Tempel © ZDF/Christian Stangassinger
DWDL.de-TV-Kritik zur Miniserie

"Tempel" bei ZDFneo: Immer mitten in die Fresse rein

von Peer Schader
28.11.2016 - 18:30 Uhr

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Als Ex-Boxer, der gegen die Miet-Mafia kämpft, geht Ken Duken im Berliner Rotlicht-Milieu keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. "Tempel" beginnt temporeich, lässt nach, aber hat was, das vielen Serien fehlt: das Ziel, drastisch anders zu sein.

"Aber uffjeben, Tempel? Nee, wir bleiben!", sagt die alte Dame beim Treppekehren zu dem jungen Mann, der gerade die saftige Mieterhöhung aus dem Briefkasten gezogen hat, und der antwortet: "Natürlich bleiben wir, Elsa. Ist doch unser Zuhause." Zwei Stockwerke höher liegt das Zuhause aber schon in Scherben. Zwei Maskierte haben die Einrichtung der Berliner Familie Tempel kurz und klein geschlagen, um unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass sie gefälligst abhauen sollen. Und endlich Platz für die nächste Luxussanierung im Kiez machen. Krankenpfleger Mark Tempel weiß nicht, ob er seine Familie noch länger beschützen kann.

Das ist die Situation, in die ZDFneo die Zuschauer seiner ersten Fiction-Serie mit dem schlichten Namen "Tempel" hineinkatapultiert. Und zugleich der Ausgangspunkt für ein Drama, das zwar in der realen Lebenswelt vieler Großstädter angesiedelt ist, die mit steigenden Mieten zu kämpfen haben; das aber ziemlich schnell weit darüber hinausgeht.

"Fahr du Arsch!", "Fuck!", "Nur Assis am Start!" – augenblicklich nach dem Start erflucht sich Tempel auf seiner Tour durch die Berliner Straßen die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen und nur das App-haft in der Mitte des Bildschirms eingeblendete Senderlogo erinnert daran, dass es sich hier tatsächlich um eine ZDF-Produktion handelt. Eine, die nicht lange fackelt. Close-ups holen den Bildsausschnitt ganz nah ran an die Charaktere; mit schnellen Schnitten werden parallel passierende Handlungsstränge erzählt. Und es dauert nicht lange, bis das traute Familienleben der Tempels mit der im Rollstuhl sitzenden Mutter Sandra (Chiara Schoras) und Teenager-Tochter Juni (Michelle Barthel) empfindlich gestört ist. Nicht nur, weil Mark von Geldnot getrieben bei den alten Kumpels im Boxclub aufschlägt.

"Wo ist eigentlich Papa?", fragt Juni am Ende der ersten Folge, doch die Antwort kriegen nur die Zuschauer, augenblicklich im nächsten Schnitt: Papa steht im Ring und kriegt gerade ganz ordentlich auf die Fresse, um sich was für die neue Wohnungseinrichtung dazu zu verdienen.

Schnell, düster und ganz nah dran

Der Ausflug in die eigene Vergangenheit wird zum Auslöser eines hässlichen Kampfs gegen die Miet-Mafia, der Mark wieder in die Welt zurückzieht, die er aus Liebe zu seiner Frau eigentlich hinter sich gelassen hatte: das Milieu seines früheren Kumpels Jakob (gespielt von Thomas Thieme), der sich hinterm Boxring ein kleines Rotlicht-Imperium aufgebaut hat. Und in Tempel seinen rechtmäßigen Erben sieht.

Tempo und Inszenierung sind definitiv die Stärken dieser Miniserie, die vielleicht nicht mit den Budgets der Produktionen fürs Hauptprogramm mithalten kann – aber die Not zum Vorteil umkehrt und damit das Versprechen der Macher einlöst, einen besonderen Look zu bieten. Die Kamera klebt förmlich an den Protagonisten, so dass der Zuschauer den Eindruck hat, er atme Tempel quasi in den Nacken, wenn der in den Ring steigt. Dazu ist jede der Folgen in eine Düsternis getunkt, die die hervorragend zur Spirale der Gewalt passt, in Mark hineingesogen wird.

Tempel
© ZDF/Reiner Bajo

Leider verliert "Tempel" schon ab der dritten Folge ziemlich schnell an Fahrt und kann sich nicht so recht entscheiden, welche Geschichte eigentlich erzählen werden soll: ein Milieu-Thriller mit Familienhintergrund – oder doch eher ein Familien-Melodram mit Crime-Dekoration. Ausgerechnet der namensgebende Hauptcharakter kriegt ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil er einerseits zwar als familienliebender Sorge-Papi etabliert wird, aber trotzdem die halbe Staffel im Box-Puff rumhängt, wo er seine alte Flamme Eva (Antje Traue) wieder trifft, in einer fast schon peinlich dramatisch inszenierten Anbalzszene aus dem ritzeroten Freudenhausnebel auf ihn zuschreitet und Tempel den Kopf verdreht.

Und dann regnet es Nebenfiguren

Die behauptete Anbindung an die Lebensrealität des Publikums ist kurz darauf auch schon achtlos über Bord geworfen. Anstatt sich mit Zweifeln zu plagen, wo er da nur reingeraten ist, entwickelt sich Tempel im Zangenumdrehen zum kaltblütigen Racheprügler, der mit erstaunlicher Ruhe (und einer sensationell dämlichen Idee) ins fadenkreuz des Kiez-Paten Milan (Aleksandar Jovanovic) gerät, während gleichzeitig die Fremdgeh-Versuchung der Gattin und die Coming-of-Age-Story des Töchterchens erzählt werden.

Tempel
© ZDF/Christian Stangassinger

Zwischendurch regnet es Nebenfiguren, deren Geschichten sich angesichts der knappen Zeit kaum richtig etablieren, geschweige denn zufriedenstllend zu Ende erzählen lassen. Irgendwann ist es zuviel des Unguten, zumal die Folgen – um den Sehgewohnheiten der Mediathek-Zuschauer entgegenzukommen – ohnehin nur dreißig Minuten lang sind. Am ärgerlichsten ist aber, dass die Melodramatik die Coolness killt, mit der "Tempel" deutlich besser gefahren wäre, bevor die Handlung endgültig ins Absurde abgleitet.

Zum Ende der Staffel werden die Wendungen der Geschichte vorhersehbar; Verbindungen zwischen Charakteren tauchen auf, die als Überraschungseffekt gedacht sind, aber bloß konstruiert wirken. Die knallharte Machtpolitikerin, die klischeehaft an Schurkigkeit noch eins obendrauf setzt, heißt ernsthaft "Beate Puppe". Wer jedes Mal ein Schnäpschen kippt, wenn wieder ein Protagonist bedeutungsschwer aus irgendeinem Schatten heraustritt, hat danach ordentlich einen im Tee. Und hoffentlich liegt's nur an der fehlerhaften Nachbearbeitung der vom ZDF vorab zur Verfügung gestellten Presseversion, dass in Folge sechs vor lauter Düsterfilter fast nur noch Umrisse zu erkennen sind.

Drastisch anders als der Rest

Eins muss man "Tempel" aber lassen: Die Serie hat Eier. Breitbeinig steht sie im Standardkrimi-verseuchten ZDFneo-Programm und weiß, was sie will. Nämlich drastisch anders sein als alleseiste, was sonst beim auftraggebenden Sender läuft, in Maximaldistanz zur nächsten "Bares für Rares"-Wiederholung. Das ist ein Risiko, und zwar ein gutes. Ken Duken spielt den immer ein bisschen zu schnell ausrastenden Ex-Boxer ziemlich glaubwürdig, Thomas Thieme ergänzt ihn als Ober-Zuhälter hervorragend, und wenn Antje Traue und Chiara Schoras ihre Rivalität in einer Szene direkt miteinander hätten austragen können, wäre das sicher ein kleiner Höhepunkt geworden.

Tempel
© ZDF/Reiner Bajo

Vor allem das Ende dürfte jedoch für höchst unterschiedliche Reaktionen sorgen. Weil es tatsächlich überrascht und das Publikum direkt danach damit alleine lässt. Sowas hat sich bislang kaum eine deutsche Serie getraut. Zumindest ist man danach versucht, "Tempel" die sich mit der Zeit auftürmenden Schwächen zu verzeihen – und den Machern eine zweite Staffel zu gönnen, in der sie daran arbeiten können, die vielen offenen Geschichten weiterzuerzählen.

Die ganz große Serienrevolution ist ZDFneo mit "Tempel" nicht gelungen; aber eine düstere Milieu-Fiction, die mit wenig zu vergleichen ist, was sonst an deutschen Produktionen im Fernsehen läuft. Nicht nur wegen des ritzeroten Puffnebels.

"Tempel" läuft dienstags in Doppelfolgen ab 21.45 Uhr bei ZDFneo und in der Mediathek.


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