Es gibt Fernsehkarrieren, die sich nicht ohne Weiteres auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Die von Gisela Marx, die laut DWDL-Informationen im Alter von 84 Jahren nach längerer Krankheit friedlich zuhause eingeschlafen ist, gehört dazu. Man könnte sich erinnern an eine streitbare Journalistin, die einst mit kritischem Blick gesellschaftliche und politische Verhältnisse hinterfragte. Damals dürfte kaum jemand vermutet haben, dass sie Jahre später als Produzentin mit Laiendarstellern, inszenierten Nachbarschaftsstreitigkeiten und dramatischen Gerichtsverhandlungen das deutsche Nachmittagsfernsehen revolutionieren würde. Doch genau das gelang ihr. 

Gisela Marx war vieles, aber gewiss keine Frau, die sich von den Erwartungen anderer aufhalten ließ. Geboren am im Mai 1942 in Nümbrecht, studierte sie Geschichte, Romanistik und Philosophie in Köln. Schon früh zog es sie zum Journalismus. Ab Ende der 60er Jahre arbeitete sie dann für Hörfunk und Fernsehen, vor allem für den WDR. Sie moderierte, recherchierte, drehte Dokumentationen, beschäftigte sich mit Entwicklungspolitik und gesellschaftlichen Konflikten. Gemeinsam mit Wolfgang Menge führte sie in den 80er Jahren durch die SFB-Talkshow „Leute“. Marx war eine Journalistin die Weggefährtinnen als „unbequem, selbstbewusst und meinungsstark“ beschreiben.

Gisela Marx © imago / teutopress Gisela Marx 1985 in der SFB-Talkshow "Leute"

Mit 27 spielte sie 1969 in Wolfgang Menges legendärem Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ eine Außenreporterin. Ein Film, der das Fernsehen selbst und seine gesellschaftliche Verantwortung zum Thema machten. Rückblickend liegt darin eine gewisse Ironie. Denn Marx sollte Jahrzehnte später selbst zu einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Gestalterinnen jener Fernsehwirklichkeit im Privatfernsehen werden, die Kritiker zunehmend skeptisch betrachteten. Doch alles begann mit der Entscheidung, 1974 als 32-Jährige unter die Unternehmerinnen in der Fernsehbranche zu gehen - ein damals seltener Karriereweg. Sie gründete die Produktionsfirma Filmpool. 

Zunächst entstanden Programme wie das Werberahmenprogramm des „WWF-Club“ bis zu Wolfgang Menges ARD-Serie „Motzki“, daneben Fernsehfilme etwa „Polizeiruf 110“-Episoden und gesellschaftspolitische Stoffe. Marx wollte unterhalten, aber auch etwas erzählen. Sie blieb parallel beim WDR, war dort in den 90er Jahren als Journalistin, Moderatorin und Redakteurin aktiv. Doch mit dem Aufstieg des Privatfernsehens veränderten sich die Spielregeln. Und Marx verstand, wie sich daraus ein Geschäft machen ließ. Der entscheidende Durchbruch einer neuen Generation von Filmpool-Produktionen kam mit „Richterin Barbara Salesch“ für Sat.1.

Gisela Marx © imago / teutopress Durchbruch im Privat-TV: Gisela Marx im Jahr 2000

Was als Gerichtssendung mit echten Fällen begann, entwickelte sich durch den Einsatz von Laiendarstellern zu einem völlig neuen Erfolgsmodell. Es folgten „Zwei bei Kallwass“, „Das Jugendgericht“, „Das Familiengericht“ und „Niedrig & Kuhnt“. Filmpool perfektionierte eine Form des Fernsehens, die mit vergleichsweise geringen Mitteln große Erfolge beim Publikum des Nachmittagsprogramms erzielte. Die Grenzen zwischen anfangs dokumentarischer Anmutung und inszenierter Wirklichkeit verschwammen. Eine ganze Generation von Nachmittagsprogrammen wurde davon geprägt.

Aus der kritischen, im Zweifel linken WDR-Journalistin war eine Unternehmerin geworden, für die Einschaltquoten zum entscheidenden Maßstab gehörten. Dass ausgerechnet sie zum Gesicht einer Entwicklung wurde, die Kritiker als Verflachung des Fernsehens empfanden, war ein Widerspruch, den Marx selbst Zeit ihres Lebens weniger problematisch fand als ihre Kritiker. Sie sah in ihren Produktionen durchaus einen gesellschaftlichen Wert. Dass mit Barbara Salesch und Angelika Kallwass Frauen jenseits der 50 zu erfolgreichen Fernsehgesichtern wurden, betrachtete sie als kleinen Sieg gegen den Jugendwahn der Branche. 

Und sie verteidigte das Konzept der Laiendarsteller, deren Authentizität und Ausdruckskraft sie schätzte. Man musste ihre Begeisterung für dieses Fernsehen nicht teilen, um anzuerkennen, dass dahinter mehr steckte als bloßer Zynismus. Gleichzeitig blieb Marx eine Frau mit hohen Ansprüchen an sich selbst und andere. Sie galt als durchsetzungsstarke Produzentin. Unter ihrer Führung entwickelte sich Filmpool innerhalb weniger Jahre zu einem Schwergewicht der deutschen Produktionslandschaft, das 2004 von MME Moviement übernommen wurde. Marx wechselte in den Vorstand und blieb noch bis 2009 an Bord.

Gisela Marx © imago / berlinfoto Gisela Marx 2010 zu Gast in der WDR-Talkshow "Kölner Treff"

Ihre Wurzeln verlor sie dabei nie vollständig. Neben den kommerziellen Erfolgen entstanden weiterhin ambitionierte Fernsehfilme und gesellschaftlich relevante Produktionen. Vielleicht war es diese Gleichzeitigkeit, die Gisela Marx ausmachte: der Wunsch, etwas zu bewegen, und die Fähigkeit, den Massengeschmack zu bedienen. Dass beides nicht immer zusammenpasste, gehört ebenso zu ihrem Vermächtnis wie die unbestreitbare Leistung, eine ganze Fernsehgattung geprägt zu haben. Für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement wurde sie 2003 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Ein Jahr zuvor gewann sie den Deutschen Fernsehpreis für „Richterin Barbara Salesch“.

Gisela Marx lebte schon mehr als zehn Jahren weitgehend zurückgezogen aus der Öffentlichkeit. Sie war daher in jüngerer Vergangenheit nicht mehr so präsent, ihr Wirken hingegen schon. Marx gehörte zu einer Generation von Fernsehmacherinnen, die sich ihren Platz in einer lange von Männern dominierten Branche erkämpfen mussten. Sie war Journalistin, Unternehmerin, Machtmensch und Pionierin. Sie konnte anecken und polarisieren. Vor allem aber konnte sie Fernsehen. Gisela Marx wurde 84 Jahre alt.