"Wir hatten keine Peilung, Niemand", sagt Detlef Soost, von vielen einfach nur D! Genannt, über die Entstehung der No Angels. Soost muss es wissen, immerhin hatte er als Choreograf seinen Anteil am Erfolg jener Girlgroup, die kurz nach der Jahrtausendwende eine ganze Generation prägte. So gesehen erzählt die neue ARD-Dokuserie "No Angels – Das sind Wir!" nicht nur vom kometenhaften Aufstieg fünf junger Frauen. Sie ist auch als Zeitreise in eine Ära, in der das Fernsehen noch längst nicht so durchformatiert war wie heute.

Die Zeiten, in denen Marco Schreyl die Verkündigung von Votingergebnissen bis zur Unendlichkeit herauszögerte, waren da noch nicht in Sicht. Tatsächlich lief die erste Staffel von "Popstars" im Jahr 2000 und damit noch bevor RTL seinen ersten "Superstar" suchte. Die No Angels waren damit Pionierinnen eines Genres, das sich noch in den Kinderschuhen befand. Die dreiteilige Serie führt das dem Publikum noch einmal bildlich vor Augen: Ohne große Inszenierung, dafür ausgestattet mit Pappbechern in der Hand, erfuhren die Siegerinnen inmitten des Trubels eines Modegeschäfts von ihrem Glück.

Was danach kam, war offenbar auch für die Verantwortlichen Neuland. "Ich glaube schon, dass wir das unterschätzt haben", sagt Christiane Knaup, damals Executive Producerin von "Popstars". Heute würden derartige Shows professioneller begleitet, etwa durch Psychologen. "Wir können froh sein, dass das alles gutgegangen ist."

No Angels - Das sind Wir! © ARD/MDR, Warner Bros. ITVP Deutschland GmbH Vier "No Angels" erinnern sich am Küchentisch.

Wie unvorbereitet alle Beteiligten auf den Erfolg waren, beschreibt auch Leslie Mandoki. Der Musikproduzent erinnert an den "furchtbaren Druck", der auf den Schultern von Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Möllig, Jessica Wahls und Vanessa Petruo lastete. Die jungen Frauen seien aus ihrem gewohnten Umfeld genommen und "ohne Fallschirm" in die Umlaufbahn geschossen worden, beschreibt es Mandoki anschaulich. Zur nachträglichen Abrechnung taugt die ARD-Doku allerdings nur bedingt. Auch, weil vier der fünf No Angels – einzig die schon 2003 ausgestiegene Vanessa wollte sich nicht äußern – sehr persönlich und ungewöhnlich offen auf die zurückliegenden 25 Jahre blicken, die viele Höhen, aber auch manche Tiefen mit sich brachten.

Zu letzteren gehört etwa das zwischenzeitliche Band-Aus von Jessica, die plötzlich die Band verlassen musste, als sie schwanger wurde. Oder Nadja Benaissas Festnahme wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und ihre bis dahin öffentlich nicht thematisierte HIV-Infektion, die von der Staatsanwaltschaft publik gemacht worden war. Und natürlich geht es auch um das schlechte Abschneiden beim Eurovision Song Contest, das Moderator Thomas Herrmanns damals mit nur zwei Worten kommentierte: "Ein Desaster!"

Gerade im Kontrast zur anfänglichen Euphorie zeigen Szenen wie diese eindrucksvoll, wie gnadenlos die Öffentlichkeit mit den Menschen umgehen kann, die sie zuvor zu Stars gemacht hat. Die vielleicht beste Idee der Doku-Serie ist es deshalb, die Frauen gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Sie lachen und weinen gemeinsam, sprechen über alte Verletzungen und darüber, was sie bis heute verbindet. Aus den jungen "Popstars" von einst sind vier Erwachsene geworden, die ihre Geschichte heute selbst einordnen können.

"No Angels - Das sind Wir!", ab sofort in der ARD-Mediathek, und am Samstag um 23:55 Uhr im Ersten