Frau Link, Herr Beisenherz, eine Redewendung besagt bekanntlich, dass man so alt ist, wie man sich fühlt. Wie alt fühlt sich denn der "Kölner Treff" an, der jetzt 50 wird?

Susan Link: Ehrlich gesagt finde ich, dass der "Kölner Treff" immer jünger wird. Wir haben viele jüngere Gäste in der Sendung und sind inzwischen sogar mit großer Freude und Erfolg bei YouTube und Instagram unterwegs. Nur optisch klappt das bei uns mit der Verjüngung leider nicht. (lacht)

Micky Beisenherz: Fitter und frischer könnte man doch gar nicht aussehen! Trotz seines Alters hat sich der "Kölner Treff" gerade Rennradkleidung, ein Motorrad und ein Segelboot zugelegt und kümmert sich um Longevity.

Die Geschwindigkeit sozialer Medien bringt mit sich, dass dort kurze Szenen dominieren – und Aussagen schnell aus dem Zusammenhang gerissen werden können. Spüren Sie, dass Ihre Gäste deshalb vorsichtiger geworden sind, wenn sie sich öffentlich äußern?

Link: Man spürt schon, dass manche Gäste gerne mal in 30-Sekunden-Aussagen denken, verbunden mit dem Gedanken: Könnte das ein Reel werden? Ich sehe das allerdings nicht so kritisch, weil sich dadurch auch neue Formen der Kommunikation ergeben. Auf der anderen Seite haben wir es vermutlich alle schon mal erlebt, dass in Social Media einzelne Sätze rausgenommen oder Aussagen reduziert wurden. Das gehört leider inzwischen dazu. Trotzdem spüren wir immer wieder, dass sich unsere Gäste auf die Gespräche einlassen und dadurch Situationen entstehen, in denen man nicht sofort an das nächste Reel denkt. So viel Realität und so viele echte Menschen erleben wir dann doch noch.

Beisenherz: Irgendwie sind wir doch alle mittlerweile durch Social Media konditioniert. Dennoch habe ich das Gefühl, dass bei uns noch immer eine gesunde Ausgelassenheit stattfindet. Vielleicht nicht direkt in Minute 1, aber spätestens nach 20 Minuten haben wir alle meist nicht mehr das Gefühl, uns in einem öffentlichen Medium zu befinden. Und es ist doch auch spannend, wer da alles zusammensitzt: In einer der letzten Sendung saß NRW-Innenminister Herbert Reul neben dem Comedian Abdul Kader Chahin, die sonst nicht nur geografisch, sondern auch biografisch sehr weit auseinander sind. Und trotzdem hatten die beiden sich sehr viel zu sagen.

Dieter Thoma und Alfred Biolek © IMAGO / Cola Images Alfred Biolek (l.) und Dieter Thoma moderierten den "Kölner Treff" ab 1976, später kam Elke Heidenreich dazu. Die Neuauflage läuft seit 2006 im WDR Fernsehen.

Wie oft weichen Sie selbst in der Sendung von dem ab, was ursprünglich geplant war?

Link: Micky tut das immer! (lacht) Und das ist doch einfach schön. Natürlich hat man die Idee, was man erzählen möchte und worum es im Gespräch gehen soll. Aber wenn dann plötzlich Elke Heidenreich mit Lotto-Chico abbiegt und über Löcher in der Jeans redet, dann ist das so ein genialer Moment, dass wir die beiden nicht unterbrechen wollen. Je länger wir die Sendung gemeinsam machen, desto mehr kann man sich in solche Momente einfach reinfallen lassen. Diese Momente sind eigentlich der größte Spaß.

Beisenherz: Natürlich ist die redaktionelle Vorbereitung das A und O. Wir haben eine fantastische Redaktion, die alles sehr liebevoll und akribisch vorbereitet. Erst das macht es möglich, dass wir uns treiben lassen können. Diese Vorbereitungen sind letztlich die Positionslichter, an denen wir uns jederzeit orientieren können.

Wann ist ein Gast für Sie ein guter Gast?

Beisenherz: Die besten Gäste sind meist diejenigen, die verstehen, dass sie Teil einer Unterhaltungssendung sind – etwas, das im amerikanischen Fernsehen ganz selbstverständlich ist. Ich will da jetzt gar nicht zu sehr in ein Anspruchsdenken verfallen, aber es ist schon nicht verkehrt, wenn Gäste uns nicht nur als reine Erfüllungsgehilfen betrachten, sondern Lust darauf haben, mit uns zusammen eine Sendung unterhaltsam zu gestalten. Und ganz generell bin ich davon überzeugt, dass die deutsche Unterhaltungsindustrie sehr viel von Frauen jenseits der 90 lernen kann. Wenn du dich nämlich auf eine Kohorte verlassen kannst, dann auf die. Frauen über 90 sind im Fernsehen immer eine absolute Bank.

Da muss ich spontan an Inge Meysels Auftritte bei "Wetten, dass..?" denken.

Beisenherz: (lacht) Wir gleichen das im Zweifel dann altermäßig aus, indem wir noch junge Influencerinnen oder Comedians einladen. Da treffen sich dann im besten Fall Menschen, die sich vorher noch gar nicht kannten. Das sind oft die spannendsten Sendungen.

Kölner Treff © WDR/Melanie Grande Micky Beisenherz und Susan Link mit Bettina Böttinger, die den "Kölner Treff" bis Herbst 2023 moderierte.
Sie selbst haben vor fast zehn Jahren zunächst die Urlaubsvertretung von Bettina Böttinger übernommen. Wie gut kannten Sie sich damals – und wie gut kennen Sie sich heute?

Link: Wir kannten uns ganz gut, weil wir schon ein paar Jahre beim Radio zusammengearbeitet haben. Aber inzwischen kennen wir uns natürlich deutlich besser und verstehen uns in der Sendung auch ohne Worte. Oft brauchen wir nur einen Blick, um zu verstehen, was der andere gerade will.

Beisenherz: Wenn man so eine Sendung macht, ist es doch – um mal ein bisschen glückskekshaft zu sprechen – viel schöner, wenn man die Freude teilen kann.

 

"Wir müssen glücklicherweise nicht in irgendjemandes Fußstapfen passen, wir haben ja unsere eigenen Füße dabei."
Susan Link

 

Es gibt in der langen Geschichte des Fernsehens aber auch genügend Beispiele für Doppelmoderationen, die so gar nicht funktioniert haben.

Link: Es kann wirklich schlimm sein, zusammen zu moderieren. Glücklicherweise trifft das auf uns nicht zu. Wir verarbeiten Glück und Entsetzen gleichermaßen und sind immer froh, dass der andere das auch miterlebt hat.

Hat Ihnen dabei geholfen, dass Sie die Sendung von Anfang an als Duo moderieren konnten – auch in Abgrenzung zu Bettina Böttinger, die den "Kölner Treff" sehr lange alleine präsentierte?

Link: Dass wir ein Duo sind, war tatsächlich eine gute Ausgangsvoraussetzung. Es ging zwar nie darum, in einen Vergleich mit Bettina zu treten, aber natürlich wurden wir trotzdem immer wieder gefragt, ob die Fußstapfen nicht sehr groß sind.

Ihre Antwort darauf?

Link: Wir müssen glücklicherweise nicht in irgendjemandes Fußstapfen passen, wir haben ja unsere eigenen Füße dabei. Bettina hat diese Sendung wunderbar geprägt, sie hatte ihren Stil. Aber wir haben unseren Stil – alleine schon, weil wir zu zweit sind. Letztlich hat jeder seinen Platz. Und deswegen freuen wir uns auch umso mehr darüber, dass Bettina bei unserem Jubiläumsabend mit dabei sein wird.

 

"Am Ende ist es ein bisschen wie auf dem Wohnungsmarkt. Da heißt es: Lage, Lage, Lage. Und in Talkshows eben: Menschen, Menschen, Menschen."
Micky Beisenherz

 

Beisenherz: Natürlich haben wir rechts und links gehört, wie groß die Erwartungshaltung war, als wir die Sendung übernommen haben. Aber zum Glück ist man uns damit hinter den Kulissen nicht großartig auf den Geist gegangen. Letztlich ist jede Sendung aber auch so gut wie die Redakteure und Redakteurinnen, die sie zulassen. Wenn du jede Woche 20 Leute hast, die unablässig auf dich einreden, dann verkrampfst du natürlich komplett. Und dann kannst du eigentlich nie dein volles Potenzial entfalten – sofern du es denn hast.

Link: Geholfen haben uns aber auch die Zuschauerinnen und Zuschauer, die den Wechsel zugelassen haben. Die waren echt fair zu uns.

Für das Jubiläum haben Sie sich in einer begleitenden Dokumentation noch einmal ausführlich mit der Geschichte des "Kölner Treffs" beschäftigt. Was haben Sie dabei erfahren, was Sie vorher noch nicht wussten?

Beisenherz: Dass der "Kölner Treff" mal unter Ausschluss der Fernsehkameras stattgefunden hat und anfangs eine Art Salon gewesen ist, das war mir nicht bewusst. Was mir aber noch viel mehr aufgefallen ist: Dass sich so ein Format auch vor 50 Jahren aufgrund der Grundkonstellation genauso frisch anfühlte wie heute. Am Ende unterhalten sich eben Menschen mit unterschiedlichen Professionen und Geschichten – und das ist eben schon immer spannend gewesen. Daran merkt man, dass das Format Talkshow in gewisser Hinsicht unkaputtbar ist, wenn da richtige Menschen mit einem gewissen Interesse aufeinandertreffen. Am Ende ist es ein bisschen wie auf dem Wohnungsmarkt. Da heißt es: Lage, Lage, Lage. Und in Talkshows eben: Menschen, Menschen, Menschen.

Link: Lustig fand ich noch, dass die Promis anfangs aus dem Publikum gekommen sind. Da saß dann eine Senta Berger einfach neben den Zuschauerinnen und Zuschauern, bis sie zum Gespräch auf die Bühne geholt wurde. Am Publikum lässt sich übrigens auch der Gesellschaftswandel ablesen. Schon erstaunlich, was in 50 Jahren alles passiert ist. Vielleicht wird mir das aber auch deshalb noch ein bisschen bewusster, weil ich in diesem Jahr so alt werde wie der "Kölner Treff". (lacht)

Frau Link, Herr Beisenherz, vielen Dank für das Gespräch.

"50 Jahre Kölner Treff - Die große Jubiläumsausgabe" am Freitag um 20:15 Uhr im WDR Fernsehen, im Anschluss folgen noch eine Doku und zwei Rückblicke  zum Jubiläum