Das Erste und ZDF © ARD / ZDF
Ein Kommentar von Hans Hoff

Wir müssen reden. Über Glaubwürdigkeit.

von Hans Hoff
20.01.2016 - 10:30 Uhr

Tools

Social Networks

 

Die späte Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht, die Aussagen einer WDR-Mitarbeiterin, der AfD-Ausschluss aus TV-Debatten - wie steht es um die Glaubwürdigkeit von ARD & ZDF. Besser als es die Debatte suggeriert, sagt Hans Hoff.

Nun sind sie wieder auf den Barrikaden. Jene, die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Käuflichkeit oder Untertanenhaltung unterstellen, die das eingetreten sehen, was sie schon immer befürchteten. Der Vorwurf: Die da von ARD und ZDF sind käuflich, sind erpressbar und sowieso von Angela Merkel gelenkt. Denen kann man nicht glauben. Als Beleg dienen ihnen die verspätete Berichterstattung über das Kölner Silvester, der Ausschluss der AfD von der Fernsehdebatte im Südwesten, ein Versprecher Claus Klebers, die Arroganz von ARDaktuell, wo angeblich immer alles richtig gemacht wird, und die Aussagen einer WDR-Mitarbeiterin, die im niederländischen Radio von Anweisungen sprach, positiv über Flüchtlinge zu berichten.

Das ist eine Menge Holz, und es hilft, sich erst einmal vor den Haufen zu setzen und ihn auseinanderzuklamüsern. Nehmen wir mal diese unfassbar naive WDR-Mitarbeiterin, deren Namen zu ihrem eigenen Schutz hier nicht genannt werden soll. Sie hat diffus von Anweisungen gesprochen, hat den Rundfunkrat ins Spiel gebracht, hat den Eindruck erweckt, da laufe was zwischen den Herrschenden und den Berichtenden.

Man muss sich nur mal bei Übermedien.de die Abschrift des Gespräches ansehen, dann erkennt man sofort, dass da jemand mit Worten hantiert, die er nicht beherrscht, dass da jemand komplett überfordert ist mit einem öffentlichen Auftritt, dass da jemanden das Wort entgleitet.

So etwas sieht man sich an, prüft es auf Gehalt und kommt dann zu dem einzig logischen Schluss, dass es unter knapp 23 000 festen ARD-Mitarbeitern und einer ins Vielfache tendierenden Anzahl von freien Mitarbeitern gemäß der statistischen Normalverteilung eine erkleckliche Anzahl von, sagen wir mal höflich Ungeübten geben muss, die das Wort nicht halten können.

Aber der wahre Inhalt der Aussagen interessiert schon kurz nach der Veröffentlichung nicht mehr. Selbst wenn man an der Nachricht riechen kann und sie von Anfang an dumpf müffelt, geht sie raus, wird verwurstet. Vor allem von jenen, die den öffentlich-rechtlichen Sendern ohnehin an den Kragen wollen, von Berufsbeleidigten in Zeitungsverlagen, denen jeder freundliche Bericht über Flüchtlinge einer zu viel ist, von geifernden Politikern, die von Schweigespiralen faseln, von unbedarften Klickhuren allerorten.

Ich kenne die ARD nun schon eine ziemliche Weile, ich habe viele Redaktionen von innen gesehen, ich habe mit Hunderten von Mitarbeitern gesprochen, ich habe sogar mit welchen aus der Laienspielschar Rundfunkrat geredet, und genau deshalb erscheint mir das Aufbauschen dieser Meldung so abstrus.

Natürlich gibt es im WDR Idioten. Jede Menge sogar. Aber es gibt im WDR genauso viele Idioten wie in jeder anderen Firma, wie in jedem Zug, wie auf jedem Parteitag. Und es werden jede Menge Fehler gemacht, es wird fröhlich vor sich hin dilettiert, es wird viel Mist gebaut. So wie überall.

Wer das missachtet und mit ausgestrecktem Zeigefinger von Systemversagen spricht, weist mit den restlichen Fingern vor allem auf sich selbst. Es gibt kein Systemversagen bei ARD und ZDF, es gibt eher ein Systemversagen in der medialen Wahrnehmung, in der facebookgesteuerten Aufbauschung von Nichtigkeiten zum eigenen Nutzen, im Drang, den Lügenpresse-Vorwurf durch ein Zuviel von Allem zu parieren.

Nehmen wir nur mal die Berichte, die von etlichen Zeitungen in NRW über das neue WDR-Gesetz verfasst wurden. In fast allen Berichten steht ganz vorne die Kritik der Privatradios, die fordern, der WDR-Hörfunk solle im Umfang seiner Werbemöglichkeiten beschnitten werden, damit die armen Kommerzfunker überleben können. Zu wem gehören die Kommerzfunker? Richtig, mehrheitlich den Zeitungsverlagen. Wer spricht hier von Systemversagen?

Nur Ausgänge Richtung Scheitern

Nehmen wir die Auseinandersetzungen um die TV-Debatten im Südwesten, wo eine Landtagswahl ansteht und wo diverse Politiker signalisiert haben, dass sie nicht zur so genannten Elefantenrunde kommen, wenn auch die AfD anwesend ist. Der SWR hat daher nun eine Konstruktion gefunden, bei der erst die großen Parteien bedient werden und die AfD hinterher am Katzentisch serviert bekommt.

Das kann man schändlich finden oder fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, sich von überkommenen Traditionen wie Elefantenrunden zu befreien, aber es ist nicht in erster Linie ein Versagen des Senders, es ist ein Versagen der Politik, die sich jenen nicht stellen mag, die ganz offensichtlich ihre Position gefährden. Der SWR wurde da eingeklemmt in eine Position, von der aus sich nur Ausgänge in Richtung Scheitern öffneten.

Natürlich gab es auch massive Fehler. Das ZDF hat am Montag nach Silvester in der „Heute“-Sendung nicht über die Vorgänge am Kölner Hauptbahnhof berichtet. Elmar Theveßen hat sich dafür bei Facebook entschuldigt, und was bekam der stellvertretende ZDF-Chefredakteur dafür? Rücktrittsforderungen.

Claus Kleber hat ein falsches Wort gesagt, ein blödes Wort. Er hat Zweifler in eine Reihe mit Fremdenfeinden gestellt. Das war nicht klug. Kleber hat sich entschuldigt.

Leider ist dieser Tage ein ehrliches Reuebekenntnis wenig wert. Es dient lediglich dazu, das Geschehene noch einmal aufzublasen, bis es wieder die Dimension der Ursprungsaktion erreicht hat.

Um es mal kurz zu sagen. ARD und ZDF und alle anderen Sender des öffentlich-rechtlichen Systems leisten zu 99 Prozent hervorragende Arbeit. Es gibt jede Menge engagierte Mitarbeiter, es gibt kluge Konzepte, es gibt hier und da sogar Visionen, wie die Zukunft aussehen könnte. Das mit den 99 Prozent ist eine Schätzung, es könnte ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger sein, aber die Tendenz stimmt. Will sagen: Das System funktioniert. Genau so gut wie unser Staat funktioniert, wie Politiker funktionieren, wie Menschen auf der Straße funktionieren. Wir können glücklich sein mit ARD und ZDF, mit dem Gefühl, in unzuverlässigen Zeiten auf zuverlässige Quellen zurückgreifen zu können. Das ist ein Wert, den viele indes nicht mehr richtig zu schätzen wissen.

Erst gewichten, dann veröffentlichen

Möglicherweise hilft es ja, wenn man ein bisschen übt, wieder genau hinzuschauen und Aufgeblasenes von Relevantem zu unterscheiden. Dann käme man schnell zu dem Schluss, dass die aktuelle Kritik an ARD und ZDF vor allem eine Wiederauflage der Beitragsdebatte ist, dass die Zwangsbeitragsjammerer gerade wieder Oberwasser haben, dass einfach die Angst, die man sich nach Silvester vor allem durch extensiven Medienkonsum aufladen konnte, irgendwo wieder abgeladen werden muss.

Es ist nicht schlimm, dass sich heutzutage jeder Depp öffentlich äußern kann. Das ist gut für eine Demokratie. Es ist indes schlimm, dass heutzutage jeder Depp ernst genommen wird, dass so getan wird, als sei noch die abstruseste Theorie eine Meldung wert. Mangelware sind Journalisten, die noch gewichten, bevor sie veröffentlichen. Es herrschen jene vor, die lieber raushauen als zweimal nachzudenken. Die sitzen in der Normalverteilung auch bei ARD und ZDF.

Völlig in den Hintergrund gerät bei der ganzen Debatte über die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems übrigens, dass es nach wie vor die Politik ist, die den Sendern die Rahmenbedingungen vorgibt. Keine direkten Anweisungen wohlgemerkt, nur die Rahmenbedingungen. Genau da liegt aber der Hase im Pfeffer. Genau da hakt es. Aber das scheint kaum jemanden zu interessieren.

Es ist die Politik, die sich beispielsweise schwertut, sich von Mehrheiten in Aufsichtsgremien zu verabschieden, siehe MDR, siehe ZDF. Es ist die Politik, die laufend an Gesetzen herumwurschtelt und damit mehr Unsicherheit schafft als sie beseitigt. Es sind bräsige Parteisoldaten, die um ihre Bedeutung fürchten, wenn sie nicht mehr in irgendwelchen Räten herummauscheln dürfen. Da wird offen gegen gesetzliche Vorgaben verstoßen, und niemand schert sich einen Dreck darum.

Weil man ja viel besser auf den Sendern herumhacken kann. Auch ich tue das oft. Es gibt nicht wenige Menschen bei ARD und ZDF, die mir vorwerfen, ich zermürbte das System durch meine ständige Kritik. Sie verkennen, dass ich 99 Prozent des Systems sehr okay finde, dass aber das eine Prozent meine Kritik sehr verdient hat. Ich kritisiere das deutsche Fernsehen, weil ich es liebe. Ich liebe ARD und ZDF, weil sie genauso fehlbar sind - wie ich auch, weil sie manchmal aber auch großartige Momente haben - wie ich auch. Ich will, dass ARD und ZDF noch besser werden, dass sie sich meiner Liebe würdig erweisen. Insgeheim liebe ich sie aber vor allem wegen eines ganz und gar gruseligen Gedankens, der mich manchmal des Nachts und öfters auch tagsüber quält. Es ist der Gedanke, dass ARD und ZDF mich eines Tages alleinlassen könnten mit RTL und Sat.1. Da schauert es mich regelmäßig. Das kann niemand wollen.

Kommentare zum Artikel

DWDL.de-Reihen

Montags: Aktuelles aus dem Milliardengeschäft Sport - präsentiert von Eurosport zum Sports-Update Dienstags: Die Neuigkeiten aus der Welt der Vermarkter und Media-Agenturen zum Media-Update Mittwochs: Very british: Die TV-News der Woche aus dem Vereinigten Königreich zum UK-Update Donnerstags: Die aktuellen Radio-Meldungen präsentiert von der WDR mediagroup. zum Radio-Update Freitags: Die wichtigsten TV-Meldungen aus den Vereinigten Staaten zum US-Update Samstags: Ulrike Klode schreibt, was sie in ihrer Serienwoche bewegt hat zu Meine Woche in Serie Sonntags: Fernsehkritiker Hans Hoff über Aufreger und Programmperlen zum Hoff zum Sonntag

DWDL.de Newsletter

Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten: