Würde heute noch jemand eine deutsche Serie über Klimakrise, soziale Spaltung, organisierte Kriminalität und Vampire beauftragen?

"City of Blood" spielt in einem Berlin der nahen Zukunft. Die Stadt ist ausgetrocknet, die Spree beinahe verschwunden, die Gesellschaft in Arm und Reich zerfallen. Einige Privilegierte leben unter einer klimatisierten Kuppel, während draußen Blut zur Währung wird. Mittendrin treffen zwei getrennt aufgewachsene Schwestern wieder aufeinander und geraten in den Machtkampf zwischen Politik, Unterwelt und einer ziemlich speziellen Berliner Parallelgesellschaft: Vampiren. Das klingt nach sehr viel Serie auf einmal. Ist es auch. Es funktioniert aber erstaunlich gut. Philipp Kadelbach und sein Team erschaffen ein Berlin, das vertraut und zugleich vollständig verwandelt wirkt. Die Bilder sind groß, eigenständig und für eine deutsche Produktion ungewöhnlich konsequent. Lea Drinda und Soma Pysall tragen die Geschichte emotional, umgeben von einem geradezu verschwenderischen Ensemble mit u.a. Lars Eidinger, Dagmar Manzel, Jördis Triebel, David Schütter und Franz Hartwig. Und selbst wer bei Vampiren normalerweise innerlich schon den Knoblauch herausholt, kann beruhigt weiterschauen: Sie stören nicht. Im Gegenteil, sie funktionieren als überraschend schlüssige Metapher für Macht, Abhängigkeit und eine Gesellschaft, in der manche buchstäblich von anderen leben.

Die Serie erscheint insofern fast erschreckend tagespolitisch aktuell. Was war das für eine Zeit als sie beauftragt wurde? Das Greenlight dürfte aus den Jahren 2022 oder 2023 stammen, als Streamer mit lokalen Originals noch beweisen wollten, dass auch aus Deutschland ungewöhnliche, international gedachte Stoffwelten kommen können. Qualität, Eigenständigkeit und ein starker kreativer Zugriff galten selbst schon als Publikumsversprechen. Inzwischen hat sich dieser Markt grundlegend verändert. Der Erfolg von Maxton Hall lieferte dafür die perfekte Blaupause: bekannte Buchvorlage, bestehende Fangemeinde, klar definierte junge Zielgruppe, Romance und internationale Verständlichkeit. Das Publikum soll heute möglichst nicht erst nach der Produktion gefunden werden. Es soll schon vor dem Greenlight nachweisbar sein. Ein teures deutsches Original, das Klimadystopie, Politthriller, Familiendrama und Vampirgeschichte verbindet, hätte es unter diesen Bedingungen vermutlich bei nahezu jedem Anbieter heute schwer. "City of Blood" wirkt deshalb wie eine Flaschenpost aus einer gerade erst vergangenen Streamingepoche. Eine Serie, die noch aus dem Glauben entstand, dass ein ungewöhnliches lokales Original durch Qualität und Eigenständigkeit sein Publikum finden könne. Bevor der Markt wieder verlangte, dieses Publikum möglichst schon vor der Beauftragung nachzuweisen. Ob die Serie erfolgreich genug sein wird, wissen derzeit nur wenige bei Disney. Auf das fertige Produkt kann das Disney+-Team um Eunky Park in Deutschland aber sehr stolz sein. Es hat eine Serie ermöglicht, die nicht wie die Antwort auf eine Marktforschung aussieht.

Warum baut Paramount ausgerechnet jetzt einen deutschen Sportsender?

Paramount+ hat sich bekanntermaßen ab der Saison 2027/28 für vier Jahre den größten Teil der deutschen Champions-League-Rechte gesichert. Das war bereits eine Überraschung. Noch erstaunlicher ist, was der Konzern nun offenbar damit vorhat. Nach Informationen der Sport Bild sollen die 184 von 203 Spielen tatsächlich selbst gezeigt und nicht an DAZN, Sky oder einen anderen etablierten Anbieter sublizenziert werden. Die Suche nach Moderatoren, Kommentatoren und Experten hat demnach bereits begonnen. Ob eine eigene Redaktion entsteht oder ein Produktionsdienstleister übernimmt, sei noch offen. Diese Entscheidung kann zunächst verwundern. Die amerikanische Mutter steht nach der Übernahme von Warner Bros. Discovery unter gewaltigem Konsolidierungsdruck. Der neue Konzern wird rund 79 Milliarden US-Dollar Nettoschulden tragen und verspricht Synergien von mehr als sechs Milliarden US-Dollar. Paramount und Warner müssen Technik, Plattformen, Vermarktung und Verwaltung zusammenführen, Kosten senken und entscheiden, was langfristig aus Paramount+ und HBO Max wird. Eigentlich ist das die klassische Situation, in der jeder Geschäftsbereich überprüft und ein teures Rechtepaket, das noch unter anderen Umständen erworben wurde, möglichst schnell refinanziert wird. In Deutschland geschieht offenbar das Gegenteil. Paramount verzichtet auf Sublizenzerlöse und übernimmt zusätzliche Produktions-, Personal- und Vermarktungsrisiken.

Umso interessanter ist da die Frage, wer diesen neuen deutschen Sportsender eigentlich aufbaut. Dass Sport Bild ausgerechnet CBS-Sports-Chef David Berson zitiert, spricht für eine zentrale Steuerung aus den USA. Die erfolgreiche amerikanische Champions-League-Show wird wiederum von IMG in London produziert. Für Deutschland braucht es jedoch ein eigenes On-Air-Team und lokale Produktionskompetenz. Denkbar wäre daher eine Matrix aus CBS Sports, dem deutschen Paramount-Team und einem externen Dienstleister wie thinXpool, DAZN oder RTL/Sky. Und dann ist da ja auch noch Eurosport. Mit Warner Bros. Discovery kauft Paramount schließlich eine bestehende europäische Sportorganisation gleich mit. Es wäre schwer verständlich, diese Kompetenz nicht zu nutzen und parallel eine komplett neue Struktur aufzubauen. Möglicherweise wird aus der vermeintlichen Personalsuche deshalb bald eine Integrationsaufgabe? Die strategische Logik bleibt dennoch erkennbar. Die eigene Auswertung verspricht Abonnenten, Nutzungsdaten, Werbeinventar und direkten Kundenzugang. Paramount hat also nicht nur Fußballrechte gekauft, sondern versucht, sich mit ihnen einen festen Platz im deutschen Streamingmarkt zu erkaufen. Damit wird Deutschland zum Testfall einer bemerkenswerten Gegenbewegung. Während Paramount in den USA konsolidiert und Synergien heben muss, investiert der Konzern hier in neue Strukturen. Oder versucht zumindest, aus sehr unterschiedlichen vorhandenen Strukturen erstmals einen eigenen deutschen Sportsender zu bauen. Wir dürfen gespannt bleiben.

Wie lange hält die Solidarität der Medien, wenn Donald Trump beginnt, sie mit exklusivem Zugang gegeneinander auszuspielen?

CNN, MS NOW und Politico durften diese Woche das Weiße Haus nicht mehr betreten. Trump begründete die Hausverbote mit „Fake News“, nannte die Berichterstattung der drei Medien sogar eine Bedrohung der nationalen Sicherheit und drohte bereits weiteren Redaktionen mit demselben Schicksal. Noch interessanter als Trumps Angriff war allerdings die Reaktion der Konkurrenz. CNN hätte turnusgemäß die Fernsehbilder von Trumps Terminen für den gemeinsamen TV-Pool produzieren sollen. Weil das Weiße Haus den Sender daran hinderte, schickten ABC, CBS, NBC und Fox News keinen Ersatz. Damit verweigerten die fünf großen Networks dem Präsidenten vorerst die gewohnte Produktion und Verbreitung professioneller Pool-Bilder. Sie ließen sich nicht dazu benutzen, die von Trump geschaffene Lücke geräuschlos zu schließen. Dass ausgerechnet Fox News diese Linie mittrug, machte den Vorgang politisch bedeutsam. Trump konnte den Widerstand deshalb nicht einfach als Aufstand der üblichen Verdächtigen abtun. Die Sender verteidigten zudem nicht nur drei Konkurrenten, sondern ihre gemeinsame Geschäftsgrundlage. Wenn eine Regierung ein Medium wegen missliebiger Berichterstattung ausschließen darf, kann morgen jedes andere an der Reihe sein.

Inzwischen hat auch die erste juristische Verteidigungslinie gehalten. Bundesrichter Timothy Kelly, von Trump selbst ernannt, ordnete an, die Zugangsberechtigungen der drei Medien unverzüglich wiederherzustellen. Die Entscheidung gilt zunächst für 14 Tage. Kelly hält es für wahrscheinlich, dass der Entzug ohne ein rechtsstaatliches Verfahren erfolgte, bezeichnete die Kriterien des Weißen Hauses als viel zu vage und sah für die behauptete Gefährdung der nationalen Sicherheit keine Belege. Das ist noch kein endgültiges Urteil über den gesamten Konflikt, aber sicher eine deutliche Niederlage für Trump. Die schwierigere Bewährungsprobe für die Branche könnte trotzdem noch bevorstehen. Was geschieht, wenn Trump einem Sender ein exklusives Interview anbietet, einen anderen bevorzugt mitreisen lässt oder ausgewählte Networks mit Bildern versorgt, die allen übrigen fehlen? Dann bekommt Solidarität einen konkreten Preis. Genau darauf dürfte Trump setzen. Sein wirksamstes Mittel gegen unliebsame Medien ist nicht das Hausverbot allein, sondern deren Konkurrenz untereinander. Halten die Sender auch dann zusammen, wäre das ein fundamentaler Sieg für freie Berichterstattung.

Wem möchte Mathias Döpfner eigentlich begegnen?

Peter Thiel hat gestern den Axel Springer Award bekommen. Mathias Döpfner nannte ihn einen der einflussreichsten Deutschen unserer Zeit. Bari Weiss, die von David Ellison eingesetzte und derzeit höchst umstrittene Chefredakteurin von CBS News, hielt die Laudatio. Sam Altman und Alex Karp gratulierten per Video. Wer wissen wollte, in welcher Gesellschaft sich der Springer-Chef wohl fühlt, bekam an diesem Abend reichlich Anschauungsmaterial. Ein Blick auf Döpfners Podcast „MD MEETS“ bestätigt diesen Eindruck. Sam Altman war da, Microsoft-Chef Satya Nadella, Palantir-Chef Alex Karp und nun Peter Thiel. Auch Spotify-Gründer Daniel Ek, Uber-Chef Dara Khosrowshahi und Medienmogul Barry Diller saßen ihm gegenüber. Dazu Politiker wie Nigel Farage oder Viktor Orbán. Natürlich ist nicht jeder Gast automatisch ein politischer Gesinnungsgenosse. Aber die Auswahl verrät eine Faszination für Menschen, die sich zutrauen, Märkte, Technologien und Gesellschaften nach ihren Vorstellungen, oft ohne Rücksicht auf Verluste, zu verändern.

Döpfner gefällt sich, so wirkt es auf mich, als Teil dieser Runde. Er interviewt die großen Tech-Figuren nicht bloß aus journalistischer Neugier. Er verleiht ihnen Preise, holt sie auf seine Bühnen, schließt Geschäfte mit ihren Unternehmen. Auf Augenhöhe so scheint es. Springer arbeitet eng mit OpenAI und Microsoft zusammen. Beim WELT AI Summit wurde diese Woche über europäische Daten- und KI-Souveränität gesprochen. Unter anderem, nun ja, erneut mit Vertretern von Google, OpenAI, AWS, Nvidia und Palantir. Ich verstehe, warum ein Medienhaus dort präsent sein will, wo die digitale Zukunft gebaut wird. Und ich verstehe menschlich, warum Döpfner lieber mit Thiel über die Zukunft des Westens philosophiert, als den nächsten Verlagskongress eröffnet. Mich irritiert etwas anderes. Wie scheinbar mühelos bei solchen Begegnungen die Distanz verschwindet. Der Verleger begegnet den Menschen, deren Macht sein Journalismus eigentlich untersuchen müsste, als Gastgeber, Geschäftspartner und Bewunderer. Dabei hat Döpfner selbst früher einmal eindringlich vor der Datenmacht amerikanischer Tech-Konzerne gewarnt. Europa müsse verhindern, dass Bürger von ihnen abhängig werden. Nun, diese Sorge ist nicht kleiner geworden, seit KI die nächste Infrastruktur schafft und angeblich kurz vor der Weltherrschaft steht. Deshalb hätte mich bei der Ehrung Thiels eine Frage mehr interessiert als alle Lobreden: Ist es zielführend für Europas Freiheit, wenn ihre prominentesten Verleger den Herren dieser Infrastruktur so gern einen Platz an ihrem Tisch anbieten?

Und worüber habe ich mich diese Woche gefreut? 

Über die Nominierung von „Der talentierte Mr. F.“ für einen International Emmy. Der Film von Igor Plischke ist für mich eines der herausragenden Dokumentarstücke der letzten Zeit. Die Geschichte beginnt mit einem kleinen Roboter namens Butty. Die Berliner Filmstudenten Julius Drost und Moritz Henneberg haben jahrelang an ihrem Animationsfilm über ihn gearbeitet. Sie hoffen, mit dem Ergebnis bei Festivals auf sich aufmerksam zu machen. Stattdessen erfahren sie, dass ihr Film dort bereits kursiert, unter einem anderen Titel, mit veränderten Credits und einem jungen Amerikaner als angeblichem Urheber. Der lässt sich für das Werk auf Festivals und im TV feiern. Julius und Moritz wollen herausfinden, wer dieser Mann ist und wie er dazu kommt, ihren Film als seinen auszugeben. Ihre Suche führt sie bis in die USA. Das klingt erst einmal nach einem Stoff für einen unterhaltsamen Betrugsfall. Der Film ist aber viel mehr, weil er den beiden Filmemachern Zeit lässt. Man versteht, wie viel Hoffnung in „Butty“ steckt und wie tief der Diebstahl sie trifft. Zugleich haben Julius und Moritz etwas wunderbar Unverbissenes. Sie sind wütend und fassungslos, bleiben aber neugierig auf den Menschen, der ihnen das angetan hat. Diese Haltung macht die Geschichte zusätzlich interessant.

Bemerkenswert finde ich außerdem, wie die Dokumentation entstanden ist. Neue Flimmer produzierte sie für den MDR gemeinsam mit weiteren ARD-Partnern. Als die Dreharbeiten begannen, wussten die Beteiligten nicht, wohin die Suche führen oder ob es überhaupt zu einer Begegnung kommen würde. Die Redaktion ging dieses Risiko ein. Man spürt es im gesamten Film. Seine Spannung entsteht aus einer offenen Wirklichkeit, nicht aus nachträglich behaupteter Ungewissheit. Für ihre Haltung und die Idee zur Dokumentation erhielten Julius, Moritz und ihr Mitstreiter Nikita Fedosik bereits einen Grimme-Spezialpreis. Nun ist der Film international in der Kategorie „Arts Programming“ nominiert. Eine schöne Anerkennung für eine Produktion, die vom Wert kreativer Arbeit erzählt und selbst zeigt, wie gut dokumentarisches Erzählen sein kann. Und eine Erinnerung daran, dass True Crime eben nicht immer einen Mord braucht, um fesselnd zu sein.