„Man muss die alle verklagen. Wir müssen alle KI Anbieter für ihren Datendiebstahl verklagen. Das ist aber kein Geschäftsmodell, auch keine journalistische Idee. Das ist einfach, was man halt tun muss“. Mit erfreulich klaren Worten bezieht Zeit-Chefredakteur Jochen Wegner beim Mediengipfel zur Eröffnung der 40. Medientage München Stellung - und sorgt für den markantesten Moment des Morgens. Gemeint sind KI-Unternehmen, die journalistische Inhalte ohne entsprechende Erlaubnis zum Training ihrer Modelle verwenden.
Doch Wegner belässt es nicht bei der Kampfansage. Die Medienbranche müsse sich gegen die unberechtigte Nutzung ihrer Inhalte wehren, gleichzeitig aber selbst die Möglichkeiten der neuen Technologie nutzen. Im Gespräch mit Moderatorin Eva Schulz schildert Wegner, wie schwierig der Schutz journalistischer Inhalte inzwischen geworden sei. Selbst renommierte KI-Unternehmen würden sich über Umwege Zugang zu Daten verschaffen. Technische Sperren, die automatisierten Zugriff verhindern sollen, würden teilweise durch zwischengeschaltete Dienstleister umgangen.
„Die Zeit“ arbeite deshalb mit spezialisierten Unternehmen zusammen, um solche Zugriffe aufzuspüren und abzuwehren. Auch auf internationaler Ebene werde über Gegenmaßnahmen diskutiert, innerhalb der Holtzbrinck-Gruppe tausche man sich dazu unter anderem mit amerikanischen Buchverlagen und Wissenschaftsverlagen aus. Doch allein mit juristischen und technischen Abwehrmaßnahmen werde sich die Zukunft des Journalismus nicht sichern lassen.
Optimismus zwischen Abwehrkampf und Experimentierfreude
Wegner zeigt sich vielmehr ausgesprochen begeistert von den neuen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. In Redaktionen entstehe gerade eine Experimentierfreude, die ihn an die Anfänge des Internets erinnere. „Ich beobachte gerade, dass das so als Piratentum in allen Redaktionen Einzug hält“, so der Zeit-Chefredakteur. Journalistinnen und Journalisten entwickelten eigene Werkzeuge, automatisierten Arbeitsabläufe und erschlössen neue Recherchemethoden. Als Beispiel nennt er die Möglichkeit, bislang kaum durchsuchbare historische Dokumente wie die NSDAP-Akten mithilfe von KI zugänglich zu machen.
Auch in der eigenen Redaktion würden bereits maßgeschneiderte Anwendungen entstehen, etwa für die Transkription langer Interviews oder die Vorbereitung von Recherchen. Wegner selbst experimentiere mit einem persönlichen KI-Assistenten, der ihm bei der Vorbereitung von Terminen helfe. Seine Überzeugung: Wenn Redaktionen die neuen Möglichkeiten konsequent nutzten, könne KI ihre Leistungsfähigkeit vervielfachen, statt zwangsläufig Arbeitsplätze zu vernichten. Gleichwohl räumte er ein, dass sich einzelne journalistische Tätigkeiten radikal verändern dürften.
Wie sich die Beziehung zwischen Medien und KI-Unternehmen künftig gestalten könnte, zeigt ein Pilotprojekt der Zeit mit Google. Dabei darf der Technologiekonzern gegen Bezahlung eine begrenzte Auswahl journalistischer Texte für bestimmte Anwendungen verwenden. Die erlaubte Nutzung sei vertraglich klar eingegrenzt. Wegner erwartet, dass solche Lizenzmodelle künftig eine größere Rolle spielen werden. Denkbar sei, dass Nutzer ihre abonnierten Medienangebote direkt über persönliche KI-Assistenten erschließen könnten. Dafür brauche es allerdings klare Regeln und legale Zugangswege.
Katja Wildermuth fordert Sichtbarkeit und Kontrolle
BR-Intendantin Katja Wildermuth betont ebenfalls, dass Medienunternehmen ihre Inhalte nicht einfach den großen Plattformen überlassen dürften. Entscheidend seien, wie sie bereits im DWDL.de-Interview ausgeführt hat, vier Prinzipien: Autorisierung, Genauigkeit, Quellenzuordnung und Auffindbarkeit. Journalistische Inhalte dürften nicht ohne Erlaubnis verwendet, aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne Quellenangabe verbreitet werden. Vor allem müssten vertrauenswürdige Medienangebote auf digitalen Plattformen prominent auffindbar bleiben.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse dabei auch eigene technologische Angebote entwickeln. Wildermuth verweist auf den neuen KI-Nachrichtenassistenten. Ziel sei nicht, die Nutzung künstlicher Intelligenz zu verhindern, sondern verlässliche journalistische Informationen auch über neue Zugangswege bereitzustellen. Zugleich sieht Wildermuth die besondere Stärke des Journalismus gerade dort, wo KI an Grenzen stößt: bei eigener Recherche, langfristiger Beobachtung, Einordnung und persönlicher Nähe zum Publikum. Insbesondere die regionale Verankerung der ARD sei ein Vorteil, der Vertrauen schaffe.
Alexandra Borchardt warnt vor Verlierern bei Lizenzdeals
Medienexpertin und „Medieninsider“-Kolumnistin Alexandra Borchardt äußert sich skeptischer zu den wirtschaftlichen Chancen von Lizenzvereinbarungen mit KI-Unternehmen. Davon profitierten bislang vor allem große Medienhäuser. Kleinere Lokal- und Regionalanbieter gingen dagegen häufig leer aus. Auch die Vorstellung, europäische Medien könnten sich durch den Aufbau eigener Infrastruktur vollständig von den amerikanischen Technologiekonzernen unabhängig machen, hält Borchardt für unrealistisch: „Da muss man wirklich leider sagen, der Zug ist abgefahren.“
Umso wichtiger sei es, direkte Beziehungen zum Publikum aufzubauen und die Vielfalt der Medienlandschaft zu erhalten. BR-Intendantin Wildermuth plädiert in diesem Zusammenhang für eine stärkere Zusammenarbeit der Medienhäuser. Dass externe Plattformen trotz aller Abhängigkeiten auch Chancen bieten, verdeutlicht Jochen Wegner: „Die Zeit“ habe vor rund zwei Jahren gezielt ein Team für TikTok aufgebaut. Inzwischen kämen mehr als drei Millionen Nutzer über die Plattform auf das eigene Angebot.
Auch Instagram entwickle sich zunehmend zu einem Kanal, über den neue Digitalabonnements gewonnen würden. Besonders überrascht habe ihn aktuell der Erfolg einer kürzlich erst gestarteten fünfteiligen Videoserie über junge Menschen, die auf ihr Smartphone verzichten. Diese ausschließlich für Abonnenten verfügbare Produktion habe sich zum erfolgreichsten Abo-Treiber in der Erscheinungswoche entwickelt. Trotzdem bleibe die direkte Beziehung zum Publikum entscheidend. Digitale Abonnements hätten das Geschäftsmodell der Zeit in den vergangenen Jahren gerettet, so Wegner.
Sie schaffen eine Verbindung zwischen Redaktion und Leserschaft, die nicht von externen Plattformen kontrolliert werde. Seine zentrale Zukunftshoffnung formuliert der Zeit-Chefredakteur zum Schluss: Auch wenn KI journalistische Arbeitsprozesse grundlegend verändern werde, bleibe der menschliche Austausch unersetzlich. Er wolle - vergleicht Wegner - dass sein Arzt sämtliche verfügbaren KI-Werkzeuge nutze, die Diagnose aber weiterhin mit einem Menschen besprechen. Ähnlich sei es im Journalismus.
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