Man muss nur zwei Jahre in der Zeit zurückgehen, um die Trendwende nachempfinden zu können. Obwohl der krisenbedingte Produktionsrückgang längst eingesetzt hatte, überboten sich die globalen Streaming-Plattformen noch immer gegenseitig mit ihren vollmundigen Ankündigungsshows beim zentralen Branchentreff der Serienmacher. Kein Wunder, schließlich waren ihre Pipelines noch mit all den Bestellungen der Vorjahre gefüllt.

2026 ist davon nicht mehr viel übrig. Disney+ und Prime Video haben ihre Präsenz auf der Series Mania spürbar zurückgeschraubt, Netflix und Paramount+ verzichten ganz auf Präsentationen. Die Rolle des wachstumsgetriebenen Aufsteigers fällt allein HBO Max zu. Das Bild im nordfranzösischen Lille passt damit zu den von Ampere Analysis errechneten Zahlen, nach denen die Produktionsaufträge der US-Riesen in Westeuropa in den letzten zwei Jahren um 15 bis 28 Prozent gesunken sind – mit Ausnahme des 88-Prozent-Zuwachses beim noch recht frisch angetretenen HBO Max (DWDL.de berichtete).

Bis zum Jahresende strebe man ein Wachstum von 130 auf 150 Millionen Abonnenten an, verkündete eine strahlende Sarah Aubrey, Chefin der internationalen Eigenproduktionen, am Tag vor dem HBO-Max-Launch in Großbritannien und Irland. Auf die Perspektive eines noch größeren, fusionierten Streaming-Dienstes im Zuge der geplanten Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Paramount ging sie dabei noch gar nicht ein. Neben einem ersten Setfoto und Anekdoten heulender Influencer am Londoner Set der "Harry Potter"-Serie wusste Aubrey vor allem mit der Breite und Tiefe ihrer nicht-englischsprachigen Festivalpremieren zu beeindrucken.

Paolo © HBO Max Unbehagen und Ironie: HBO Max zeigt den Psychothriller "Paolo"
Aus Frankreich, wo inzwischen Anke Greifeneder die Verantwortung für die lokalen HBO Max Originals zusätzlich zum deutschsprachigen Raum übernommen hat, erblickten in Lille gleich zwei Top-Titel das Licht der Serienwelt. Der siebenteilige Psychothriller "Paolo" von Sébastien Marnier fesselt mit der tragischen Obsession, die ein Arbeiter aus der Provinz für einen aufstrebenden Lokalpolitiker entwickelt. "Zwischen sozialem Unbehagen und beißender Ironie" verwandle er einen "banalen Wahlkampf in einen schwindelerregenden Spiegelsaal", urteilte das Auswahlgremium der Series Mania. Der sechsteilige Young-Adult-Thriller "Privileges" von Marie Monge und Vladimir de Fontenay erzählt von einer jungen Straftäterin, die im offenen Vollzug in einem Pariser Luxushotel arbeitet – laut Festival "eine mitreißende Geschichte, in der tadelloser Service auf Verrat trifft und jeder Schritt auf der Karriereleiter eine Entscheidung mit hohem Einsatz ist".

Ebenfalls Weltpremiere feierte das achtteilige LGBTQ-Drama "Proud" aus Polen, in dem Creator und Regisseur Karol Klementewicz seinen ebenso partyfreudigen wie egozentrischen schwulen Helden damit konfrontiert, dass der sich nach dem plötzlichen Tod seiner Schwester um deren Baby kümmern muss. "Eine zarte, ehrliche und mitreißende Reflexion über Liebe und Freundschaft", so das Festival, und auch eine "unverzichtbare Serie, die die beiläufige Homophobie unserer modernen Welt thematisiert". HBO Max habe "wirklich Mut bewiesen, einer Serie wie unserer einen Platz einzuräumen", sagte Klementewicz am Rande des Festivals unter Verweis auf fehlenden gesellschftlichen Dialog und Missachtung von Minderheiten in Polen.

Weniger breit aufgestellt, dafür umso konsequenter in der Genre-Positionierung präsentierte Prime Video sich der Branche beim Series Mania Forum. Dass man nach weltweiten Hits wie "Maxton Hall" oder der spanischen "Culpables"-Trilogie mehr denn je auf Young Adult und Romance setzt, war den Ankündigungen von Nicole Morganti, Südeuropa-Chefin der Amazon MGM Studios, zu entnehmen. Serien und Filme wie "Campus Drivers" und "Toi + Moi" aus Frankreich, "Love Me Love Me" aus Italien oder "Drawn Together" aus Spanien unterstreichen nicht nur den vermeintlich endlosen Reiz von Dreiecksbeziehungen an Schulen, sondern auch die Amazon-Strategie, besonders populäre YA-Protagonisten munter zwischen den Produktionen verschiedener europäischer Märkte auszutauschen. Immerhin biete das Genre ja "momentan eine der wenigen Gelegenheiten, frische junge Gesichter zu etablieren", so Thomas Dubois, Leiter der französischen Originals bei Amazon MGM.

Angela Jain © Series Mania/Chloé Leclercq Aussicht auf mehr: Angela Jain, Head of Content bei Disney+ EMEA
Für Disney+, das die Series Mania mit dem "Handmaid's Tale"-Sequel "The Testaments" eröffnet hatte (DWDL.de berichtete), stellte Angela Jain, Head of Content in der EMEA-Region, mehr Investitionen in lokale Produktionen in Aussicht. "Was immer wir heute machen – morgen machen wir mehr", sagte die frühere ITV-Studios-Managerin, die vor einem halben Jahr zu Disney gewechselt war und dort die Greenlight-Autorität für alle europäischen Streaming-Produktionen innehat. Angesprochen auf den Umstand, dass bislang noch keiner Disney+-Serie aus Europa ein echter globaler Durchbruch gelungen ist, nannte sie es "meinen Job", das hinzukriegen. Um Wort zu halten, müsste Jain eine radikale Wende einleiten: Mit 28 Prozent Minus seit 2023 hat Disney+ seine Aufträge in Westeuropa stärker gekürzt als jeder andere US-Streamer.

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