Für moderne Serien ist es zweifellos ein Qualitätsmerkmal, wenn sie das Weltgeschehen aufgreifen, vor Konflikten nicht zurückschrecken und auch schmerzhafte Fragen stellen. Ungewollt haben die aktuellen Umstände nun Auswirkungen auf das Festivalgeschehen im nordfranzösischen Lille: Als am Freitagabend die internationale Jury unter Leitung des isländischen Regisseurs Benedikt Erlingsson ("The Danish Woman") vorgestellt wurde, fehlte Jurymitglied Ida Panahandeh. Die iranische Filmemacherin, die voriges Jahr auf der Series Mania einen Regiepreis für ihr Seriendebüt "At the End of the Night" gewonnen hatte, sitzt wegen des Kriegs in Teheran fest und kann nicht nach Frankreich fliegen.

In einer Videobotschaft rief Panahandeh den Gästen der Festivaleröffnung zu, sie sei "zutiefst glücklich" darüber, dass es "irgendwo auf der Welt Menschen wie euch" gebe, die sich dafür einsetzten, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und weiter: "Wenn ich diesen Krieg lebend überstehe, werde ich vielleicht eine Serie drehen, die von den bitteren Tagen und Nächten erzählt, die mein Volk durchlebt. Menschen, die seit Jahrzehnten unter der Last sozialer oder politischer Diskriminierung und wirtschaftlicher Sanktionen leiden – und nun auch noch unter herabfallenden Raketen. Immer wenn Soldaten beginnen, die Grenzen ihres Landes zu überschreiten, wird es Künstlern plötzlich verboten, ihre eigenen Grenzen zu verlassen. Das ist eine bittere Ironie. Ich wünsche mir, dass alle Soldaten innerhalb ihrer eigenen Grenzen bleiben und sich ausruhen, während alle Künstler frei Grenzen überschreiten können. Ohne Zweifel hätten wir dann eine weitaus bessere Welt."

The Testaments © Disney Teenager in Gilead: Eröffnet wurde das Festival von "The Testaments"
Zur nachdenklichen Stimmung passte, dass die Series Mania mit der Weltpremiere der Disney+-Serie "The Testaments" eröffnete, des Sequels zu "The Handmaid's Tale" nach der gleichnamigen Romanfortsetzung von Margaret Atwood. Erzählt wird die dramatische Coming-of-Age-Geschichte der Teenager Agnes (Chase Infiniti) und Daisy (Lucy Halliday), die in Gilead Tante Lydias (Ann Dowd) elitäre Vorbereitungsschule für künftige Ehefrauen absolvieren – ein Ort, an dem Gehorsam brutal und mit göttlicher Rechtfertigung eingeflößt wird. "'The Handmaid’s Tale' handelte von Menschen am unteren Ende der Gesellschaft, diese Serie zeigt Frauen an der Spitze von Gilead", erklärte Showrunner Bruce Miller. "Aber sie zeigt auch, wie sehr sich für Frauen die Spitze und das unterste Ende der Gesellschaft ähneln". Dowd nannte die Wiederaufnahme ihrer Rolle als Tante Lydia ein "großes Privileg". Erste Regel für Schauspieler sei, über ihre Figuren nicht zu urteilen. "The Testaments" startet am 8. April auf Disney+.

Das Festivalteam um Direktorin Laurence Herszberg hatte 375 Serien aus 64 Ländern gesichtet, um das Programm der diesjährigen Series Mania zusammenzustellen. Ausgewählt wurden 51 Serien aus 16 Ländern, die diese Woche in Lille zur Aufführung kommen. Finanziert wird Europas größtes Serienfestival vom staatlichen französischen Filmförderer CNC, dem EU-Programm Creative Europe, der Region Hauts-de-France sowie etlichen Sponsoren wie Beta Film, BBC Studios, Mediawan oder Gaumont. "Zwar war in diesem Jahr ein unbestreitbarer Rückgang in der Branche zu verzeichnen – weniger eingereichte Serien, kürzere Formate, Staffeln mit weniger Episoden. Doch hat sich daraus ein unerwarteter Vorteil ergeben", so Herszberg. "Bei der heutigen Serienproduktion scheint es weniger um den Umfang als vielmehr um die Genauigkeit zu gehen. Es gibt weniger epische Erzählungen und dafür konzentriertere, manchmal schonungslose Werke, die oft in direktem Zusammenhang mit einer Welt unter Spannung stehen."

Laut Series-Mania-Chefin Herszberg spielen Serien angesichts der aktuellen "politischen, sozialen und ideologischen Umwälzungen" weiterhin ihre Rolle als "sensible Seismographen, die Warnungen, Widerstand und mögliche Fluchtwege aufzeigen". Europa behaupte sich dabei als "Nervenzentrum der Kreativität". In der Tat zieht sich die Darstellung autoritärer und faschistischer Systeme durch viele Werke im Programm. "Breendonk" aus Belgien und "Anatomy of a Moment" aus Spanien greifen die Verlockungen des Faschismus und die Hindernisse für die Demokratie im Europa des 20. Jahrhunderts auf. Die französisch-deutsch-niederländische Koproduktion "Etty" mit Julia Windischbauer und Sebastian Koch erzeugt einen beunruhigenden Spiegeleffekt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, indem sie die Nazi-Besatzung von 1941 aufs heutige Amsterdam bezieht. Die belgische Near-Future-Serie "The Best Immigrant" wiederum inszeniert eine dystopische Reality-Show, mit der die rechtsextremistische Regierung Belgier mit ausländischer Herkunft loswerden will.

"Notwendiger denn je erinnern uns die diesjährigen Serien daran, dass das Erzählen von Geschichten über die Welt nach wie vor eine wesentliche Möglichkeit ist, sie zu hinterfragen. Und manchmal auch eine Einladung, uns nicht mit ihr abzufinden", so Herszberg. Bevor am Dienstag das Branchenprogramm des Series Mania Forums beginnt, zu dem über 5.000 Fachbesucher aus 75 Ländern erwartet werden, treffen sich internationale Top-Einkäufer von A wie Apple TV bis Z wie ZDF zum "Buyers Upfront", um frühen Zugriff auf zehn ausgewählte, fast fertige Serienprojekte zu bekommen.

Beta Film ist dort mit der spanischen HBO-Max-Dramedy "In Vitro" vertreten, die vom Alltag einer Mikrobiologin in einer Kinderwunschklinik erzählt, die Studio-Hamburg-Tochter OneGate Media mit dem Schweizer Thriller-Sechsteiler "Blind" und ITV Studios mit "Number 10", der neuen Serie von "Sherlock"-Showrunner Steven Moffat, der sich diesmal das fiktive Hauspersonal im Amtssitz des britischen Premierministers an der Londoner Downing Street vornimmt.