Herr Oelrich, Ihr YouTube-Kanal feiert 20-Jähriges. Wie schafft man es, in dieser schnelllebigen Szene so lange erfolgreich und relevant zu bleiben?
Das hört sich jetzt vielleicht spießig an, aber es ist vor allem viel Arbeit. Ich war immer fleißig und habe das als meinen Beruf verstanden, seitdem ich 2015 meinen Job als Erzieher an einer Grundschule aufgegeben habe. Mir war schon damals klar: Ich werde mir morgens den Wecker stellen, ins Büro fahren, abends wieder zurückkommen, so wie bei den meisten Berufstätigen. Und natürlich ist auch Kreativität wichtig. Du musst immer neue Ideen haben, ohne deinen Kern zu stark zu verändern. Die Leute wissen, welche Art von Humor sie bei mir erwarten können.
Etliche Creator adressieren spitze Zielgruppensegmente, bei Ihnen wird die ganze Familie fündig. Hilft die breite Ansprache auch bei der Langlebigkeit?
Vor ein paar Wochen war ich mit meiner Frau auf einem Konzert. Da hat mich erst ein neunjähriges Mädchen angesprochen, dann ein Typ, der so Mitte 20 war, und dann noch eine reifere Dame zwischen 60 und 70. Was für ein Privileg, so eine Zielgruppe abbilden zu dürfen! Dahinter steckte aber nie ein strategischer Plan. Als ich mit 16 anfing, die ersten Videos in meinem Dorf zu drehen, war das sehr albern, quasi von Kids für Kids. Der größte Bruch war wahrscheinlich um 2019, als ich Helga und Marianne erfunden habe. Da ist gefühlt über Nacht eine völlig neue Zielgruppe hinzugekommen, nämlich Erwachsene. Natürlich hat sich auch mein eigener Humor mit zunehmendem Alter verändert.
Ihre figurenbasierte Sketch-Comedy war dafür prädestiniert, früher oder später auch im Fernsehen zu landen. Hatten Sie es eigentlich darauf angelegt?
Überhaupt nicht. Für mich war das immer weit weg, das große Fernsehen da in Köln. Ich habe das aus der Ferne bewundert, konnte mir aber nicht vorstellen, dass die irgendwas von mir wollten. Die ersten Kontakte mit dem NDR gab es, als ich mal was für den Eurovision Song Contest machen durfte. Das hat Spaß gemacht, aber ich habe auch gemerkt, dass dort alles ein bisschen langsamer geht. Ich war's ja so gewohnt: Morgens habe ich eine Idee, abends steht das Video online. Beim NDR gab's sehr lange Abläufe und Kameras, die so groß waren, dass man zehn Minuten brauchte, um sie aufzubauen. Das war ein bisschen ernüchternd und ich dachte mir: Da muss ich nicht unbedingt nochmal hin.
Beim ZDF haben Sie dann trotzdem ein paar Jahre später zugesagt, die Sketch-Comedy "Einsame Herzen" als Parodie auf Dating-Formate zu machen.
Als das ZDF auf mich zukam, habe ich gesagt: Okay, aber es muss meine Idee sein, meine Handschrift tragen und ihr müsst mir ein bisschen entgegenkommen. Und umgekehrt sagte das ZDF: Du musst aber auch verstehen, dass wir ein großer Apparat sind und verantwortungsvoll mit Gebührengeld umgehen müssen. Am Ende ist daraus etwas entstanden, das für beide Seiten richtig gut geklappt hat. Wir haben unglaublich tolle Abrufzahlen hinbekommen, weil meine Zuschauer den Weg von YouTube in die Mediathek gefunden haben.
Bei einigen Influencern stelle ich fest, dass sie ihren Beruf sehr locker nehmen und sich nicht immer an Termine und Absprachen halten.
Torge Oelrich
Das ist immer noch die Ausnahme. Meist funktioniert der Transfer nicht so gut, wie die TV-Sender sich das erhoffen. Wo liegt das Missverständnis?
Vor zehn Jahren durfte ich mal für Nickelodeon zu den Kids' Choice Awards nach Los Angeles. Da wurde die komplette Show live im Fernsehen übertragen, aber die Kids konnten etliche Elemente interaktiv mit ihren Handys steuern. Damals dachte ich: wow, the next big thing! War's dann aber doch nicht, weder in Amerika noch in Deutschland. Ich hätte wirklich gedacht, dass wir 2026 schon ein bisschen weiter wären. Allerdings habe ich auch nicht die Antworten, woran es fehlt. Ich bin nicht der Typ, der auf die vermeintliche Mutlosigkeit der Öffentlich-Rechtlichen schimpft. Schließlich kann ich ja bezeugen, dass sie können, wenn sie nur wollen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass sie noch viel öfter kreative Räume ohne Angst vorm Scheitern anbieten.
© ZDF/Roses are Blue
Vom Digitalen ins Physische: Kaan, Merleperle, CrispyRob, Starletnova und Helge Mark (v.l.) spielen bei "Terrain"
Mit "Terrain – Battle of the Flags" wollen Sie den Crossover-Erfolg jetzt auf ganz andere Weise wiederholen – mit einer Strategie-Spielshow, in der bekannte Creator und Streamer gegeneinander antreten. Wie kam es zu dieser Idee?
Mein Wunsch war, auch mal etwas als Torge zu machen. Bisher standen ja immer meine Comedy-Figuren im Vordergrund. Da ich selbst gern spiele, hatte ich schon länger die Grundidee für ein Spielformat wie "Terrain", die ich dann zusammen mit Ina Fuchs Balint von Roses are Blue weiterentwickelt habe. Wir haben uns an den Tisch gesetzt und das im wahrsten Sinne des Wortes durchgespielt: Wie könnte sowas aussehen? Zwei Dörfer irgendwo im Nichts, Flaggen sind auf einem riesigen Terrain verteilt, und man hat drei Tage Zeit, möglichst viele Flaggen des Gegners zu erobern. Als wir das Konzept halbwegs auf Papier hatten, haben wir es mit zwei Schulklassen ausprobiert, um zu sehen, was passiert, wenn man ein Videospiel in die echte Welt holt. So konnten wir manche Denkfehler aus der Theorie korrigieren.
Wenn man dann mit zehn Gamerinnen und Gamern in den schottischen Highlands steht, muss der Transfer vom Digitalen ins Physische trotzdem erst noch hinhauen. Um mal das Klischee zu bedienen: Nur weil man sich täglich auf Twitch beim Zocken zeigt, hat man nicht unbedingt die nötige Kondition für ein Outdoor-Abenteuer.
(lacht) Was soll ich sagen? Genau das ist passiert. Die haben das komplett unterschätzt. Beim ersten Angriff auf die gegnerischen Flaggen kann man schön sehen, wie die meisten losrennen und teilweise nicht mal die Hälfte des Weges schaffen, ehe sie atemlos auf dem Boden liegen und nach Verstärkung funken. Im Nachhinein hat uns ein Gamer gesagt, dass er maximal auf 10.000 Schritte in der Woche kommt. Die waren körperlich, teilweise auch mental, mit der Situation überfordert. Wie steigt man zum Beispiel in einen Schlafsack und zieht ihn zu? Wussten einige nicht, weil sie es noch nie im Leben gemacht hatten.
Dennoch legen Sie Wert darauf, dass es keine Reality-Show geworden ist, die auf Clinch und Schadenfreude basiert.
Weil ich selbst kein Fan solcher Formate bin. Die habe ich ja bei "Einsame Herzen – Das Love Camp" parodiert. Wie da miteinander umgegangen wird, finde ich teilweise echt eklig. Wir wollten weder Reality noch Survival machen, sondern das Spiel ernst nehmen. Deswegen gab es auch vernünftiges Essen und warmes Wasser beim Duschen. Was wir uns von Formaten wie "7 vs. Wild" abgeguckt haben, ist der authentische Stil, der dadurch entsteht, dass die Spieler sich selber filmen. Die Crew war ein Teil unseres Teams, davon haben wir profitiert. Wir haben dafür auf eine neue Kameratechnik zurückgegriffen, die es so noch nie gab. Alle haben eine eigens entwickelte Weste mit integrierter Kamera getragen, die seitlich himterm Kopf sitzt, so dass es wirklich so aussieht, als wäre man mitten in einem Game, das konsequent aus der Ego-Perspektive gefilmt ist.
Sie selbst stehen bisher nicht für Gaming-Inhalte. Ist das eine Hürde für Ihr Stammpublikum?
Ich habe mein Leben lang gern gespielt. Ich bin nicht so der klassische Zocker, der sich abends stundenlang hinsetzt und in Fantasy-Welten abtaucht, aber ich bin mit Rollercoaster-Aufbauspielen auf der PlayStation aufgewachsen. Heutzutage sehe ich bei meinem achtjährigen Sohn, dass Twitcher die großen Stars und Helden sind. Genau diese Verbindung wollte ich als "Senior" nach 20 Jahren erfolgreichem Creator-Dasein herstellen: den Jüngeren eine Bühne geben und sie in meine Show einladen. Ich bin nur der Gastgeber und spiele nicht selbst mit. Die zehn Gamerinnen und Gamer dürfen die Show mit ihren Inhalten füllen.
Wie würden Sie denn die Verbindung beschreiben, die zwischen Ihnen und dieser neuen Generation besteht?
Mich erstaunt es selbst immer wieder, aber einige von denen haben tatsächlich erzählt, dass sie seit frühester Jugend Torge geguckt haben. (lacht) Während der Produktion hat jemand gesagt: Torge hat damals mit aufgebaut, wovon wir heute profitieren, also diese ganze Online-Entertainment-Welt. Natürlich empfinde ich es als Ritterschlag, wenn junge, erfolgreiche Creator mir eine solche Wertschätzung entgegenbringen. Wenn ich andersrum auf diese neue Generation gucke, sehe ich schon, dass die völlig anders arbeiten als ich, auch ein ganz anderes Tempo beim Erzählen haben. Es ist alles lauter und schneller. Wenn ich sehe, was mein Achtjähriger cool findet, dann bin ich manchmal überfordert. Aber so ging es meinen Eltern damals auch, als ich mit meinen Videos anfing.
Zu der Wegbereiter-Rolle gehört ja vermutlich auch die Business-Seite. Sie waren Teil der ersten Generation, die gezeigt hat, dass das nicht bloß ein verrücktes Hobby ist, sondern auch ein gutes Geschäftsmodell sein kann, wenn man es richtig anstellt.
Genau. Und in dieser Hinsicht bin ich vielleicht doch wie der strenge Papa, wenn mir bei der jüngeren Generation manchmal ein Stück weit die Professionalität fehlt. Ich möchte das nicht verallgemeinern, aber bei einigen Influencerinnen und Influencern stelle ich doch fest, dass sie ihren Beruf sehr locker nehmen, nach dem Motto "wird schon irgendwie werden", und sich nicht immer an Termine und Absprachen halten. Auch auf die Gefahr hin, altmodisch zu klingen: Ein Mindestmaß davon ist nötig, wenn man 20 Jahre durchhalten will.
Herr Oelrich, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Terrain – Battle of the Flags", am Donnerstag ab 20 Uhr im ZDF-Streaming und um 23:45 Uhr auf ZDFneo
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