Was sollte man wohl besser nicht tun?

Als Schauspieler*in das Gesicht an TikTok für kleines Geld zu Werbezwecken lizenzieren. Was ist passiert? Ein 52-jähriger Schauspieler aus Dallas hat seine digitale Ähnlichkeit an TikTok abgegeben. Sein KI-Avatar wirbt nun auf TikTok (teils auch auf anderen Plattformen) für alles Mögliche, sogar auf Spanisch, obwohl er die Sprache nicht spricht. TikTok bietet Werbekunden seit 2024 eine Auswahl an KI-Avataren (nach Alter/Geschlecht/Ethnie sortiert) als kostenloses Kreativ-Tool. Die Ads sind mit einem kleinen Hinweis „A.I. Generated“ markiert. Die Bezahlung der Darsteller:innen war übrigens im homöopathischen Bereich und ohne Royalties, zwischen einmalig 500–1.000 US-Dollar. Viele hatten keine Agentur, fühlten sich von einer zwischengeschalteten Produktionsfirma über künftige Nutzungen/Vergütungen irregeführt. Das zeigt für mich drei Dinge: 1) Künstleragenturen gewinnen in Zeiten von KI an Wichtigkeit. 2) Wie immer galoppieren Markt und Technik schneller als ein faires Regelwerk, umso mehr muss man aufpassen, was man hergibt. Und 3) die Grenzen zwischen dem wahrnehmbar Echten und vollends KI-generierten Kunstcharakteren verschwimmt immer mehr. KI kann viel und es wird uns große Fortschritte bringen, aber sie kann nicht rechtfertigen, die eigene Würde zum Dumpingpreis zu verscherbeln.

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Was habe ich letzten Samstag mit Spannung verfolgt?

Das erste Aufeinandertreffen von DAZN und Sky beim Bundesliga-Auftakt. Bekanntlich hat DAZN jetzt das Produkt „Konferenz“, während Sky die Einzelspiele mit den Optionen Multiview und Match-Alarm anbietet. Also musste neben dem Fernseher (Sky) das Tablet (DAZN) als Second Screen ran. DAZN liefert zum Auftakt eine Konferenz wie aus dem Lehrbuch. Sauber, routiniert, technisch stabil, im Ergebnis sehr nah an der alten Sky-Schule. Innovation? Homöopathisch dosiert. Es ist das gefällige, passive und altbekannte komfortable Samstagsgefühl. Sky kontert nicht mit Nostalgie, sondern mit Produkt. „My Matchday“ macht Einzelspiele dank Multiview und Match-Alarm aktiv erlebbar. Gerade der Match-Alarm ist meiner Meinung die clevere Antwort auf den Verlust der Konferenz. Du entscheidest dich für ein Einzelspiel, verpasst aber nichts und kannst sofort rüberschalten, wenn woanders ein Tor fällt (hat technisch super funktioniert). Gratulation geht an den geschätzten Kollegen Alex Rösner und sein Team. Je nach Partienansetzung bei den zukünftigen Spieltagen kann ich mir vorstellen, beide Angebote zu nutzen. Mit leichtem Vorteil für Sky. Übrigens, trotz Konferenz-Abgabe punktet Sky am Samstagnachmittag mit starken Einzelspiel-Reichweiten, das Topspiel am Abend sowieso. Sind am Ende vielleicht doch beide Rechteinhaber Gewinner?

Wer ist für mich gerade Transformations-Champion in Hollywood?

Die Walt Disney Company. Warum? Hier sind ein paar Gründe. Alte, noch profitable Assets (aka Sender) werden eben nicht abgespalten, sondern finanzieren die Transformation (anders als es Comcast und WBD machen wollen). Bereits seit letztem Jahr sind die Inhalte von Hulu und Disney+ in einer App gebündelt. ESPN hat im August seinen neuen Direct-to-Consumer-Streamingdienst sowie eine Reihe neuer Funktionen in der überarbeiteten ESPN App gestartet und macht damit erstmals überhaupt das komplette Angebot aus zwölf ESPN-Sendern und -Diensten direkt für Fans verfügbar. Digitale Transformation der Extraklasse. Dazu ein wegweisender Deal mit der NFL, bei dem das Unternehmen das NFL Network und weitere Medienwerte der Liga erwirbt und im Gegenzug eine 10-prozentige Beteiligung an Disneys ESPN abgibt. Außerdem erwarben sie exklusive Rechte an großen WWE Wrestling-Events, darunter WrestleMania und Royal Rumble, um den Streamingdienst aufzumotzen. Die Gewinnerwartungen hat man dank Streaming-Zuwächsen bereits übertroffen und hebt entsprechend die Prognose für das Restjahr an. Das klingt alles sehr bullish. Ist es aber auch. Wenn ich heute auf jemandem tippen müßte, welches Big Media-Unternehmen 2030 gegen Big Tech noch bestehen kann, es wäre Disney. Sie werden nicht alles gewinnen. Aber als Einzige spielen sie womöglich das Spiel richtig.

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Welches Stück Medienjournalismus fand ich diese Woche richtig spannend?

Das von Phil Hoad in The Guardian: „Belanglos, leicht verständlich, für alle etwas dabei: Was hat der Netflix-Algorithmus mit unseren Filmen gemacht?“ Eine ausführliche Recherche, zu der er auch mit vielen Kunstschaffenden gesprochen hat. Offizielle Gesprächspartner von Netflix hat er nicht bekommen, aber ehemalige Mitarbeitende. Im Kern stellt der Artikel folgende These auf: Netflix feilt am globalen Einheitsgeschmack. Algorithmen bauen Stoffe so, dass sie überall funktionieren und nirgends stören. Reichweite rauf, Reibung runter. Und mit ihr Kreativität, Vielfalt, kuratierte Handschrift. Die Branche kippe sozusagen in die Marktlogik des Internationalen, glatt, massentauglich, austauschbar. Schauspieler Tim Robbins sagte bereits letztes Jahr: „Geh jetzt auf Netflix, schau dir an, welche Filme herauskommen, und sag mir, dass das die Zukunft des Kinos ist? Wir haben ein großes Problem.“ Da hat er sicherlich einen Punkt. Auch ich erinnere dutzende Szenen aus „Die Verurteilten“ (1994, damals ein Flop, heute einer der beliebtesten Klassiker), kann mich aber nicht an die Handlung des bis vor kurzem erfolgreichsten Netflix-Films „Red Notice“ (2021) erinnern. Auf der anderen Seite: gelten die Prinzipien „belanglos, leicht verständlich, für alle etwas dabei“ nicht ebenso für 90% des traditionellen Hollywood-Outputs der letzten Jahrzehnte? Und Netflix perfektioniert datengetrieben nur etwas, was es schon immer gab?

Den langen Artikel für die Wochenendlektüre findet ihr hier

Und worauf freue ich mich dieses Jahr schon wieder?

Auf den Deutschen Fernsehpreis! Denn, die Nominierungen sind da. Und sofort wird der LinkedIn-Feed mit Danksagungen und Stolz von Produzent*innen und Sendern geflutet. Aber ich verstehe das. Es ist toll nominiert zu sein, und noch toller, das Ding mit nach Hause zu nehmen. Und es ist auch immer noch etwas Besonderes für dieses Medium zu arbeiten. Die Nominierungen zeigen einmal mehr, dass Fernsehen die Kunst der gemeinsamen Stunde ist. Deshalb liebe ich es, weil es aus Routine Ritual macht. Mit Handwerk, Haltung und Timing. Preise sind Applaus, aber ich sehe sie auch als Auftrag. Wieder mehr Mut, weniger Verwaltung, mehr Verabredung mit dem Publikum. Shows als Ereignisse, Serien als Gesprächsanlässe, klare Marken mit echter Gratifikation statt halbgare Füllstrecken. Und ja, ich weiß, wie schwer das ist. Aber nur so entsteht das, was nur das Fernsehen kann: kollektive Gegenwart. Und nicht vergessen, am Ende zählt nicht die Quote der Jury, sondern die Jury der Quote, das Publikum. Mit diesem Wort zum Sonntag wünsche ich allen Nominierten viel Erfolg und einen wunderbaren Abend bei der Verleihung.

Alle Nominierten gibt es hier