"Was Sie hier auf der Leinwand gesehen haben, ist kein Mensch. Das ist war ein Geist." Bei der kurz zuvor gezeigten Figur, auf die Helge Fuhst anspielt, handel es sich um einen mutmaßlich KI-generierten Auftritt von Modschtaba Chamanei, dem neuen Obersten Anführer des Iran. Für Fuhst, erst vor wenigen Wochen von den "Tagesthemen" zur Springers sogenannter Premium-Gruppe gewechselt, ist das ein Sinnbild einer neuen Form hybrider Kriegs- und Informationsführung.
"Wir sind gerade mitten im womöglich ersten Krieg der Geschichte, der von Beginn an nicht nur am Boden, in der Luft und zur See, sondern auch mit KI gewonnen und verloren wird“, sagte Fuhst in München, wo sich ein zweitägiges Medientage-Special in aller Ausführlichkeit mit den rasanten Herausforderungen befasst, mit der es die Medienbranche durch den Einsatz künstliche Intelligenz zu tun bekommt. Deepfakes und synthetisch erzeugte Inhalte, so Fuhst, seien längst nicht mehr nur technologische Spielereien, sondern Teil gezielter Propaganda. Das sei der Grund, weshalb man die Technologie "niemals den Propagandisten überlassen" dürfe.
Wer Deepfakes entlarven wolle, müsse letztlich verstehen, wie sie entstehen. Transparenz sei dabei der entscheidende Unterschied zwischen Manipulation und verantwortungsvollem Einsatz, unterstrich der Vorsitzende der Chefredaktionen der Premium-Gruppe, zu der neben "Welt" auch "Politico" und "Business Insider" gehören, und führte sogleich ein Beispiel aus dem eigenen Haus an: Eine KI-basierte Magazin-Sendung, moderiert von einem Avatar. Gestartet sei diese zunächst als Experiment – "nicht um zu täuschen, sondern um zu zeigen: Wir beherrschen die Klaviatur der Zukunft – und wir tun es nach unseren Regeln“, so Fuhst, der die Diskussion darüber, ob KI überhaupt eingesetzt werden solle, für längst überholt hält. Wer das heute noch infrage stelle, verhalte sich wie ein Chefredakteur Mitte der 1990er Jahre, der überlege, ob das Internet wirklich gebraucht werde. "KI ist nicht der Feind des Journalismus, sondern das neue Betriebssystem unserer Branche."
"Zögern an vielen Stellen"
Zu welchen Leistungen dieses Betriebssystem bereits imstande ist, machte das Medientage-Special - co-kuratiert von Produzentin Yoko Higuchi-Zitzmann - auch abseits von Fuhsts Keynote immer wieder deutlich. So stellte etwa Nikola Kohl die Doku-Reihe "Deepfake Diaries" vor, die ihre Produktionsfirma south & browse jüngst für das ZDF produziert hat. Das Besondere: Schauspieler wurden für das "Terra X"-Format mittels KI- und Deepfake-Technologie in historische Persönlichkeiten verwandelt, die ihre Geschichte als Zeitzeugen selbst erzählten. Für Kohl ein Ansatz, um gezielt junge Menschen mit dem Leben von Oskar Schindler oder Rosa Luxemburg in Berührung zu bringen. Das nächste KI-Projekt von south & browse – eine True-Crime-Produktion über Kaspar Hauser für die ARD – steht angesichts des Erfolgs schon in den Startlöchern.
Und so waren es nicht zuletzt die Chancen, die im Zentrum des MTM-Specials standen – weniger die Risiken. Gleichwohl machte Helge Fuhst deutlich, dass es in einer Welt voller KI-generierter und potenziell manipulierter Inhalte in besonderem Maße um Vertrauen in den Journalismus gehe. "Wenn alles gefälscht sein könnte, werden die Marke und ihre Köpfe zum Anker", sagte er und äußerste sich zugleich kritisch über die Geschwindigkeit, mit der deutsche Medienhäuser die Transformation angehen. "Das eigentliche Problem in Deutschland ist im Moment nicht die Technik. Es ist das Zögern an vielen Stellen." Während international längst leistungsfähige Teams und eigene Workflows entstünden, werde hierzulande vielerorts noch zu grundlegend diskutiert.
Trotz aller Technologie stellte der Springer-Neuzugang klar, dass das journalistische Handwerk im Zentrum bleibe. Im Gegenteil: KI solle Journalistinnen und Journalisten von Routinetätigkeiten entlasten, damit sie wieder stärker rausgehen, recherchieren und mit Menschen sprechen können. "Weg vom Schreibtisch, hin zu den Menschen und ins echte Leben." Fuhsts Appell: "Die Geschichte wird nicht von den Algorithmen geschrieben, sondern von denen, die sie zu nutzen wissen."
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