Annette Dittert © Annette Dittert
DWDL.de-Interview mit Annette Dittert

"... aber damit kam ich nicht mehr ins Programm"

von Thomas Lückerath
06.01.2015 - 09:40 Uhr

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15 Jahre lang war Annette Dittert als Auslandskorrespondentin der ARD unterwegs, zuletzt in London. Dort haben wir sie besucht und über ihren Ausstieg aus dem Korrespondenten-Leben, zu wenige Sendeplätze, geduldige Briten und dichte deutsche Fenster gesprochen.

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Frau Dittert, wann haben Sie entschieden, dass das ARD-Büro in London ihre letzte Station als Auslandskorrespondentin sein wird?

An dem Tag, an dem ich in London angekommen bin. London ist eine Stadt, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Ich passe hier irgendwie hin (lacht). Das passiert einem als Korrespondent nicht oft, aber manchmal merkt man, dass ein neuer Einsatzort mehr ist als nur das. Das ist ein Glücksfall für einen Korrespondenten, auch weil man dann einfach viel besser berichtet.

Aber warum haben Sie zum Jahresende das ARD-Büro in London abgegeben?

Ich habe einfach nach sieben Jahren hier und insgesamt rund 15 Jahren als Auslandskorrespondentin das Bedürfnis gehabt, einen Boxenstopp zu machen, um auch mal wieder zu mir zu kommen. Dieser Job ist unglaublich anstrengend, weil man 24/7 im Dienst ist und ich bin das jetzt seit ich 2000 damit in Warschau begonnen habe - das ist eine lange Zeit.

Es geht also zurück nach Deutschland?

Ich werde erstmal auf Emilia, mein neues kleines Kanalboot ziehen und ein Sabbatical machen. Dafür bin ich dem NDR sehr dankbar. Danach geht es weiter. Die Idee ist, dass ich dann von Hamburg aus längere Reportage-Stücke und Dokumentationen machen werde, filmischer arbeiten kann. Mein Hausboot in London werde ich behalten, aber zusätzlich dann auch mal wieder einen Wohnsitz in Deutschland haben. Deutschland ist für mich ein Abenteuer. Nach einer so langen Zeit im Ausland weiß ich ja auch gar nicht mehr wirklich, wie sich Deutschland anfühlt. Meine größte Freude allerdings ist die Aussicht, endlich längere Formate umsetzen zu können. Die Zeit der hektischen Schalten ist für mich erst einmal vorbei.

Das klingt ein Stück weit nach Erleichterung.

Ja, auch wenn ich das Alltagsgeschäft natürlich vermissen werde, ein bisschen Erleichterung ist auch dabei. Das Geschäft ist so unfassbar kurzatmig geworden. Dabei täte es allen gut, öfter mal ganz tief durchzuatmen.

Über die Veränderungen des Berufs haben wir ja schon oft miteinander gesprochen.

Zurückblickend muss ich heute sagen: Wenn ich an die Zeit in Warschau denke, wo ich angefangen habe, dann hat sich der Job beinahe um 180 Grad gewandelt. Die Redaktionen haben heute oft die gleichen Infos wie der Korrespondent vor Ort, wo man dann auf verlorenem Posten steht. Die Nachrichten-Konjunktur ändert sich so rasant, dass man den Infos eigentlich nur noch hinterher rennt und immer weniger Zeit hat, eine Reportage mit entsprechender Vorbereitung und wertvollem Hintergrund vorzubereiten. Früher konnte man zwei Tage drehen für ein „Tagesthemen“-Stück, weil man damit ein Thema setzen wollte. Das geht heute nur noch ganz selten.

Welche Aufgabe können Auslandskorrespondenten in diesem schnellen Nachrichtengeschäft erfüllen?

Wir brauchen die Korrespondenten auch weiterhin ganz unbedingt, vielleicht mehr denn je, weil die schnelle fachlich kompetente Einschätzung von Nachrichtenlagen im immer hektischer gewordenen Nachrichtenzirkus umso wichtiger ist. Diese Möglichkeit auf Expertise zurückzugreifen, wird immer wichtiger. Diese Expertise kann man nur haben, wenn man ein dauerhaftes Korrespondentennetz hat und nicht nur schnell Reporter hinschickt.

Krisenreporter sind allerdings schwer in Mode. Sind sie die neuen Auslandskorrespondenten?

(überlegt) Rasende Reporter, die bei einer aktuellen Krise irgendwo auf der Welt abgeworfen werden, sind oftmals mehr Imagepflege als Erkenntnisgewinn. Denn sie speisen ihre Live-Schalten meist hauptsächlich aus den Informationen, die sie vorher über Agenturen und das Netz erhalten. Das ist eine Entwicklung von der ich hoffe, dass sie den Öffentlich-Rechtlichen erspart bleibt. Aber die Gefahr, dass sich das mehr in diese Richtung entwickelt, ist groß. Das Interesse an Hintergrund und nachhaltiger Analyse aus dem Ausland scheint mir in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren immer weiter zurückzugehen. Die Ausnahme ist dann eben nur noch die große Krise oder Katastrophe. Wenn sich das weiter so entwickelt, wird man das Ausland im Nachrichten- und Magazinjournalismus bald nur noch anhand von Krisen erzählen. Das hängt natürlich auch mit der Zunahme tatsächlicher Krisen und Kriege zusammen. Aber ich sehe schon die Gefahr, dass Auslandsberichterstattung in Zukunft zunehmend in diesem Segment stattfindet.

Wäre es nicht gerade Aufgabe der Korrespondenten-Netze von ARD wie ZDF auch andere Geschichten aus aller Welt zu erzählen?

Ja, das könnte für mein Empfinden sehr viel mehr sein. Aber es gibt immer weniger Sendeplätze für längere Reportagen. Das finde ich sehr schade, weil man nur so die Möglichkeit hat, Land und Leute zu portraitieren. Wenn wir uns beispielsweise das Unabhängigkeitsreferendum in Schottland im vergangenen Jahr anschauen, dann war es sehr wichtig zu verstehen, wie tiefgreifend die kulturellen Differenzen zwischen Schotten und Engländern waren, um die Bedeutung dieser Abstimmung jenseits des punktuellen Ereignisses des Referendums überhaupt einordnen zu können. Das fand aber kaum statt. Stattdessen haben wir erst in der Woche vor dem Referendum begonnen zu berichten, dann allerdings nonstop. Ein längeres Analyse-Stück, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Frank Jahn gemacht hatte, wurde irgendwann nach Mitternacht versendet. Und mit dem Tag des Referendums kam das Thema schlagartig nicht mehr vor. Obwohl es jetzt erst richtig spannend wird zwischen Schottland und England. Denn obwohl die Schotten sich am Ende für die Union entschieden haben, ist der kulturelle Graben nach dem Referendum fast noch tiefer geworden. Und das wird Folgen haben für die politische Kultur auf der Insel, auch für die Wahlen im Mai. Aber damit kam ich nicht mehr ins Programm. Das sind die Hintergrundberichte, die ich sehen will, für die aber kein Platz mehr ist.

Wie geht man damit um, wenn man so viele Geschichten erzählen will, aber keinen Platz dafür findet?

Ich habe ja einen Videoblog angefangen. Eben genau deshalb: Weil ich so viele schöne Geschichten zu erzählen hatte, aber nicht ins Programm kam damit. ‚Dazu bin ich doch hier‘ dachte ich mir. Und so ist das dann zusammen mit der Tagesschau.de-Redaktion entstanden. Ich glaube, durch den Videoblog habe ich am Ende mehr Aufmerksamkeit für Geschichten aus Großbritannien bekommen als durch meine Filme in der ARD. Durch die Hintertür konnte ich so doch das machen, was mich immer an dem Beruf der Korrespondentin gereizt hat. Ich bin Geschichtenerzählerin, nicht nur die News-Reporterin.

"Irgendwann allerdings denkt man sich: Ich möchte nicht den fünfhundertsten Beitrag zum exzentrischen englischen Lord machen"


Gibt es Geschichten, die Sie gerne erzählt hätten - aber nie dazu kamen?

Eigentlich habe ich am Ende schon alles umsetzen können, was ich machen wollte. Sieben Jahre sind ja auch eine lange Zeit und der Videoblog hat sehr geholfen. Ich hätte, wie gesagt, gerne ein bisschen mehr in und über Schottland gemacht, auch jenseits dieses Referendums. Aber dazu ist es dann oft nicht gekommen, auch weil man den Posten in London nicht zu lange verlassen kann, dazu passiert hier einfach aktuell zu viel.

Was waren in ihren sieben Jahren denn die meistangefragten Themen aus Deutschland?

Jenseits der Nachrichten zum Thema EU sind das schon erstmal immer die typischen Klischees, die angefragt werden. Damit kann man dann spielen, und das macht auch Spaß. Irgendwann allerdings denkt man sich: Ich möchte nicht den fünfhundertsten Beitrag zum exzentrischen englischen Lord machen. Die Story macht man dreimal mit viel Freude, danach noch dreimal weil’s gewünscht wird und dann möchte man doch mal wieder etwas anderes machen. Wobei das mit den Klischees durchaus ambivalent ist..

Interessant. Wie meinen Sie das?

Es gibt zuerst so eine Phase, in der man allen beweisen will, dass diese Klischees und Vorurteile wirklich nur Vorurteile sind und man es selbst ja als Korrespondentin vor Ort besser wissen müsse, wenn man schon hier lebt. Aber mit den Jahren muss man sich doch eingestehen: Manche Vorurteile haben eben doch einen wahren Kern. In England ist es sicher das leicht exzentrische Wesen, ein sehr anarchischer Grundzug, und eine mit sich hadernde Emotionalität, aus der dann tatsächlich dieser Witz entsteht, der ihnen immer zugeschrieben wird. Da ist schon was dran. Und die Briten sind tatsächlich weniger konform als die Deutschen. Klischees bewahrheiten sich manchmal nicht auf den ersten, aber zweiten Blick.

Was fasziniert Sie an den Briten?

(überlegt) Die Fairness der Briten fasziniert mich. In meinen Jahren hier gab es z.B. viele Fußballspiele zwischen England und Deutschland. Wenn die Engländer - wie meist - bitter verloren haben, fragte ich mich, ob ich danach wirklich in den Pub gehen sollte. Doch weit gefehlt: Man gratulierte mir, also uns. Wenn die Engländer die Rahmenbedingungen eines Wettbewerbs für fair erachten, dann können sie gute Verlierer sein. Bei der EU stimmen für sie halt die Rahmenbedingungen nicht.

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