Es gibt Wörter, die gleichermaßen kompliziert und vereinfachend sind, nervig und nötig. Narrativ zum Beispiel und Agenda – zwei ausgenudelte Vokabeln von erhellender Redundanz. Oder wie es Scott Roxborough zum Auftakt des zweiten Tags beim Kölner Seriencamp über die englische Abkürzung des geistigen Eigentums ausdrückt: „Ein gefürchteter, unerlässlicher Begriff.“ Wie Narrativ oder Agenda zieht „Intellectual Property“, kurz IP, angesichts ihrer inflationären Verwendung schließlich viele Augenbrauen empor. Doch weil sie obendrein ein Milliardengeschäft abkürzt, will der „Hollywood Reporter“ Roxborough im gut besuchten Kino 1 des Cinenova reden. Über „Series as Brands“. Zu Deutsch: „Serien als Marken“.

In der „wettbewerbsorientierten Medienlandschaft“, verspricht der Teaser des ersten Panels am Mittwoch, „bilden Serien die Grundlage langfristiger Strategien“. Um sie zu diskutieren, hat Roxborough Gäste on Stage. Christina Christ etwa erklärt, wie sie Serien der israelischen Produktionslegende Keshet („Homeland“) eindeutscht. Gregor Sauter, Kopf der vertikal ausgerichteten Berliner Red Pony Pictures erklärt das Erfolgsprinzip smartphonegerechter Markenbildung, die wiederum aus dem Kosmos der Software-Schmiede Avalanche von CEO Stefanía Halldórsdóttir stammen könnte.

Und obwohl der eingeflogene Showrunner Steven Kane als Drehbuchautor der Videospiel-Adaption „Halo“ zwischen den Stühlen von Kunst und Kommerz sitzt, ist er sich mit dem Podium einig: „Wenn du kreativ werden willst, darfst du dich um deine Story kümmern; wenn du sie verkaufen willst, musst du dich um deine IP kümmern.“ Beides gar nicht so einfach. Im heillos überfüllten Biotop fiktionaler Unterhaltungsmöglichkeiten fällt nämlich fast nur noch rentabel auf, wer Communitys bildet.

Deshalb sind Games neben Graphic Novels und Superhelden aller Art wie beim SciFi-Spektakel „Halo“, das Paramount+ 2022 aus der X-Box des gleichnamigen Ego-Shooter-Universums holte, der sicherste Schlüssel zum Erfolg. Wenn ein interaktives Original wie „Halo“ vor der Serienversion schon 20 Jahre existiert und Abermillionen heißblütiger Fans, ach was: Jünger hat, kann der Segen einer funktionierenden IP allerdings schnell auch zum Fluch werden. „Viele Games haben Hardcore-Communitys, die sie nicht nur nutzen, sondern atmen, leben, besitzen“, weiß die Isländerin Halldórsdóttir aus Erfahrung eigener Produktionen.

Christina Christ © Seriencamp / Jo Hannes Klingelhlfer Christina Christ
Deshalb gibt sie der Streamingbranche etwas mit auf den Serienweg: Adaptiert nicht an dieser Gemeinschaft vorbei. Oder in der Seriencamp-Verkehrssprache: „Dont’s Mess with Gamers.“ Die Münchner Keshet-Delegierte Christ rät dabei jedoch dringend zum durchgedrückten Rückgrat. Wenn sie Serien wie zuletzt „My Ex“ aus dem hebräischen Original der frühen Nuller ins Jahr 2026 überträgt oder die schwarzweiße Stummfilmlegende Dr. „Mabuse“ aktuell fit fürs 21. Jahrhundert macht, gehe es daher nicht bloß um „Reproduktionen, sondern Visionen“, also „Neuerfindungen statt Remakes“. Als Beispiel einer gegenwartstauglichen IP mit Vergangenheit nennt Steven Kane Shakespeares „King Lear“, der in Serien wie „Succession“ ungeheuer erfolgreich auferstanden ist. 

Aus Sicht von Christina Christ solle jeder Genre-, Plattform- oder Epochenwechsel allerdings die alles entscheidende Frage beantworten: „Können wir Leidenschaft für den Kern der Marke entwickeln?“ Nur so, stimmen ihre Mitdiskutierenden zu, entstehe sie auch beim Publikum. Deshalb macht Steven Kane die Hauptfigur bei „Halo“ von der reinen Kampfmaschine zum Menschen mit Gefühlen, Tiefe, Backstory. Weil sie obendrein wirtschaftlich funktionieren muss, betreibt Paramount+ aber trotzdem professionelle „Fan-Versorgung“, wie der produzierende Autor die Notwendigkeit konsequenter Zielgruppen-Interaktion nennt.

IP für Fortgeschrittene gewissermaßen, die Gregor Sauters Formate mehr als manches Streamingangebot in ihrer DNA verankern. Vertikale Mikrodramen wie die deutsche K-Pop-Lovestory „Between the Beats“ etwa oder das „Maxton Hall“ für TikTok-Ansprüche namens „Ghostwriter“. Beide sind in aller Kürze aufs hochkantige Medienkonsumbedürfnis der GenZ zugeschnitten, beide dabei strikt datengeneriert und beide eher snackable als sinnvoll. „Mikrodramen sind keine Kunst, sondern Schokolade“, räumt Sauter ein. Für den kreativen IP-Profi Steven Kane sollte die allerdings dennoch lecker sein und nicht aus Massenproduktion kommen, „sondern Überzeugung“. Auch das macht Intellectual Properties schließlich am Ende rentabel.