log in © Screenshot ZDF
Existenzfragen bei "log in"

"Verdammt nochmal": Das ZDF findet sich ganz gut

von Alexander Krei
21.03.2013 - 00:48 Uhr

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Kurz vor dem 50. Geburtstag stellte sich das ZDF die Existenzfrage. Bei ZDFinfo beantwortete Intendant Thomas Bellut kritische Fragen, gab sich unterm Strich aber mit dem eigenen Sender recht zufrieden. Dabei gibt es eigentlich viel zu tun.

"Ist das ZDF von gestern?" Es ist eine spannende Frage, die sich das ZDF am Mittwochabend mehr oder weniger selbst stellte - denn in der beim Spartensender ZDFinfo ausgestrahlten Talkshow "log in" war Intendant Thomas Bellut höchstpersönlich anwesend, um kurz vor dem 50. Senderjubiläum mit dem ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma, dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier und dem Musikproduzenten Tim Renner über die eigene Daseinsberechtigung zu sprechen. Natürlich waren die Rollen schon im Vorfeld klar verteilt. So wies Bellut gleich zu Beginn pflichtgemäß darauf hin, dass sein Sender im vorigen Jahr Marktführer gewesen sei und sich das Privatfernsehen in einer Abwärtsspirale bewege. "RTL ist der Verlierer des Jahres und liegt am Boden. Das Publikum möchte nicht mehr auf diese Weise unterhalten werden", so Bellut.

Eine spannende These - und doch stimmt sie nur zum Teil, denn insbesondere beim jungen Publikum liegt das ZDF nach wie vor weit hinter der Konkurrenz aus Köln. Der Konter von Helmut Thoma ließ freilich nicht lange auf sich warten. "Das einfallsreichste, das ARD und ZDF in den letzten Jahren eingefallen ist, war die Haushaltsabgabe", sagte er, gab aber zugleich zu, dass sich auch bei RTL zuletzt "viel ins Negative verändert" habe. Immer wieder verwies der ZDF-Intendant dafür auf den hohen Informationsanteil, zu dem etwa "Frontal 21" beitrage. "Es ist nicht sonderlich jung, aber verdammt nochmal: Es ist wichtig", so Bellut über das Magazin. Dass "Frontal 21" in diesem Jahr allerdings auffällig oft ausfiel, musste er allerdings zugeben, versprach aber Besserung. "Es gibt zur Jahreswende immer Sonderprogrammierungen. das fängt sich im Laufe des jahres wieder ein."

Das gilt es, in den kommenden Monaten zu überprüfen - und auch, ob es Bellut gelingt, das Durchschnittsalter seines Publikums zu senken. Wobei das angestrebte Ziel inzwischen bei 60 Jahren liegt und man damit natürlich nur schwer von einer echten Verjüngung sprechen kann. Was fehlt, sind echte Innovationen. Das jedenfalls bemängelten die Zuschauer bei "log in" immer wieder. Gute Ideen würden dagegen verschenkt, so der fast einhellige Tenor - der Abgang von Benjamin von Stuckrad-Barre oder Joko und Klaas zur privaten Konkurrenz sind dafür gute Beispiele, auch wenn Bellut das als Beleg für die gute eigene Arbeit ansieht. "Das ist so eine karnickelhafte Vermehrung, die nichts bringt", ätzte dagegen Helmut Thoma über die zahlreichen Digitalsender.

Von deren Existenz ist aber inzwischen nicht mal mehr Bellut selbst komplett überzeugt, wie die geplante Einstellung von ZDFkultur eindrucksvoll beweist - eine Entscheidung, die dem Intendanten zuletzt aber auch Kritik einbrachte. Doch dieser relativierte den Stellenwert des Senders. "Seien wir doch mal ehrlich: Da waren aus Geldmangel ganz viele Wiederholungen älterer Serien", so Bellut. "Da war ein Kästchen drumherum, damit es Kult war. Aber das ist doch nicht die Botschaft eines solchen Kanals." Ganz Unrecht hat Bellut damit sicherlich nicht, doch von diesem Problem ist nicht nur ZDFkultur betroffen, wie Moderator Wolf-Christian Ulrich anmerkte. Auch bei ZDFneo würden Tag für Tag schließlich viele Wiederholungen gezeigt.

Doch wie soll ein zeitgemäßes öffentlich-rechtliches Programm nun aussehen? Beantwortet wurde diese Frage am Mittwochabend auch bei "log in" nicht, auch wenn Bellut erklärte, den beliebten Musikformaten von ZDFkultur beispielsweise bei 3sat eine neue Plattform geben zu wollen. Eine Strategie, die nicht jedem gefällt. "Das Hauptprogramm wird nicht mehr attraktiv, wenn man Musik und Politik zu 3sat und den Digitalsendern auslagert", gab Musikproduzent Tim Renner zu bedenken. Uneinigkeit herrschte erwartungsgemäß auch darüber, ob die Champions League nun tatsächlich für geschätzte 50 Millionen Euro pro Jahr im ZDF laufen muss oder nicht. Tim Renner etwa würde als Senderchef die Rechte verkaufen und "Wetten, dass..?" einstellen. "Aus sechs 'Wetten, dass..?-Sendungen kann man einen ganzen Kulturkanal machen", gab er zu bedenken.

Bellut wiederum verteidigte die Show und den Erwerb der teuren Fußballrechte. "Jeder Sender braucht Leuchttürme", sagte der Intendant. Dass Sat.1 die Rechte verloren habe, sei in gewisser Weise auch das Problem der privaten Konkurrenz. An diese gerichtet, sagte Bellut: "Wenn ihr es hättet haben wollen, dann investiert darauf." Im Gegenzug würden die Privaten dafür alles vom amerikanischen Markt wegkaufen. "Ich hätte gerne 'Big Bang Theory', aber ich krieg's nicht." Viel verändern wird sich aber auch nach der durchaus lebhaften Diskussion bei "log in" nicht. Sowohl programmlich als auch strukturell gesehen, denn auch die Einmischung der Politik in die öffentlich-rechtlichen Sender spielte noch eine Rolle. "Die Ministerpräsidenten müssen aus den Gremien raus", forderte Stefan Niggemeier. "Dass wir darüber diskutieren, ist absurd."

Dass er wegen gewisser politischer Ansichten zum Intendanten gewählt wurde, bestritt Thomas Bellut allerdings. "Ich bin nicht abhängig", sagte er. Einigkeit herrschte immerhin in dem Punkt, dass vermehrt jüngere Menschen in den Aufsichtsgremien sitzen sollten. "Es könnten mehr sein", so Bellut, der allerdings auf den Gesetzgeber verwies. Etwas kurios wurde es dann allerdings doch noch - etwa, als das Wort "Zwangsgebühr" fiel und Bellut genervt rief: "Da krieg ich schon die Krise." Helmut Thoma stellte alsdann noch fest, dass es in Deutschland schlimmer sei als in Italien, weil es hierzulande durch die von ARD und ZDF kaum noch zu erreichenden Erstwähler eigentlich gar kein duales System mehr gebe. Eine These, über die man sicher streiten kann. Genauso wie über ARD und ZDF selbst.

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