Gut 80 Minuten wurde im Rundfunkrat am Mittwochnachmittag über die WDR-Pläne diskutiert, das Radio-Angebot für junge Hörerinnen und Hörer unter dem Schlagwort "Junge Flotte" neu aufzustellen. Konkret sieht das Konzept vor, 1Live künftig zwei neu strukturierte Angebote zur Seite zu stellen: 1Live Lounge für eine "stressfreie Alltagsbegleitung" und 1Live Street, das den musikalischen Fokus auf HipHop legt. Und ginge es nur darum, dann wäre die Diskussion schnell beendet gewesen, denn Kritik an dieser Aufstellung gab es im WDR-Aufsichtsgremium eigentlich nicht.

Das Problem ist, dass der WDR im Gegenzug anderes lassen will. Konkret: Neben 1Live Diggi soll auch der Sender Cosmo und mit ihm der Großteil der dort beheimateten fremdsprachigen Angebote verschwinden. Dagegen formierte sich in den letzten Tagen massiver Protest, der in Form von hunderten ausführlichen Mails auch bei vielen der WDR-Rundfunkratsmitglieder im Vorfeld der Sitzung einging. Die WDR-Führung begründet das Aus für Cosmo mit der zu geringen Nutzung des jetzigen Angebots, das - kurz zusammengefasst - zwar einen guten Ansatz und wichtige Ziele verfolge, aber die Zielgruppe eben nicht erreiche. 

Schon im Programmausschuss gab es in der vergangenen Woche - und damit vor der jüngsten Protestwelle -  zwar breite Zustimmung für die Zielrichtung, die "junge Flotte" neu auszurichten und drei Programme mit klar unterschiedlichen Schwerpunkten unter der Marke 1Live zu schaffen. Doch gleichzeitig wurden offene Fragen formuliert, deren Antwort die Verantwortlichen im WDR offensichtlich schuldig blieben - nämlich die danach, wie man die Qualifikationen, die bei Cosmo vorhanden sind und die Zielvorstellungen, die bislang mit Cosmo verbunden waren, in ein Programm übersetzten kann, das die Zielgruppe von Menschen mit Migrationsgeschichte aller Altersgruppen dann auch erreicht. Ein Spartensender für HipHop-Fans ist da sicherlich keine ausreichende Antwort.

Konkret geht es dem Rundfunkrat um die Frage, wie künftig Themen des interkulturellen Zusammenlebens in der Breite angesprochen werden können, also über die junge Flotte hinaus. Offen auch, in welcher Form mehrsprachige Angebote aufgegriffen werden können, wie man künftig das Genre der Weltmusik, das bislang bei Cosmo seine Heimat hatte, als Farbe in einem Programm stattfinden lassen könne und wie die interkulturelle Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fürs Gesamtprogramm und die großen Wellen nutzbar gemacht weren sollen.

Was Programmdirektorin Andrea Schafarczyk und Intendantin Katrin Vernau am Mittwoch als Antwort zu bieten hatten, waren für sich genommen sehr wohlklingende Ansätze. Menschen mit Migrationsgeschichte seien keine homogene, abgeschottete Gruppe, sondern ein normaler und großer Teil unserer Gesellschaft - da passe es längst nicht mehr, Themen für sie in einem gesonderten Programm zu konzentrieren, führte etwa Katrin Vernau aus. Stattdessen sei es eine Querschnittsaufgabe für alle Angebote des WDR, Vielfalt zu zeigen. Doch durch konkrete Maßnahmen oder einen Fahrplan unterfüttert waren diese Ansätze nicht. Viel mehr als die Anküdigung, in der kommenden Woche einen dahingehenden Prozess zu starten und beim Rundfunkrat dafür Vertrauen einzufordern, konnte die WDR-Führung nicht vorbringen. Die von einem Rundfunkrats-Mitglied aufgeworfene Frage, warum nicht erstmal beweist, wie man diese Themen stärker in anderen Programmen sichtbar macht und dann Cosmo einstellt, ließ man unbeantwortet.

Beim Aus für die fremdsprachigen Angebote verwies Schafarczyk auf die fehlende Nutzung und führte die Zahl von gerade mal 85 Downloads für den kurdischsprachigen Podcast ins Feld. Ihr Vorschlag, dass anderssprachige Menschen ja heute problemlos Inhalte aus ihrem Heimatland nutzen oder auf übersetzte Produktionen aus Deutschland zurückgreifen könnten, klang angesichts dessen schlicht nach Kapitulation auf diesem Gebiet. Lediglich auf die Sprachen Türkisch, Arabisch und Farsi will man sich konzentrieren - und zumindest hier gab es den konkreten Vorschlag, die bislang bei Cosmo und WDRforyou getrennt angesiedelten Sprachenteams zu bündeln.

Trotz der ansonsten wenig überzeugenden Vorstellung der WDR-Führung an diesem Nachmittag reichte es am Ende, um grünes Licht für die Pläne zu bekommen. 25 der 46 Anwesenden stimmten der Beschlussvorlage letztlich zu, umgerechnet also knapp 56 Prozent. Erreicht hat der Protest damit also nicht, dass Cosmo weiterbetrieben wird - aber dass der WDR-Führung nun zumindest klar ist, dass man in den kommenden Monaten nun tatsächlich unter Beweis stellen muss, dass Themen des interkulturellen Zusammenlebens und der Vielfalt stärker in anderen WDR-Programmen auftauchen. Die vom Rundfunkrat formulierten offenen Fragen seien "Leitplanken" für die Diskussionen der kommenden Wochen, mit denen man bei ihm "offene Türen einrenne", sagte der kommissarische Programmdirektor Ingmar Cario. Daran wird man sich messen lassen müssen.