Seit mehreren Wochen kämpft ein Buckelwal an der Ostseeküste ums Überleben. Nachdem das Tier im März gesichtet worden war und daraufhin erstmals am Timmendorfer Strand festhing, folgte das mediale Echo. Im Zuge der Berichterstattung, in diesem Fall durch Hape Kerkeling als Horst Schlämmer und dem Mitwirken der "Bild", verfestigte sich der Name "Timmy" für fortlaufende Neuigkeiten in klassischen Medien. Seither begleiten zahlreiche Marken jede Veränderung in Form von Live-Ticker und Artikel-Updates - erst recht, seit dieser Tage eine neue Rettungsaktion angelaufen ist.

Auch und vor allem auf Social Media teilen User ihre Anteilnahme (wie im Beispiel unten oder hier). Die Namensgebung sowie mediale Inszenierung führten allen voran auf Instagram und TikTok zu einem hohen Grad der Emotionalisierung. Das bedeutet im Umkehrschluss: die überraschend hohe Resonanz und Solidarisierung befeuern wiederum ein verstärktes journalistisches Aufgebot. 

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Ein zentraler Unterschied innerhalb der Kommunikation und Wahrnehmung beider Kanäle: Auf Social Media sprechen User im Falle des Buckelwals mehrheitlich von "Hope", in wörtlicher Anlehnung an die Hoffnung auf Rettung und Weiterleben des Tieres – und widersetzen sich damit aktiv dem im Regelfall organisch etablierten und traditionellen Kommunikationsprozess.

Und das zeigt Wirkung. Spezifische Hashtags auf TikTok zeigen ein sechsfach höheres Beitragsaufkommen für "Hope" im Gegensatz zur Verwendung von "Timmy" in Konnotation zum Wort "Wal". (Ein direkter Vergleich der Hauptkeywords ist aufgrund der Allgemeingültigkeit nicht möglich.)

BeitragsaufkommenHope © DWDL / TikTok

Gleichzeitig geht mit der Verwendung der unterschiedlichen Namen auch das Eintauchen in diverse Echokammern einher. So dominieren unter den Veröffentlichungen zu "Hope" neben Medienberichten hauptsächlich Verschwörungsansätze. Auf Kurzvideoplattformen heißt es vermehrt, dass der Wal eigentlich schwanger sei oder die zuständigen Behörden ihn gar nicht retten wollen würden. Auch der Einsatz von "Säurecontainer" wird spekuliert. Dass mehrere Institutionen "den Wunsch eines Groß-Wal-Skelettes" geäußert haben sollen, sorgt online ebenfalls für Furore.

Besonders bezeichnend für die mediale Parallelwelt: die Veröffentlichungen werden häufig durch nachträglich verändertes Bildmaterial angereichert, User initiieren und nutzen KI-Videos und -Sounds oder verbreiten gefälschte Spendenaufrufe zur vermeintlichen Rettung. Ebenfalls ein beliebtes Stilmittel: der Kontakt zu bekannten Persönlichkeiten, die laut Videos zur Lösung der Krise beitragen könnten: 

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Die Gefahr: Damit erschaffen sich User oftmals ein eigenes Spektrum an selektierten Informationsquellen, die fernab von externen und verifizierten Einflüssen bestehen. Stattdessen vertrauen sie stärker auf Inhalte, die bereits in der eigenen Blase vorhanden sind, oft nicht hinterfragt und simpel wiederholt werden. 

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Gründe für das mediale Eigenleben gibt es einige, allen voran der Aufbau und die Dynamik der entsprechenden Plattformen oder das hohe Misstrauen sowie die Abwendung gegenüber seriösen Medieninhalten. Der Digital News Report von Reuters aus dem Jahr 2025 bestätigt diesen Eindruck: 71 Prozent der erwachsenen Social-Media-User vermeiden demnach mindestens gelegentlich aktiv die Nachrichten, 13 Prozent sogar oft. Der Wert stieg im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent. Dass alternative Ansätze allerdings so immens erfolgreich sind, hat auch mit der Adaption von Medienmarken in diesen Domänen zu tun. 

Denn im Fall von "Timmy" und "Hope" zeigt sich: Publisher kommen mit ihren Beiträgen gar nicht dort an, wo die Faktenlage vergleichsweise dünn ist. Aus rein technischer Sicht besteht eine verringerte Chance auf Ausspielung in den relevanten Bereichen für Videos mit falschen Keywords, aus inhaltlicher Betrachtung werden die bestehenden Argumente, vorgetragenen Sorgen und Fragen nicht aufgegriffen und folglich auch nicht entkräftet. 

"Wir gehen da hin, wo das (junge) Publikum ist", lautet der Tenor, wenn es um die Rechtfertigung zur Bespielung von TikTok geht. Dass damit aber auch übliche Suchintentionen und gängige Verhaltensweisen analysiert und gematcht werden müssen, haben bisher nur wenige Publisher-Kanäle verstanden. Erst wenn Medien die Art und verschiedenen Level an Kommunikation des Milieus berücksichtigen, erreichen sie auch wirklich alle User.