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Grimme-Preis im Serienrausch: Die Preisträger 2016

von Uwe Mantel
09.03.2016 - 11:30 Uhr

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Viel war von der "Neuen Deutschen Serienwelle" die Rede - nun ist sie auch zum Grimme-Preis rübergeschwappt: Neben "Weissensee" werden gleich drei Serien der Privaten ausgezeichnet, auch "Varoufake" und eine n-tv-Produktion sind preiswürdig.

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Im vergangenen Jahr war das Grummeln bei den Privatsendern groß: Die Preisträger des Grimme-Preises waren damals samt und sonders öffentlich-rechtlich. In diesem Jahr gibt's bei den Privaten deutlich mehr Grund zur Freude - und zu verdanken ist das vor allem der neuen Begeisterung für deutsche Serien, die sich auch bei den Grimme-Jurys niedergeschlagen hat. So wird im Wettbewerb Fiktion in diesem Jahr nur ein einziger Film ausgezeichnet: "Patong Girl", eine laut Jury "kitsch- und klischeefreie Liebesgeschichte" von der Hanfgarn & Ufer Filmproduktion in Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF. Dafür finden sich aber gleich drei Serien unter den Preisträgern.

Da ist zum Einen die von Ziegler Film produzierte ARD-Serie "Weissensee", die im Jahr 2011 schon einmal nominiert war, mit Staffel 3 nun aber erstmals auch einen Grimme-Preis mit nach Hause nehmen darf. "Mit den Mitteln des Fernsehens wird hier nicht weniger als ein unvergleichlicher Roman unserer Zeit erzählt", schwärmt die Jury in ihrer Begründung und hofft darauf, dass es noch mehr als die nun schon beschlossene vierte Staffel geben wird.

Groß dürfte die Freude auch bei den Machern der Serie "Deutschland 83" sein, die UFA Fiction für RTL produziert hat. Vielleicht erleichtert die Auszeichnung mit einem Grimme-Preis ja die Entscheidung, ob man doch noch eine zweite Staffel in Auftrag gibt, obwohl die Zuschauerzahlen hierzulande unter den Erwartungen blieben. "Nicht weniger als den Anfang für neues serielles Erzählen" sieht die Jury in "Deutschland 83" und begründet die Ehrung so: "So oft die deutsch-deutsche Geschichte im deutschen Fernsehen schon thematisiert wurde: Nie zuvor ist es geglückt, den Stoff mit solchem Tempo und Einfallsreichtum zu erzählen und dabei zugleich die Schizophrenie der Teilung des Landes so schmerzhaft genau auf den Punkt zu bringen."

Gleich doppelten Grund zur Freude gibt's bei der noch jungen Produktionsfirma Bantry Bay Productions. Zum Einen gibt's nämlich einen Grimme-Preis für deren Miniserie "Weinberg", die gemeinsam mit Twenty Four 9 Films für den Pay-TV-Sender TNT Serie produziert wurde. Der Preis wird "für die Idee und Konzeption, eine Serie als modernes Schauermärchen in der Tradition der deutschen Romantik zu erzählen" verliehen. Zum Anderen setzte sich die ebenfalls von Bantry Bay produzierte Vox-Serie "Club der Roten Bänder" durch, die in der neuen Kategorie Kinder & Jugend nominiert war. Den Machern sei hier etwas selten gewordenes gelungen: "echtes Family Entertainment im besten Sinne, das Eltern mit ihren Kindern anschauen können und das tatsächlich Generationen vor dem Fernseher vereint hat".  Ein weiterer Preis geht hier an die Kika-Eigenproduktion "Ene Mene Bu", die sich an Vorschulkinder wendet und zum aktiven Gestalten und Erleben von Kreativität und Kunst anregen will. Eigentlich hätte die Jury im Kinder- und Jugend-Bereich sogar drei Preise verleihen dürfen, beschränkt sich aber auf diese zwei Auszeichnungen.

Schon 2014 wurde das "Neo Magazin" - damals noch unroyale - mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, diesmal gibt's erneut eine Ehrung aus Marl für die bildundtonfabrik. Für preiswürdig hält man explizit den Beitrag "#Varoufake", in dem Jan Böhmermann behauptete, das Stinkefinger-Video mit seinem Team gefälscht zu haben. "Es ist Jan Böhmermann und seinem brillanten Team zu verdanken, dass es für die deutsche Medienlandschaft 2015 einen Moment des Innehaltens gab. Einen winzigen Moment nur, aber immerhin, den gab es", heißt es in der Begründung. "Böhmermann hat nicht nur die Inszenierungsmechanismen der Boulevardindustrie entlarvt, ihm gebührt auch das Verdienst einer großen Medienkritik. (...) Er hat mit unterhaltenden Mitteln auf die Wahrheit gedeutet, er hat die Branche innehalten lassen, er hat die Apparate für ein paar Stunden gestoppt. Gelernt hat der deutsche Journalismus daraus leider nur wenig, denn wenige Tage danach zerschellte eine Germanwings-Maschine in den Alpen."

Eine weitere Auszeichnung geht an die von beckground tv produzierte Sendung "Schorsch Aigner - Der Mann, der Franz Beckenbauer war". Olli Dittrich spielte darin den Doppelgänger des "Kaisers". "Das hier ist keine Lieferung aus der Witzfabrik, das ist lupenreiner Journalismus. Dittrich zeigt die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie so oft gezeigt werden. Dittrich gräbt nach der Wahrheit unter dem schönen Schein. Es geht ihm um brutalstmögliche Kenntlichmachung dessen, was ist." Erstmals verliehen wurde in diesem Jahr zudem der Innovations-Preis im Bereich Unterhaltung. Er ging an die Macher des Mehrteilers "Streetphilosophy" (Weltrecorder für RBB/Arte). Jonas Bosslet trifft darin auf dem Weg quer durch Berlin und Brandenburg Menschen, um mit ihnen über große Themen und Gedanken berühmter Philosophen zu reden. "Es nimmt die Zuschauer mit, auf die Straße, auf eine Reise, die das verdeutlicht, was Philosophie auch ist, eine Suche – auf ungewissem Weg und mit ungewissem Ziel."

Bleibt noch der Wettbewerb Information und Kultur. Einen Grimme-Preis erhält hier Constantin Schreiber für seine n-tv-Reihe "Marhaba - Ankommen in Deutschland". "Ohne moralischen Überlegenheitssound, aber auch ohne gefühlsduselige Sozialromantik erklärt Constantin Schreiber in klarem Arabisch unsere Werte, Gesetze und Regeln des Miteinanders, während andere 'wurzeldeutsche' Moderatoren gerne schon einmal an ihrer Muttersprache scheitern", lobt die Jury. Die weiteren Preisträger: "Göttliche Lage" (Filmproduktion Loekenfranke für WDR/Arte). Über fünf Jahre wurde dafür der Abriss eines Stahlwerks in Dortmund und das Entstehen eines Sees, Freizeitgebiets und neuen Wohnquartiers mit der Kamera begleitet. Es sei "ein großartiges Lehrstück, mit wunderbarem Gespür für die sozialen Umbrüche, mit klarem Auge für das, was vor sich geht. Und mit Humor, was bei Dokumentarfilmen eine eher seltene Zuschreibung ist."

Einen Grimme-Preis gibt's zudem für "Die Folgen der Tat" von zero one film für Das Erste, in dem es um die Ermordung des Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto geht. Das Besondere: Der Film ist von Julia Albrecht. Jürgen Ponto war ihr Taufpate, ihre Schwester verschaffte Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und sich selbst Zutritt zum Haus des besten Freundes ihres Vaters, wo Klar und Mohnhaupt diesen erschossen. Ebenfalls ausgezeichnet werden Daniel Harrich und sein Team für die journalistische Leisung bei der mehrjährigen investigativen Recherche für "Tödliche Exporte - wie das G36 nach Mexiko kam" (diwafilm für SWR/BR) sowie die Macher des Films "Vom Ordnen der Dinge" (filmtank GmbH für ZDF/Arte). Ebenfallsim Bereich Information und Kultur umgesehen hat sich die Marler Gruppe, die den Publikusmpreis an die ZDF/3sat-Sendung "Kunst und Verbrechen" (3B-Produktion" verleiht.

Verliehen werden die Preise am 8. April im Theater Marl. Zu sehen gibt es die Verleihung bei 3sat - ab 19:30 Uhr zunächst im Livestream, ab 22:35 Uhr dann zeitversetzt im Fernsehen.

Auf Seite 2: Alle Preisträger im Überblick

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