So hat man Sylt vermutlich noch nie gesehen. Wo andere Champagner schlürfen und die Aussicht genießen, wird gleich nebenan entgiftet, therapiert und gelegentlich auch mal ordentlich eskaliert. In der luxuriösen Entzugsklinik "Isebek", dem Schauplatz der neuen ARD-Comedyserie "Die Friesenjunkies", treffen Schwerreiche auf Möchtegern-Promis, gescheiterte Existenzen auf verzogene Millionärssöhne und viele andere, die ihr Leben irgendwie gegen die Wand gefahren haben. Was sie verbindet: Ihre Süchte. Was sie unterscheidet: Die ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie man damit umgeht.
"Die Friesenjunkies" ist das jüngste Serienprojekt der Kleinen Brüder, jener Produktionsfirma von Emil und Oskar Belton, die mit "Die Discounter" bereits einen großen Hit bei Prime Video gelandet hat. Und ähnlich wie im Hamburger Supermarkt geht es auch in der reichlich in die Jahre gekommenen Nordsee-Klinik herrlich unkonventionell zu. Die Brüder halten dabei erneut nicht nur hinter den Kulissen die Fäden zusammen, sondern sind erneut gemeinsam vor der Kamera zu sehen – als Zwillinge Josef und Otto, die von ihrem ebenso strengen wie reichen Vater zum Entzug verdonnert wurden und die Klinik kurzerhand zu ihrem persönlichen Abenteuerspielplatz verwandeln. Dabei gehen die Beltons mit ihrem Humor konsequent bis an die Schmerzgrenze und gelegentlich auch ein gutes Stück darüber hinaus. Das gilt nicht zuletzt für sie selbst. In einer Szene tätowieren sich die Zwillinge den Seriennamen auf den Hintern. Und zwar tatsächlich, wie die beiden schon vor Monaten offenbarten. Für den Gag machen die Brüder offenbar auch vor dem eigenen Körper nicht halt.
Doch nicht nur Josef und Otto sorgen für reichlich Unruhe in Isebek. Die Patientenschaft als ungewöhnlich zu beschreiben, wäre noch untertrieben: Da ist etwa der hochsensible Falko (Shadi Eck), der mit seiner Cannabissucht kämpft und es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Die impulsive Holly Lera Abova) sorgt für Chaos, während der alkoholkranke Buggi – fabelhaft verkörpert von Martin Brambach – vor allem Gesellschaft sucht. Als eines Tages auch noch Cyrus, der Erbe einer reichen persischen Dynastie, eingeliefert wird, muss für ihn gleich eine komplette Etage freigeräumt werden. "Sowas", kommentiert Buggi trocken, "ist mir in meiner 30-jährigen Suchtkarriere noch nie begegnet."
Und dann ist da auch noch Sylvie Meis, die in der Rolle der medikamentenabhängigen Modeikone nicht nur Glamour, sondern auch ein erstaunliches komödiantisches Gespür mitbringt. Doch auch das Klinikpersonal ist alles andere als eine Ansammlung besonnener Profis: Chefärztin Kowalke (Marie-Lou Sellem) sorgt sich vor allem um den guten Ruf ihrer Einrichtung und möglichst volle Betten. Der leitende Psychiater Dr. Mangerius (Peter Kurth) hütet derweil ein pikantes Geheimnis: Er ist nämlich gar kein Arzt. Dass das selbst dem ungeschulten Auge relativ schnell auffällt, macht die Sache nicht besser – aber deutlich lustiger.
© ARD Degeto Film/hr/Radio Bremen/Kleine Brüder GmbH/Ostkreuz/David Luther (Repro)
Falko (Shadi Eck), Madison (Sylvie Meis) und Cyrus (Arman Kashani).
So treffen zwischen Gruppentherapie, Urinproben und Billard-Abenden hier also nicht nur unterschiedliche Charaktere, sondern auch zahlreiche persönliche Abgründe aufeinander. Das könnte schnell daneben gehen, doch obwohl die Serie von Menschen erzählt, die mit Süchten und psychischen Problemen kämpfen, gelingt es den Belton-Brüdern, dass man diese Figuren erstaunlich schnell ins Herz schließt. Zugegeben, es braucht zwei Folgen, um sich mit dem schrägen Setting vertraut zu machen, doch spätestens dann wird ersichtlich, wie ernst das fantastische Ensemble seine Protagonisten nimmt. Immer wieder blitzen die tiefgründigen Momente auf – nur um im nächsten Moment wieder mit voller Wucht die Geschmacksgrenzen auszuloten.
Lachen oder wegschauen?
Zu den Höhepunkten gehören die kurzen Werbevideos für die Klinik, die in jeder Folge eingestreut werden. Optisch atmen sie den Geist der 90er Jahre. So, als hätte jemand eine alte VHS-Kassette aus dem Archiv gezogen. Dazu der wunderbar zweideutige Slogan: "Wir freuen uns, Sie hier zu sehen, aber wir möchten Sie so schnell nicht wiedersehen."
"Die Friesenjunkies" ist alles andere als Mainstream, dafür aber herrlich verrückt, manchmal derb und mitunter so explizit, dass man für einen kurzen Augenblick nicht weiß, ob man lachen oder lieber wegschauen soll. Isebek ist sicher nicht der Ort, an dem man freiwillig Urlaub machen möchte. Aber eine Weile mit diesen ziemlich speziellen Patienten zu verbringen, hat durchaus seinen Reiz. Vorausgesetzt, man beobachtet das Treiben aus sicherer Entfernung.
"Die Friesenjunkies", ab Freitag in der ARD-Mediathek. Linear erfolgt die Ausstrahlung am Freitag, den 13. November ab 23:50 Uhr sowie am Samstag, den 14. November ab 23:40 Uhr im Ersten
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