Herr Ehring, als "Extra 3" im NDR Premiere feierte, waren Sie ungefähr drei Jahre alt. Ihre Erinnerungen an damals dürften also gering sein.
Ich gehe noch weiter: Nahezu null.
Wissen Sie dennoch, wie hoch die Arbeitslosigkeit 1976 lag?
Ich glaube, Deutschland steckte da in einer ziemlichen Rezession. Ich schätze mal so … 800.000?
Nicht schlecht. Eine Million, volkswirtschaftlich gesehen herrschte also annähernd Vollbeschäftigung, aber dennoch helle Aufregung über den Niedergang Deutschlands.
Trotzdem fühlte sich das Leben damals bunter an, oder? Schon wegen der schrillen Farben aller Klamotten, Möbel, Autos. Man denkt halt immer, wenn etwas den alltäglichen Trott beeinträchtigt, in absolut einmaliger, nie dagewesener Zeit zu leben. Perfektes Material für die politische Satire eigentlich.
Boten die überschaubaren 1970er demnach besseren Satire-Stoff also die irren 2020er?
Extreme Ereignisarmut mag pointierter Satire ein bisschen abträglich sein. Aber Satire ist immer ihrer Epoche verhaftet, die sich in dem Moment niemals ereignislos anfühlt. Daher rührt die Aufregung über wenige Prozent Arbeitslosigkeit 1976. Die Zeiten waren für Politiker im Drei-Parteien-System ohne Internet definitiv leichter. Aber wenn Friedrich Merz behauptet, kein Kanzler vor ihm hätte sein Schicksal erdulden müssen, ist das trotzdem pure Larmoyanz.
Und damit pures Kabarett-Gold?
Unbedingt. Aber das Tempo, in dem Entscheidungen gefällt werden, hat sich schon immens gesteigert. Der Fußball hielt sich in den Siebzigern auch für unglaublich schnell und dynamisch. Wer sich die Spiele von damals ansieht, erkennt darin aber eher Standfußball. Alles eine Frage der Perspektive.
Ist die Krisenkonjunktur fürs älteste deutsche Satire-Format vielleicht gar ein bisschen egal, weil sich "Extra 3" ohnehin auch aus dem Alltagsirrsinn abseits der Politik speist?
Das mag sein. Als Satiriker muss man ohnehin immer mit dem verfügbaren Material arbeiten, aber "Extra 3" hatte analog zur Welt da draußen auch dramaturgisch geringes Tempo. Die Sendung war von Beginn an eher journalistisch als humoristisch geprägt.
Schon weil sie von Journalisten wie Dieter Kronzucker, Peter Merseburger oder Wolf von Lojewski geleitet wurde?
Teils mit einer platonischen Liebe zur Satire (lacht). Aber die haben sie trotzdem nie bewusst alltäglich interpretiert, sondern etwas breiter ausgelegt. Ob es uns das einfacher macht als der "heute-show" oder der "Anstalt", weiß ich nicht, aber unser Alleinstellungsmerkmal ist schon, dass wir durch den Blick über den tagespolitischen Tellerrand hinaus etwas versöhnlicher wirken. Manchmal geht es auch einfach um "die lachende Erkenntnis".
Über den täglichen Irrsinn der Bürokratie zum Beispiel.
Genau, das sind auch mal kleine Geschichten. Da drehen wir nicht das ganz große Rad.
Kann Satire auch an diesem Rad dennoch Debatten beeinflussen, gar das Denken?
Wenn ich mir anschaue, was die amerikanische Late Night zumindest bei mir bewirkt, sage ich: Ja. Mit welcher trotzigen Heiterkeit die sich journalistisch gut recherchiert an Donald Trump abarbeiten, macht mir persönlich Mut. Solange Satire nicht verboten ist, hat sie die Kraft, dem Publikum Hoffnung auf Veränderung zu machen. Wobei es mir anfangs gar nicht darum ging.
Sie wollten einfach witzig die Welt kommentieren?
Und den Finger in die Wunde legen. Aktuell gibt sie darüber hinaus aber offenbar vielen Menschen das Gefühl: Ihr seid mit euren Sorgen nicht allein.
In den USA ist Satire wie die „Daily Show“ allerdings längst oppositionelles Entertainment, das reichweitenschwache Nachrichten wie CNN bisweilen ersetzt.
Das spüre ich hier abzüglich der Reichweitenschwäche auch. Gerade von jüngeren Menschen höre ich öfter, dass Satire wie unsere die Woche für sie besser zusammenfasst als echte Nachrichten. Mir wäre ein Mit- lieber als ein Gegeneinander, aber es gibt natürlich auch investigative Satire.
Wie Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royal"?
Zum Beispiel. Ich bevorzuge da eher die alte Arbeitsteilung. Aber wenn handfeste Informationen etwas bunter, etwas heiterer, etwas dynamischer, kulinarischer verarbeitet werden – warum nicht? Und da habe ich das Gefühl, "Extra 3" ist in 50 Jahren sogar noch relevanter geworden.
Woran machen Sie das fest?
Etwa daran, dass sich prominente Politiker früher sehr viel seltener dazu herabgelassen hätten, sich mit Satirikern überhaupt zu befassen. Außerdem ist Satire durch Social Media ungleich präsenter als früher der monatliche "Scheibenwischer".
Spüren Sie das auch persönlich nach 15 Jahren "Extra 3"?
Natürlich, aber nicht annähernd so sehr wie unsere Mitarbeitenden, die 300 Hassbotschaften an die Redaktion nach jeder Sendung vorsortieren. Aber davon sollte man sich freimachen, sonst lähmt einen das. Früher haben sich Dinge auch mal versendet, heute ruft alles sofort einen Shitstorm hervor. Es geht nichts mehr in der Halböffentlichkeit des Dritten Programms verloren.
Bestes Beispiel ist Ihr Beitrag "Erdowie Erdowo Erdowahn". Waren zehn Millionen Views und diplomatische Zerwürfnisse 2016 ein bisschen eingepreist?
Öffentliche Resonanz ist immer eingepreist, aber nie kalkuliert. Schon gar nicht die türkische in dem Fall. Dennoch hat uns der Ruhm des erfolgreichsten Zufallstreffers von "Extra 3" in 50 Jahren gefreut. Erdogan als Medienpartner kam ebenso gelegen wie unverhofft. Wir sind aber nicht die Skandalnudeln vom Dienst. Und ich persönlich will auch nicht auf Teufel komm raus provozieren.
Auch nicht mit der "Nazi-Schlampe" Alice Weidel?
Sie wollte doch die politische Korrektheit auf den Müllhaufen der Geschichte befördern. Ich dachte, da tue ich ihr einen Gefallen. Das ist jetzt aber auch schon wieder viele Jahre her. Im Normalfall bleibt es bei uns doch vergleichsweise familienfreundlich. Okay – das klingt jetzt, als seien wir der Golden Retriever unter den Satire-Sendungen (lacht). Also: Wir packen schon mal hart zu, wollen aber niemanden vernichten und legen es nicht auf Konsequenzen an.
Anders als Jan Böhmermann, dessen Spottgedicht auf Erdogan als Reaktion auf ihren Clip unverkennbar die Konfrontation gesucht hat.
Oder er wollte einfach sehr anschaulich vermitteln, wie Schmähkritik aussieht.
Wie reagiert der NDR auf Satire mit Konsequenzen? Das ZDF hat der "Anstalt" bekanntlich gerade Danger Dan ausgeladen.
Satire, die niemals Konsequenzen hat, wäre dann selbst mir zu familienfreundlich. Danger Dan einzuladen, fand ich mutig. Zu "Extra 3" hätte der Song aber nicht gepasst.
Mit 15 Jahren Format-Erfahrung können Sie das vermutlich beurteilen. Wie lange machen Sie noch "Extra 3"?
Wenn wir uns hier zum 60. Geburtstag wiedersehen: raten Sie mir bitte, aufzuhören.
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