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"Nein, oh Gott, nein"

Schwachstelle: Netflix und die Angst vorm Download

von Thomas Lückerath
22.09.2014 - 11:11 Uhr

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Während die Lust auf eigene Inhalte durchaus fasziniert, sind die technischen Innovationen von Netflix eher gering und ein Feature fehlt gleich völlig: Der Offline-Modus. Warum eigentlich? Wir haben bei CEO Reed Hastings und Produktchef Neil Hunt nachgehakt.

Schon vor acht Jahren waren deutsche Anbieter von Subscription-Video-on-Demand wie Maxdome und Videoload technisch fortschrittlicher als Netflix. Die Firma rund um Co-Gründer und CEO Reed Hastings stieg in den USA erst ein Jahr später überhaupt in das Streaming-Geschäft ein - ein Detail, das immer wieder erwähnenswert ist angesichts des Hypes um den US-Anbieter. Beim Deutschland-Start in der vergangenen Woche wurde deutlich, dass man zwar mehr exklusive Inhalte habe und ganz sicher eine aus den USA bereits sehr erprobte App für diverse Endgeräte. Doch eine Funktion fehlt Netflix auch in Deutschland, die Maxdome, Watchever, Sky Snap und mit Einschränkung auch Amazon Prime Instant Video anbieten: Die Offline-Nutzung.

Beim Pressetermin in Berlin nutzten wir deshalb die Gelegenheit, um ganz besonders dieses Thema in den kurzen Interviews mit Reed Hastings, aber auch dem zuständigen Chief Product Officer Neil Hunt zu besprechen. Eine durchaus schwierige Aufgabe, wenn man Gesprächspartnern gegenüber sitzt, die bei mehr als 200 Interviews innerhalb weniger Tage sehr routiniert und gut trainiert antworten. Und doch führte das energische Nachhaken zwar einmal zur peinlichen Gesprächspause - dafür aber auch zu zwei interessanten Antworten.

„Es geht hier eher um eine grundsätzliche Entscheidung. Das ist nicht unser Geschäftsmodell. Unsere Philosophie war immer: Netflix muss sehr einfach funktionieren und die Vorstellung, dass unsere Kunden erst planen müssen, was sie gucken wollen, passt nicht dazu“, erklärt Chief Product Officer Neil Hunt. Dass es auch eine Kostenfrage ist, weil Netflix zusätzliche Rechte erwerben müsste, tut seinen Teil dazu. Es folgt eine gut einstudierte Anekdote, die Hunt sicher nicht zum ersten Mal erzählt. „Wissen Sie, ich liebe Podcasts. Am Flughafen ist mir kürzlich kurz vor dem Abflug aufgefallen, dass ich ganz vergessen hatte, mir neue Folgen herunter zu laden. Da saß ich schon im Flugzeug und hab versucht, noch schnell etwas herunter zu laden.“

Neil Hunt
© Netflix
Der Ausgang der Anekdote war absehbar: „Hat aber nicht mehr geklappt vor dem Abflug. Und da reden wir von kleineren Dateien als bei einer 20- oder 40-minütigen Fernsehserie. Da wäre die Notwendigkeit des Vorausplanens also noch größer. Das kann nicht die Lösung sein.“ Hunt trug die Anekdote so routiniert vor, dass man davon ausgehen muss, dass er sie schon häufiger vorgetragen hat. Dabei fühlt sie sich an wie ein Eigentor. Meine Antwort auf seine Anekdote: Damit hätte er also genauso viel hören können, wie Netflix-Kunden im Flugzeug oder Zug sehen können: Nämlich nichts. Es folgt ein Moment der Stille. Vielleicht nur eine Sekunde zu lang, um nicht aufzufallen.

Und plötzlich verrät Neil Hunt eine mögliche Lösung für das Problem, die sein CEO Reed Hastings wenig später im Raum schräg gegenüber des Flures auf den gleichen Hinweis jedoch nicht erwähnen wird. „Mein Vorschlag wäre“, beginnt Hunt, „lasst uns Content Server in Flugzeugen, Zügen und Hotels installieren. Wir sind auch schon in Gesprächen mit Anbietern von Internetzugängen für Flugzeuge. Gogo (Ein Anbieter in den USA, Anm. d. Red.) bietet bereits limitiertes Video-on-demand. Nicht von uns, aber es zeigt: Ein Server ist bereits installiert und die sind heutzutage ja wirklich klein.“

Es ist eine interessante, aber lückenhafte Übergangslösung - und ohnehin nicht konkret geplant, wie Hunt einräumt. „Das Interesse ist da, aber das ist trotzdem nichts, was wir schon nächstes Jahr umsetzen werden können. Die langfristige Perspektive ist aber, Netflix überall verfügbar machen. Dazu sollten jedoch wir hart arbeiten und planen, nicht unsere Kunden.“ Viel gelassener gibt sich kurz darauf dann Co-Gründer und CEO Reed Hastings. Ich verweise darauf, dass seine Wettbewerber in Deutschland mehrheitlich einen Offline-Modus anbieten und Netflix nicht. Glaube er etwa nicht daran? „Nein, oh Gott nein. Das ist fürchterlich“, antwortet Hastings mit überschwenglich dramatischer Geste.

Reed Hastings
© Netflix
„Dann muss man sich mit Dateien rumschlagen und Downloads planen. Wir möchten genauso einfach sein wie es Fernsehen immer war: Taste drücken, gucken. Taste drücken, gucken - ohne über irgendetwas nachdenken zu müssen. Wer im Flugzeug oder Zug gucken will, der nutzt meist iTunes und ärgert sich dann, dass sein Download zuvor nicht funktioniert hat oder nicht ganz fertig war oder der Speicherplatz voll ist. Das ist mir zu komplex. Netflix ist einfach.“ Man könnte auch sagen: Netflix ist einfach - nicht verfügbar. Doch von technischen Zwischenlösungen spricht Hastings nicht. Die Zeit werde die Lösung bringen: „In fünf oder zehn Jahren werden wir in Zügen und Flugzeugen genügend Bandbreite haben, um einfach streamen zu können.“

Bis dahin aber erfreuen sich neben Amazon Prime Instant Video, wo ausgewählte Inhalte auf den Amazon-eigenen Endgeräten downloadbar sind, insbesondere die beiden deutschen Wettbewerber Maxdome und Watchever, bei denen weite Teile des Angebots Endgeräte-unabhängig auch offline nutzbar sind, über einen Wettbewerbsvorteil, den Netflix im deutschen Markt ganz sicher unterschätzt. Sie sind im deutschen Markt keine Pioniere. Dafür kommen sie acht Jahre zu spät. Allein die Tatsache, dass sich Netflix für Pendler und Reisende kaum eignet, sollte die Konkurrenten aber nicht in Schadenfreude verfallen lassen. Es ist nicht die Technik, die den Unterschied macht, sondern die Lust auf eigene Inhalte.

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