Für Frank Hoffmann steht ein kleines Jubiläum an: Am Montag, 1. September, ist es fünf Jahre her, dass der frühere RTL-Deutschland-Chef bei Axel Springer den Job des WeltN24-Geschäftsführers von Torsten Rossmann übernommen hat. Seither ist um ihn herum viel passiert in Europas größtem Zeitungshaus, das sich mit Welt auch einen Nachrichtensender leistet: Erst bebte bei „Bild“ die Chefetage, dann bei der „Welt“. Führungskräfte gingen oder kehrten zurück, andere wurden in die Herausgeberrolle weggelobt. Aber beim Welt-Fernsehen steht Frank Hoffmann nach wie vor wie ein Fels in der Axel-Springer-Brandung. Erstaunlich.
Nicht wenige waren freilich bass erstaunt, wieso der heute 59-jährige Fernsehmanager überhaupt bei Springer gelandet ist, bei diesem Linken-Schreck, von dem die einen sagen: Pfui, da bringen mich keine zehn Pferde hin, und die anderen werden halt Global Reporter oder so.
Für den heftig umtosten Konzern, dessen TV-Ambitionen im Launch von "Bild Live" gipfelten und in diesem Punkt letztlich scheiterten, war Frank Hoffmann ganz bestimmt ein Gewinn, immerhin brachte er aus Köln lineare Bewegtbilderfahrung aus drei Jahrzehnten mit nach Berlin. Das bestätigen jedenfalls die, bei denen man sich über ihn erkundigt:
„Frank ist ein guter Fernsehmacher. Er macht Fernsehen nicht für sich selbst, sondern für das Publikum.“
„Frank ist ein begnadeter Verkäufer. Den kannst du hinschicken, wo du willst: Seine Präsentationen sind einfach super.“
„Frank ist eine menschlich angenehme Konstante in diesem ganzen Hü und Hott ,was wollten wir eigentlich noch mal mit Fernsehen?‘.“
Frank Hoffmann, die Konstante
Sieht er sich denn selbst auch so: als Konstante?

0,3 Prozent Plus bei den Marktanteilen! Rekordniveau vom Vorjahr übertroffen! Der einzige private Fernsehsender, der in diesem Jahr gewachsen ist! Nicht nur in Zahlen, auch in der Bedeutung! Welt ist Debatte! Neben der nackten Nachricht auch Vertiefung, Einordnung, Haltung: Das hat Erfolg gebracht in diesen unruhigen Zeiten! Und so weiter und so fort . . .
Nun hat der Erfolg bekanntlich immer mehrere Väter und Mütter. Eine Welt im Dauerkrisenmodus und Non-Stop-Breaking-News-Lagen gebären per se hohes Publikumsinteresse. Welchen Anteil Frank Hoffmann an der offenbar sehr zufriedenstellenden Positionierung von Welt genau hat, lässt sich deshalb schwer sagen. Bei Axel Springer kommt hinzu, dass es eine starke Trennung zwischen Geschäftsführung und Chefredaktion gibt, was nicht bei allen Sendern so konsequent gelebt wird. Das weiß Hoffmann aus eigener Erfahrung. Bei Vox war er beispielsweise zeitweise gleichzeitig Geschäftsführer und Chefredakteur. Dort konnte er die inhaltliche Richtung vorgeben. Dort hatte er, ganz platt formuliert: umfassende Macht.
Bei Welt TV liegt die Verantwortung über die Inhalte in den News und in den Live-Strecken hingegen „nur“ bei der Chefredaktion. Diese wird von Jan Philipp Burgard im vierten Jahr geführt – Frank Hoffmann zufolge einem „extrem energiereichen, fleißigen und ambitionierten Journalisten“, bei dem er sich in manchem an Markus Lanz erinnert fühlt, mit dem er einst bei RTL-„Explosiv“ lange zusammengearbeitet habe. „Jan Philipp und ich funktionieren gut zusammen und die Zusammenarbeit macht großen Spaß.“
Burgards Programmentscheidungen lösen indes durchaus Kontroversen aus. Das im Vorfeld der Bundestagswahl ausgetragene TV-Duell zwischen Mario Voigt (CDU) und Björn Höcke (AfD) zum Beispiel war ein kleines Medienereignis, das Tabus brach und auch intern lebhaft diskutiert wurde. Frank Hoffmann stand auf der Seite der Befürworter: Das Duell sei nicht Kür, sondern Journalistenpflicht gewesen. Man sei für das eigene Verständnis von Journalismus innerhalb einer Demokratie mit Aufmerksamkeit belohnt worden, sowohl während der Sendung als auch in der fairen Berichterstattung danach.
Den Journalismus von der Pike auf gelernt
Das sagt also jemand, der den Journalismus selbst von der Pike auf gelernt hat. Wobei Frank Hoffmann nie gedacht hätte, dass Journalismus mal ein Beruf für ihn sein könnte.
Obwohl in Gütersloh 1966 geboren, der Geburtsstätte des Bertelsmann-Imperiums, zu dem auch die RTL Group gehört, hatte Frank Hoffmann zunächst anderes im Sinn als eine Karriere in den Medien. Architekt wollte er werden und sich mit einer Tischlerlehre auf das Studium vorbereiten. Dass er bei den Wirus Werken in seiner Heimatstadt auch regelmäßig am Fließband stehen und Türen und Zargen produzieren musste, gefiel dem Lehrling aber überhaupt nicht. Nach einem Jahr brach er ab. Nächstes Ziel: erstmal Abitur. Und ein neuer Bass.
Für das Instrument brauchte der Oberstufenschüler, der nebenher gerne fotografierte, dringend Geld. Und so verkaufte er seine Fotos und bald dazu auch die Texte ans lokale „Westfalen-Blatt“ – jene streng-konservative Zeitung, wo auch der spätere „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, Jahrgang 1964, erste journalistische Gehversuche unternahm. 15 Mark für ein Foto, 20 Pfennig pro Zeile: Für Frank Hoffmann war das „ein sensationelles Preisleistungsverhältnis“. Auf den ersten Artikel bekam er so gutes Feedback, dass er beschloss: „Da musst du dranbleiben.“
Als freier Mitarbeit bei der „Bonner Rundschau“ war er nah dran am politischen Weltgeschehen (Bonn war noch Bundeshauptstadt!), wechselte aber dann zurück zum „Westfalen-Blatt“ ins Volontariat, was für den Fernsehmann in spe insofern interessant war, als die Zeitung zwei Tochterfirmen besaß: die Foto- und Textagentur teuto Press sowie die Fernsehproduktion teuto tele. Bei letzterer Agentur lernte Hoffmann nicht nur seine heutige Frau kennen, mit der er inzwischen 36 Jahre verheiratet ist. Als die Mauer fiel, machte er bei teuto tele seinen allerersten Fernsehbeitrag, der dann im RTL-Programm ausgestrahlt wurde.
Der Aufstieg und der Abschied bei RTL
In der RTL-Hierarchie arbeitete sich der Mit-Zwanziger zügig nach oben: Von der RTL-Studioleitung in Hannover wechselte er 1992 nach Köln zu „Explosiv“ und hatte es dort mit einer Bekannten aus dem Zeitungsvolontariat zu tun: mit Barbara Ehligmann, die das Magazin moderierte. 1994 übernahm er die Leitung von „Extra“, wurde dann fünf Jahre später Bereichsleiter für alle Magazine. Und im April 2005 schließlich Nachfolger von Senderchefin Anke Schäferkordt bei Vox. 2013 übernahm er von ihr die Führung von RTL Deutschland.

Darüber, wie gut sich Königin Anke, von Hause aus Controllerin, und Kronprinz Frank, der Mann der Inhalte, tatsächlich verstanden, lässt sich nur spekulieren. Frank Hoffmann könnte den Habeck machen, also öffentlich austeilen und nachtreten, sofern es dafür Gründe gäbe. Dass er es in unserem Gespräch nicht explizit tut, spricht grundsätzlich für einen feinen Charakterzug. Geholfen hat er ihm nicht. Kurz nachdem Schäferkordt im November 2018 mit einem großen Knall gehen musste, hieß es für ihn: mitgehangen, mitgefangen. Im Januar 2019 endete auch Hoffmanns RTL-Karriere. In Köln wurde die Revolution ausgerufen. Und wie das halt bei Revolutionen so ist: Sie fressen ihre Kinder. Bei RTL blieb kein Stein mehr auf dem anderen.
Viele in der Branche sahen in Hoffmann den „Verlierer“ der Umwälzungen bei RTL. Er selbst auch? „Gar nicht, kein bisschen“, versichert er sehr bestimmt. Natürlich habe es „ein bisschen weh getan“. Das gehöre dazu, das sei normal. Trennung, ob bei Freundschaft oder Partnerschaft, sei „immer schmerzhaft, selbst wenn beide Seiten dasselbe wollen“. Und genauso normal sei es, dass sich Gesellschafter irgendwann fragten: „Wollen wir es nicht einmal anders probieren?“ Damals hätten viele wichtige Entscheidungen angestanden. „Vermutlich wussten die Gesellschafter, dass wir in der damaligen Geschäftsführungskonstellation nicht alle Wege mitgehen würden.“
Die ersten Monate nach der Scheidung von RTL erlebte Hoffmann in einer „Euphorie der Sorglosigkeit“. Nicht mehr permanent bewertet zu werden, als machte man jeden Tag Abitur, empfand er erstmal als befreiend. Hinzukam: Er war ja nicht fristlos entlassen worden, nur freigestellt, der Vertrag lief noch. Sein Leben war sorgenfrei, er ging segeln, machte dies und das. Und merkte irgendwann: „Das kann’s noch nicht gewesen sein.“ Ihm fehlte „Gedankenfutter“, ihm fehlte Arbeit im Team. Und so freute er sich, als das von einem Headhunter eingefädelte Gespräch mit Axel Springer entstand.
"Das kann's noch nicht gewesen sein"
Bedenken, gar Vorurteile hatte er nicht. Wenn man für große, bekannte Marken arbeite, begegnetem einem „reflexartige Reaktionen, die nicht immer der Wahrheit entsprechen“. Das habe er auch bei RTL so erlebt, sagt Hoffmann. Welt stehe für Debatte, doch in der öffentlichen Wahrnehmung habe er manchmal den Eindruck gewonnen, „dass nicht allen klar ist, dass wir Meinungspluralität auch intern konsequent leben."
Jetzt die „hochinteressante Kultur“ von Axel Springer aus der Nähe erleben zu dürfen, auch noch in Berlin, wo sich Spitzenpolitiker die Klinke in die Hand geben und er mit ihnen „in den direkten Austausch“ gehen könne, empfindet er als „Privileg“. Seine Sympathie und sein Respekt für die Leute, die beim Nachrichtensender und in der Premium-Gruppe rund um die Uhr arbeiten, sind maximal: „Man spürt, dass Axel Springer von jemandem geführt wird, der selbst Journalist ist. Mathias Döpfner liegen bestimmte Themen am Herzen, er agiert aus Überzeugung.“
Alles in allem, schließt Hoffmann seine Eloge: „Es ist für mich eine schöne Abrundung dessen, was ich bisher machen durfte.“
Das ist wirklich schön zu hören nach all dem Knatsch bei RTL und klingt fast zu harmonisch, als dass es wahr sein könnte. Denn bei Springer hat es Hoffmann auch mit diversen hochinteressanten Charakteren zu tun, mit einem Ulf Poschardt zum Beispiel, dem jetzt übergreifenden Herausgeber von Welt, von dem es heißt, man müsse vorher gut gefrühstückt haben, um mit ihm in den Ring zu steigen. Hoffmann wiederum wird nachgesagt, er sei „die Sanftmut in Person“, scheue Konflikte und Widerspruch.
Das deckt sich zum Teil mit seiner Selbsteinschätzung: „Ich bin kein Mensch, der Konflikte sucht. Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn sie fair ausgetragen werden.“ Gerade mit „Ulf“ sei die Zusammenarbeit immer sehr gut gewesen: „Er ist ohne Frage ein sehr leidenschaftlicher Mensch – und diese Leidenschaft ist wichtig für unser Geschäft, weil sie enorme Kraft freisetzt.“
Seine eigene Kraft, seine Leidenschaften will Frank Hoffmann, der zusätzlich die Geschäfte der hauseigenen MAZ&MORE (Sat.1-Frühstücksfernsehen) führt, dafür verwenden, den Nachrichtensender Welt und den Doku-Sender N24 weiter so aufzustellen, dass sie „gut bei den Zuschauern ankommen und wirtschaftlich ein Maximum rausholen“.
Je kleiner die Fläche und je größer die Herausforderung, desto stärker ist der Ansporn, gute Antworten zu finden.
Frank Hoffmann
Wie groß da sein eigener Gestaltungsspielraum überhaupt sein kann, wo die langen Live-Strecken auf Welt viel vom Budget fressen und wenig übriglassen für den Einkauf etwa von Dokus? „Sehr groß“, findet Hoffmann, der Beinahe-Architekt, und zieht einen Vergleich aus der Architektur heran:
Er habe sich einmal ein Townhouse auf einem extrem schmalen Grundstück gekauft. Es beeindrucke ihn bis heute, wie kreativ die Architekten dieses Problem gelöst hätten. Im übertragenen Sinn heißt das: „Je kleiner die Fläche und je größer die Herausforderung, desto stärker ist der Ansporn, gute Antworten zu finden.“
Für die nächsten fünf Jahre hat er sich vorgenommen, das weiterführen, was zum Antritt bei Springer in seinem Pflichtenheft stand: die Zeitung „Welt“ und den TV-Sender Welt, der ein sehr starkes Eigenleben führte, weiter auf einen Nenner zu bringen.
Das hätten sie, findet er, „smarter hinbekommen als andere, weil wir eben nicht ein Printprodukt eins zu eins ins Fernsehen übersetzen, sondern nach den Regeln des Fernsehens arbeiten“. Fernsehen sei erstmal Einschaltimpuls, aber vor allem Verweildauer. Es brauche dramaturgisches Denken und Arbeiten, sonst verliere man die Zuschauer, die man mühsam an sich binden konnte.
Wer will, kann das jetzt als dezenten Seitenhieb in Richtung Köln verstehen.