Drei Staffeln lang erzählte „4 Blocks“ von 2017 bis 2019 die Geschichte des Hamady-Clans in Berlin. Die Serie, einst eine der Auftragsproduktionen von TNT Serie, gewann damals mehrere Deutsche Fernsehpreise, dazu den Grimme-Preis und viele weitere Auszeichnungen. Ein Prequel zu dem Erfolg von einst soll jetzt als eine der ersten deutschen HBO Max-Originals punkten. Die achtteilige Serie öffnet ein neues Kapitel im „4 Blocks“-Universum, doch funktioniert die neue Serie auch für diejenigen, die die ursprünglichen drei Staffeln nicht gesehen haben?

Das jetzt gestartete Prequel wurde erneut von W&B Television produziert, die Drehbücher der neuen achtteiligen Staffel stammen diesmal von Bernd Lange, Bahar Bektaş, Natalie Zoghbi und Hassan Akkouch. Unter der Regie von Hüseyin Tabak und Özgür Yildirim erzählt „4 Blocks Zero“ die Vorgeschichte der Familie Hamady im frisch wiedervereinten Berlin der 1990er-Jahre. Wir folgen der Geschichte einer Familie, die in einem ihr fremden Land ein neues Kapitel aufschlagen will. Und das sogar - in fast allen Fällen - mit ehrlichen Absichten.

Mit viel Liebe fürs Detail wurde das Berlin der 1990er Jahre rekonstruiert - egal ob in Kulissen, Szenenbild, Kostüme und Maske. Mit Schnauzbärten, weit geschnittenen Hosen, in den Bund gesteckten Hemden und den dem Jahrzehnt zugeschriebenen Trainingsjacken wird der Stil und die Zeit der Erzählung authentisch transportiert, durchaus realistisch inszeniert. Es war wahrlich eine andere Zeit, auch inhaltlich. Auch bei Hamadys.

Nicht die organisierte Kriminalität steht im Mittelpunkt, sondern ganz alltägliche Schwierigkeiten. Für Fans der Serienwelt ein Reset auf das man sich einlassen muss. Wir erleben den Anfang von dem, was später einmal ein berühmt-berüchtiger Clan wird. Hätte es auch anders kommen können? "4 Blocks Zero" erzählt von den Problemen, mit denen insbesondere Malik (der Vater), seine Söhne Ali, Abbas und Marwan, seine Tochter Amara sowie die Großmutter Hanin zu kämpfen haben: Bürokratie und Behörden, Rassismus, fehlende Arbeitserlaubnisse, eine unsichere Duldung und die ständige Angst vor Abschiebung.

Neben der anfangs leisen Charakterstudie einer hoffnungsvollen Familie erzählt „4 Blocks Zero“ damit auch eine Parabel über das „Einwanderungsland“ Deutschland - und eine Politik ohne Plan und Perspektiven. Die äußeren Umstände machen es den Geschwistern und dem Vater schwer, eigene Träume zu verwirklichen und sich so ein stabiles Leben aufzubauen. Während Malik sich als Koch durchboxt, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, kommt Ibrahim, Maliks Schwager, nach acht Jahren Haft in Beirut erstmals nach Berlin. Doch er hat ganz eigene Pläne.

Vereinzelt unglückliche Situationen entwickeln sich zunehmend zu einem Kreislauf aus dem die Familie kaum noch herauskommt. Wer von „4 Blocks“ schon einmal gehört hat oder die Serie kennt, erahnt das Unheil das kommen wird. Für Fans der ursprünglichen Serie, aber auch die, die nichts davon kennen, fühlt sich die Erzählung dabei auf eine heranschleichende Art zunehmend bedrückend an. Tragisch wird es, dass vieles von dem, was sie sich aufgebaut haben, durch Dinge gefährdet wird, die sie selbst nicht verantworten.

Wer bei "4 Blocks Zero" erwartet, direkt mitten im bekannten Milieu zu landen, könnte überrascht sein. Da Prequel hat eine eigene Tonalität, auch wenn den Fans von einst schnell Details auffallen werden. Die Biene lässt grüßen. Spannend ist, die jüngeren Charaktere der bereits bekannten Figuren zu verfolgen, etwa zu erfahren, wie sich die Wege von Ali (Tarek Nassery) und Vince (Luis Vorbach) kreuzten.

So schafft es die Serie dann den Spagat: Eigenes zu erzählen und die Verbindung zu „4 Blocks“ spürbar zu machen - mit erkennbarem Sound, Charakteren und Verpackung. Sie ist damit viel mehr eine verführerische Einstiegsdroge, klug konzipiert von HBO Max bzw. W&B Television: Denn wer die Hamadys nicht schon vorher kannte, der bekommt mit dieser ersten großen deutschen HBO Max-Auftragsproduktion einen guten, zugänglichen Einstieg und kann im Nachgang für die drei bereits existierenden Staffeln der originären Serie Abonnent oder Abonnentin bleiben.

„4 Blocks Zero“ gelingt tatsächlich der Tanz auf dem schmalen Grat zwischen neuem Publikum und Fan-Service, auch dank eines stimmigen Casts neuer Gesichter. Darunter vor allem die Besetzung von Tariq Al-Saies als Ibrahim Mansour, Rami Fadel Khalaf als Malik Hamady, Tareq Nassery als Ali Hamady, Soufiane El Mesaudi als Abbas Hamady, Fatima Khanfour als Hanin Mansour, Almountaser Alchltouh als Marwan Hamady, Siana Zayed als Amara Hamady und Mohammad Eliraqui als Latif Hamady. 

Am Ende bleibt nach den acht Folgen die spannende Frage, welchen Weg „4 Blocks Zero“ einschlagen wird. Die Serie hat gezeigt, dass das „4 Blocks“-Universum auch abseits der schon bekannten Handlung genügend Raum für neue Geschichten bietet. Sollte es zu weiteren Staffeln kommen, dürfte daher besonders interessant werden, welche der schon bekannten Charaktere noch näher beleuchtet werden und wie es für die Familie weitergeht. Bei einem Erfolg haben HBO Max und W&B Television noch viele Jahre zu füllen zwischen den frühen und den späten Hamadys.

"4 Blocks Zero" ist bei HBO Max gestartet. Neue Episoden der achtteiligen Staffel erscheinen wöchentlich.