„Wow, so amazing!“ So betritt Yolanda Rother nach jeder, wirklich jeder Podiumsdiskussion die Bühne der Seriesly Berlin. Gelegentlich schiebt die Festivalmoderatorin noch ein euphorisiertes „awesome“ hinterher, garniert mit Superlativen Marke „thrilling“. Und wer an dieser Stelle das ortsübliche German-English beklagt, dem alteingesessene Berliner längst auch beim Bäcker nebenan ausgeliefert sind, sollte mal versuchen, Worte wie „awesome“ und „amazing“ oder den einzigartigen Begeisterungsausruf „wow“ akkurat ins Deutsche zu übersetzen. Und bitte nicht „boah“ anbieten!

Was selbst Anglisten schwerfiele, rechtfertigt deshalb nicht nur Rothers dauernden Begeisterungssturm im Ballroom der Bildgalerie Fotografiska, wo ohnehin nahezu ausnahmslos Englisch gesprochen wird. Es bildet auch die beste Überleitung zu einem Panel ums Eck mit dem ungewohnt regionalen Titel des internationalen Serientreffs: „Entschuldigen Sie, mein Deutsch ist nicht so gut.“ Diesen Satz nämlich musste der britische Autor Samuel Jefferson angeblich öfter mal sagen, als er die Drehbücher des Berliner Medicals „Krank Berlin“ geschrieben hat

Dass sein Deutsch nicht so gut sei, ist allerdings leicht untertrieben. Es war – zumindest, als der langjährige Krankenpfleger seine Serienidee sieben Jahre zuvor ersonnen hatte – kaum vorhanden. Was etwas ebenso Ungewöhnliches wie Beispielgebendes nach sich zog: Die vielgepriesene, preisgekrönte, sehr fantastische Krankenhausserie ist zwar in der deutschen Hauptstadt entstanden. Allerdings zunächst auf Englisch. Und das macht gerade Schule. Nach Frank Schätzings „Der Schwarm“ und Jantje Frieses Netflix-Mysterium „1899“ ist mit „Krank Berlin“ 2024 das dritte Großprojekt mit ortsfremder Arbeitssprache entwickelt worden.

"Spielerischer, gesprächiger, theatralischer"

Wobei die Motive dafür anfangs eher alltäglicher Art waren. Mit der globalen Popkultur werden automatisch nahezu überall auch die Film- und Fernsehsets internationaler. Es hat aber auch spezifische Ursachen. Für ganz große Handlungsbögen horizontaler Streamingserien, meint der Native Speaker in einem Hipster-Café in Berlin-Mitte, sei Englisch geradezu perfekt. Als Grund dafür nennt Samuel Jeffersoner den „kreativen Drive“, der in seiner Heimat seit jeher bereits Dramen antreibt. Er stamme noch aus William Shakespeares Zeiten, die Buch und Regie bis heute untrennbar verbinden.

Krank Berlin © Real Film Apple TV und ZDF haben bei "Krank Berlin" gemeinsame Sache gemacht.
Während das Deutsche oft präziser, exakter, konkreter sei, „ist Englisch spielerischer, gesprächiger, theatralischer“. Und damit an sich zwar weder besser noch schlechter, aber bereits im Entstehungsprozess irgendwie angemessener für wuchtige Gesellschaftsdramen à la „Krank Berlin“. Dass sich Dialoge zwischen Flensburg und Füssen vielfach so künstlich anhören, liege Jefferson zufolge demnach weniger an den Schauspielenden als ihrer Muttersprache – „no offense“. Das klingt dann aber doch etwas offensiver als geplant, Tendenz zur Anmaßung.

Und weil Samuel Jefferson seine Thesen obendrein tief im Herzen des vielleicht deutschesten aller Drehorte äußert, ordnet er sie vorsichtshalber noch ins zentrale Festival-Thema ein. Der dritten Seriesly Berlin geht es laut Festivalprogramm schließlich ganz besonders um den Kontinent und seine Fernsehlandschaft. Wer dessen weitverbreitetste Verkehrssprache schon im Drehbuch mitdenkt, fördere folglich den europäischen Gedanken.

Für einen Engländer in Deutschland ist das womöglich ein eher pragmatischer als altruistischer Ansatz. Einerseits. Denn andererseits wurde Krank Berlin“ anschließend ja zurück ins Deutsche übersetzt. Doppelter Aufwand also. Aber er lohne sich. Dank der englischen Ursprungsversion eigne sich das Format nämlich besser für die internationale Verwertung. Damit das Publikum in aller Welt beim Genuss deutscher Fiktionen öfter mal „wow, so amazing awesome“ ruft, kann ein polyglotter Spirit kaum schaden.