir vom Veranstalter ein Mikrofon angeboten wird, lehne ich das immer ab. Für mich besteht der Reiz beim DJing genau darin, nonverbal über die Musik in Kontakt zu treten und zu kommunizieren.
Sie treten auf der Bühne in den Hintergrund?
David Lynch hat einmal gesagt, die Intelligenz in einem Theater- oder Kinosaal ist höher als die Summe der Anwesenden. Das heißt es entsteht etwas Drittes, etwas was darüber hinaus weißt. Etwas, das größer ist als wir. Das ist der hehre Anspruch, wenn Menschen zusammenkommen, um sich etwas gemeinsam anzusehen oder anzuhören.
"Ich empfinde es als Riesenprivileg, noch nichts um des Geldes wegen gemacht zu haben."
Alles umfasst bei Ihnen ungeheuer viele Ausdrucksformen, also auch Theater, Regie, Fotografie, Literatur.
Als ich mit zehn Jahren Schauspieler werden wollte, hieß es sofort, davon könne man nicht leben, es sei eine brotlose Kunst. Deshalb habe ich mich früh dadurch abgesichert, breit aufgestellt zu sein, also von vorneherein auf mehrere Pferde gesetzt. Aber die wenigsten Leute haben doch nur eine Leidenschaft.
Wie schaffen Sie es, dass sich ihre vielen Leidenschaften nicht gegenseitig kannibalisieren?
Mein Vater ging wie die meisten um acht aus dem Haus und kam um 18 Uhr zurück. So großartig unterscheidet sich mein Arbeitspensum davon gar nicht; es verteilt sich nur anders. Und ich bin zum Glück unabhängiger vom Geld. Ich habe schon als Kinderdarsteller in Berlin teilweise 1500 Mark im Monat verdient, konnte von meinem Beruf schon immer gut leben und meine Sachen danach aussuchen, worauf ich Lust habe. Ich empfinde es als Riesenprivileg, noch nichts um des Geldes wegen gemacht zu haben.
Warum genau haben Sie dann „City of Blood“ gemacht?
Zunächst mal, weil es von der Casterin Nina Haun kam, der ich als Filmschauspieler alles zu verdanken habe, seit sie mich 2008 für „Alle anderen“ besetzt hat. Und dann war ausschlaggebend, dass Philipp Kadelbach Regie führt, mit dem ich schon gearbeitet habe und den ich sehr schätze. Und einen Vampir zu spielen, fand ich auch sehr reizvoll.
Der auf einer Graphic Novel basiert. Sind das gute Filmvorlagen?
Als ich in Amerika „Superman 2 – Man of Tomorrow“ gedreht habe, waren die Storyboards, die James Gunn selbst gezeichnet hat, eine wichtige Referenz. Generell bleiben Filme aber oft hinter ihren Comic- oder Literaturvorlagen zurück. Den großen Trumpf, dass vieles nicht bebildert oder illustriert werden muss, bietet der Film nicht. Alles, was in der Literatur der Fantasie überlassen wird, muss im Film gezeigt werden.
Herr Eidinger, vielen Dank für das Gespräch.
"City of Blood", ab Mittwoch bei Disney+
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