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Interne Untersuchung nach ZDF-Skandal

NDR räumt Manipulation in Rankingshows ein

von Thomas Lückerath
08.08.2014 - 15:27 Uhr

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In zwölf Fällen hat der NDR in den vergangenen Jahren Rankings in Sendungen des NDR Fernsehen verändert oder unklar gekennzeichnet. Das ist das Ergebnis einer internen Untersuchung, die der Norddeutsche Rundfunk am Freitag veröffentlicht hat. DWDL.de dokumentiert alle Vorfälle.

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Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll über den NDR. Lachen, weil bei Online-Votings zu teilweise schon vom Titel her absurden Rankingshows („Die spannendsten Seen Norddeutschlands“) insgesamt nur ein paar hundert Stimmen abgeben wurden und es die Aussagekraft solcher Sendung noch weiter in den Keller drückt.  Oder weinen, weil nach dem ZDF am Freitag auch der NDR einräumen muss: Bei Rankingshows wurde manipuliert. Und das in mehr Fällen als beim ZDF, wenn auch mit anderer Tragweite und anderen Hintergründen. Mit pro-aktiver Kommunikation will man in Hamburg Transparenz signalisieren. Das gelingt zwar, aber wirft dafür ganz neue Fragen auf.

Eine interne Untersuchung der eigenen Ranking-Formate - zwischen 2011 und August 2014 wurden immerhin 212 solcher Sendungen im NDR Fernsehen gezeigt, wenn man Wiederholungen mitrechnet - hatte der Sender veranlasst nachdem die Geschehnisse bei der ZDF-Sendung „Deutschlands Beste“ Schlagzeilen machten und u.a. auch vom NDR-eigenen Medienmagazin „Zapp“ berichtet wurde. Bei der Untersuchung dieser letztlich 58 neu produzierten Sendungen dieses Zeitraums habe es bei neun Sendungen „einzelne Abweichungen zwischen dem Voting-Ergebnis und dessen Präsentation in der Sendung“ gegeben. Zusätzlich wurde bei drei weiteren Sendungen ein Zuschauer-Ranking suggeriert, obwohl die Redaktion die Reihenfolge bestimmt.

Darüber informierte der öffentlich-rechtliche Sender am Freitag in einer Pressemitteilung unter dem Titel „NDR stellt einzelne Abweichungen bei Online-Votings für Unterhaltungssendungen fest“. Anders als beim ZDF geht es beim NDR laut der internen Untersuchung ausschließlich um die Manipulation von Online-Votings, nicht also wie beim ZDF um Abweichungen von vermeintlich repräsentativen Umfragen. Auch betont man in Hamburg, dass bei den Abweichungen keine NDR-Personen bevorteilt wurden. Die Änderungen hätten zudem banale Gründe: Weil Bildrechte fehlten, die Materiallage schlecht war oder aus dramaturgischen Gründen wichen einzelnen Platzierungen von den Ergebnissen der Votings ab.

Was zunächst äußerst misstrauisch macht, ist bei näherer Betrachtung der einzelnen Fälle, die der NDR am Freitag öffentlicht gemacht hat, beinahe belustigend, wenn es nur nicht so traurig wäre. Im Folgenden dokumentiert das Medienmagazin DWDL.de die zwölf laut NDR-Untersuchung betroffenen Sendungen der vergangenen Jahre.

Vorfälle bei NDR-Sendungen aus dem Jahr 2011

Im Jahr 2011 liefen 56 Ranking-Sendungen im NDR, davon waren 13 Sendungen Erstausstrahlungen, der Rest Wiederholungen von Sendungen aus den Vorjahren. In vier Erstausstrahlungen gab es Abweichungen, wovon nach NDR-Darstellung bei zwei Sendungen eine bewusste Korrektur durch die Redaktion vorgenommen wurde.

  • Die Sendung „Die bedeutendsten Norddeutschen“ lief eigentlich schon in 2010, wurde jedoch in einer verkürzten Version 2011 noch einmal ins Programm genommen. Dabei mussten die Filmausschnitte des Achtplatzierten, Loriot alias Vicco von Bülow, herausgeschnitten werden, da es eine gerichtliche Auseinandersetzung um die Ausstrahlungsrechte gab. Die Redaktion habe entschieden, diese Position an Loki Schmidt zu vergeben, ohne diese Entscheidung transparent zu machen.
  • Bei der Sendung „Die schönsten Evergreens des Nordens“ wurden Platz 7 „Yesterday“ (147 Klicks) und Platz 8 „Ich war noch niemals in New York“ (133 Klicks) vertauscht. Eine Begründung der Redaktion liege nicht vor, so der NDR.
  • Für die Sendung „Die legendärsten Rücktritte“ standen den Zuschauern 26 Themen zur Auswahl, die ersten 20 Plätze kamen zur Ausstrahlung. Bei der Abstimmung lagen die Plätze 19 bis 26 mit einem Unterschied von nur zwei bis sieben klicks beinahe gleichauf. Die Redaktion entschied, zwei Positionen auf Platz 19 und 20 vorzuziehen, obwohl sie im Ranking zwei bzw. fünf Klicks weniger hatten.
  • Bei „Die schönsten Naturparadiese des Nordens“ habe man „aufgrund der Produktionszeit für Schnitt und Mischung“ einen Zwischenstand des Online-Votings als Grundlage der Sendung genommen, welcher vom Endergebnis abwich.

Vorfälle bei Sendungen aus dem Jahr 2012

Im Jahr 2012 liefen 46 Ranking-Sendungen im NDR, davon waren 15 Sendungen Erstausstrahlungen. Bei drei Sendungen gab es Abweichungen zwischen den Voting-Ergebnissen und den Platzierungen in den Sendungen.

  • Für „Die beliebtesten Komiker des Nordens“ gab es bis zur Ausstrahlung keine Rechte-Freigabe für das Bildmaterial von Harald Schmidt, der mit 23 Klicks dem Voting nach auf Platz 25 lag. Diese Position wurde daraufhin für die Sendung gestrichen und Mike Krüger rückte von Platz 26 auf Platz 25 vor.
  • Bei der Sendung „Die beliebtesten Partyhits“ gab es eine Abweichung zwischen den Abstimmungsergebnissen und dem gezeigten Ranking. Der Grund für die unterschiedlichen Listen sei nicht mehr nachvollziehbar.
  • Bei „Die spannendsten Seen Norddeutschlands“ gab es zwei Abweichungen. Hier wurde das Dümmer Meer, das nach dem Online-Voting mit 310 Klicks auf Platz 13 lag, auf Platz 11 vorgezogen. Die Feldberger Seenlandschaft kam im Voting mit 328 Klicks auf Platz 11, wurde in der Sendung aber auf Platz 10 aufgewertet.

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