Diese Telegeschichte beginnt im Sommer 2000 in den Werbeunterbrechungen des deutschen Fernsehprogramms. Dort steht der Fußballer Andreas Brehme im Fritz-Walter-Stadion. In einem schwarzen Anzug läuft er über den Rasen, vorbei an den leeren Tribünen. Er schwelgt in Erinnerungen, die er hier erlebt hat und setzt sich in die Fankurve. Dazwischen werden Aufnahmen aus der Partie zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen am letzten Spieltag der Bundesligasaison 1995/1996 eingeblendet. Sie zeigen einen am Boden zerstörten Brehme und enttäuschte Fans. „Das Schlimmste für Fußballer ist, wenn man absteigt“, ist seine Stimme aus dem Off zu hören. „Wir hätten das Spiel in Leverkusen gewinnen müssen, aber es hat leider nicht gereicht.“

Dann wechselt die Stimmung. Die bisher traurige Musik wird treibender und heroischer. Jubelnde Fans sind zu sehen. Brehme lächelt verschmitzt, als er weitererzählt: „So schnell geben sich die Roten Teufel nicht geschlagen. Eine Saison später waren wir schon wieder da. Und nicht nur das, wir wurden deutscher Meister.“ In einer alten Aufnahme reckt Brehme stolz die Meisterschale in die Höhe. „Sowas gibt‘s nur in der Bundesliga.“ Schließlich spricht er direkt in die Kamera und beendet seine emotionale Rückschau mit den Worten: „Das können jetzt nicht nur die Fans im Stadion hautnah erleben, sondern alle.“

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Die Szene stammt aus einem Spot, mit dem der Pay-TV-Anbieter Premiere World darüber informiert, dass er ab der neuen Saison alle 306 Spiele der deutschen Fußballbundesliga (der Herren) live übertragen wird.

Leo Kirchs gigantische Geldvernichtungsmaschine

Rund 40 Millionen DM lässt sich Premiere World seine neue Werbekampagne kosten. Dafür stehen neben Andreas Brehme auch Franz Beckenbauer, Rudi Völler und Uwe Seeler vor der Kamera. Eine stolze Summe. Doch die Erwartungen sind hoch. Das junge Unternehmen ist angeschlagen und fährt immense Verluste ein. Es war erst vor einem Jahr entstanden, nachdem der glücklose digitale Pay-TV-Anbieter DF1 seinen ärgsten Widersacher Premiere übernommen hatte. Der durch die Fusion erhoffte Boom bleibt aber aus. Die Angebotsstruktur gilt als zu undurchsichtig, die Pakete als zu teuer. Die Zahl der Abonnements stagniert bei knapp über zwei Millionen. Ein Drittel mehr wären nötig, um das Unternehmen halbwegs rentabel zu machen.

Leo Kirch © IMAGO / photothek Leo Kirch

Das Defizit des Pay-TV-Geschäfts bedroht zunehmend das gesamte Firmenimperium von Leo Kirch, der hinter der Plattform steht. Einst hat er als Filmhändler angefangen und große Teile des Programms von ARD und ZDF zugeliefert. Inzwischen verfügt sein Filmarchiv über 16.600 Titel und 52.500 Stunden Serienmaterial, mit denen unter anderem die vielen Spartenkanäle von Premiere World bestückt werden. Kirch gilt zudem als einer der wichtigsten Wegbereiter für die Zulassung des Privatfernsehens in Deutschland.

Um die Jahrtausendwende lenkt er die Sender Sat.1, ProSieben, Kabel 1, das DSF sowie den neuen Nachrichtenkanal N24. Auch am Axel Springer Verlag und dem Medienkonzern Constantin Film ist er mit hohen Sätzen beteiligt. Doch langsam gerät all das ins Wanken angesichts der Verluste, die Premiere World derzeit schreibt. 2,7 Millionen DM. Und das pro Tag!

Ein Befreiungsschlag muss her. Ein Game-Changer, der möglichst viele Menschen zum Abschluss eines Abonnements bewegen soll. Die Übertragung aller Bundesliga-Spiele soll die Rettung bringen. Das Vorbild dafür liefert Kirchs Geschäftspartner Rupert Murdoch, dessen britische Plattform BSkyB wegen sämtlicher Matches der englischen Premier League besonders beliebt ist.

Alle Spiele, alle Tore!

Premiere World © Premiere
Dass Kirch auf die Bundesliga setzt, liegt deshalb nahe, weil sich seine Unternehmen Sat.1 und Premiere World die Übertragungsrechte bereits teilen. Seit 1992 zeigt Sat.1 die Zusammenfassungen der Bundesligaspieltage im Free-TV. Nach anfänglicher Skepsis haben sich die Formate „ran – Sat.1 Fußball“ fest etabliert. Dank innovativer Kameraperspektiven, Zeitlupen, Statistiken und Interviews direkt vom Feldrand haben sie den Muff aus den früheren „Sportschau“-Berichten vertrieben. Premiere World besitzt bislang die Lizenz, drei der neun Begegnungen eines Spieltages live und die Zusammenfassungen der übrigen Partien im Pay-TV zu zeigen.

Im Sommer 2000 einigen sich Kirch und der DFB auf die Übertragungsrechte für alle Spiele. Rund 750 Millionen DM bezahlt Kirch über die Sportagentur ISPR dafür pro Jahr. Bei einer Laufzeit von vier Jahren addiert sich der Vertrag auf insgesamt drei Milliarden DM. Diese gigantische Investition soll endlich den erhofften Schub für das Pay-TV bringen. Für das neue Fußballerlebnis müssen die Fans jedoch tief in die Tasche greifen. Rund 40 DM pro Monat kostet das einfache „Kick“-Paket. Darin enthalten sind allerdings bloß drei Liveübertragungen pro Woche. Wer wirklich alle Partien sehen will, muss zusätzlich ein Saisonticket für 349 Mark kaufen. Hinzu kommt die monatliche Decodermiete, sodass sich die Kosten auf insgesamt rund 1.000 Mark pro Saison summieren.

Von Anfang an ist deshalb fraglich, ob selbst hartgesottene Fußballfans bereit sind, derart viel Geld auszugeben. Marketing-Geschäftsführer Ferdinand Kayser dämpft daher gleich zu Beginn die Erwartungen: „Welchen Umsatz wir mit [dem Saison-Ticket] machen werden, ist im Voraus nicht zu beziffern. Dazu fehlt uns die Erfahrung, Nutzergewohnheiten werden sich langsam aufbauen.“ Zugleich gibt das Unternehmen ein ambitioniertes Ziel aus. Bis zum Jahresende soll die Abonnentenzahl von 2,2 auf 2,9 Millionen steigen. „Eine schwere, aber lösbare Aufgabe“, wie Sportchef Carsten Schmidt mutig behauptet.

Eine ungeheure Idee

Zum Jahreswechsel fällt die Bilanz nüchtern aus. Trotz des attraktiven Fußballangebots sind die Abo-Zahlen von Premiere World nicht wesentlich gestiegen. Gleichzeitig ist das Unternehmen mehr denn je von der Gewinnzone entfernt. Um jedes Wochenende aus neun verschiedenen Stadien live senden zu können, ist eine immense Logistik nötig. Dafür braucht es einen Stab von rund 500 Personen. Unter ihnen sind teure Stars wie Jörg Wontorra und Marcel Reif. Die Kosten allein für Technik und Personal belaufen sich auf 35 Millionen DM, die auf die ohnehin teuren Übertragungsrechte obendrauf kommen. Es muss also einen Rettungsplan her. Schon wieder.

„Es wird in der Gruppe diskutiert, was man zur Optimierung der Zahlen tun kann“, bestätigt Sat.1-Sportchef Manfred Martens im Januar 2001 die Gerüchte über Krisengespräche im Hause Kirch. Hierbei geraten offenbar die frühen Zusammenfassungen der Spiele im Free-TV als Ursache für die schleppenden Abo-Verkäufe ins Visier. Wer die Highlights und Tore aller Begegnungen kurz nach Abpfiff kostenlos in Sat.1 sehen kann, ist weniger bereit, ein Abo für Premiere World zu bezahlen. So zumindest lautet die simple Logik. Daher kommt eine Idee auf, die derart ungeheuerlich ist, dass sie den gesamten Volkszorn auf sich ziehen wird.

Keine Gegenwehr möglich – Die Liga kommt später

Um die Attraktivität der kostenpflichtigen Liveübertragungen der Bundesliga-Spiele im Programm von Premiere World zu steigern, sollen die Zusammenfassungen im Free-TV künftig deutlich später laufen. Bestenfalls erst ab 22.00 Uhr. Das zumindest ist der Plan der Kirch-Media-Führung. Schnell widerspricht Sat.1 diesen Plänen über eine Sprecherin öffentlich: „Eine Verschiebung der Sendung auf einen späteren Sendeplatz ist nicht geplant. Der Ausstrahlungs-Termin der ‚ran‘-Sendung zählt zu den etabliertesten Sendeplätzen im deutschen Fernsehen.“ Der DFB wiegelt anfangs ebenso ab. Schließlich sehe der mit Kirch geschlossene Vertrag eine „zeitnahe Zusammenfassung“ im frei empfangbaren Fernsehen vor. Genau hier liegt jedoch der Knackpunkt. Eine konkrete Uhrzeit ist nicht vereinbart worden. Und was „zeitnah“ bedeutet, ist eine Auslegungsfrage.

Gegen die finanzielle Übermacht von Kirch kann sich allerdings niemand stellen. Nicht einmal die großen Vereine können sich dem widersetzen, wie Karl-Heinz Rummenigge, Vizepräsident von Bayern München, in einem Interview offen einräumt: „Das Geld von Kirch ist das Brot und die Butter für die Liga.“ Der weit überwiegende Teil der Einnahmen vieler Clubs stamme nämlich aus dessen Fernsehgeldern. Macht Kirch weiter Verluste, „haben wir alle ein Riesenproblem“, lautet sein Fazit.

Obwohl klar ist, dass man die Wut der Fans auf sich ziehen wird, stimmen DFB und die Vereine dem Vorhaben zu. Wenigstens gelingt es ihnen, zu verhindern, dass die Sendung ins Spätprogramm rücken muss. Im Mai 2001 einigt man sich letztlich auf eine Verlegung von „ran“ auf 20.15 Uhr. Trotzdem eine Zäsur. Eine Zeitenwende für die deutsche Fußballnation. Erstmals seit 36 Jahren verlieren die traditionellen Fußballzusammenfassungen ihren Stammplatz am Samstagvorabend.

„Bundesliga gegen Gottschalk und Jauch“

Durch die Verschiebung von „ran“ ist klar, dass die Reihe in Konkurrenz zu anderen Unterhaltungsshows treten wird. „Bundesliga gegen Gottschalk und Jauch“ bringt die BILD diese Situation auf den Punkt. Zugleich wird befürchtet, dass noch mehr Showeinlagen und Unterhaltungselemente den echten Fußball verdrängen könnten.

Sat.1 versichert hingegen, dass dies nicht geplant sei und man sich auf die Begegnungen konzentrieren wolle. Das neue Format werde 120 Minuten dauern, davon 75 Minuten mit Bildern von den Spielen, 15 Minuten mit Moderationen und Interviews und 30 Minuten für Werbung und Gewinnspiele. Da zugleich das Freitagsspiel abgeschafft und das Topspiel vom Samstagabend auf den Nachmittag verlegt wird, werde man künftig von sieben Partien berichten. Als Moderator soll Jörg Wontorra durch die Show führen, der von Premiere World zu Sat.1 zurückkehrt.

Das ist nicht die einzigen Konsequenzen. Die Verlegung zieht einen wahren Dominoeffekt nach sich. Zunächst ist „das aktuelle sportstudio“ im ZDF davon betroffen, das nicht mehr zuerst über das Topspiel am Abend berichten kann. Zudem grenzt dessen Sendebeginn nun direkt an das Ende von „ran“. Laut ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann müsse man sich dadurch das Abendpublikum teilen. Deshalb bringt er sogar eine Verlegung des traditionsreichen Magazins auf den Sonntagabend auf den Tisch.

Die größte Kollision entsteht mit der 20.00-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“. Nach Ansicht der KirchMedia darf die ARD ihre Berichte erst nach der „ran“-Sendung zeigen, die die Erstverwertung im Free-TV übernimmt. Demnach könne es in den Hauptnachrichten künftig keine bewegten Bilder mehr aus der Bundesliga geben. Die ARD hingegen verweist auf ihren Vertrag mit der Kirch-Sportrechteagentur ISPR, wonach ihnen als Zweitrechte-Inhaber die Kurzberichte von drei Spielen zustehen würden. Dass Sat.1 die Sendezeit verlegt hat, kritisiert man als einseitige Vertragsänderung. Daraus entwickelt sich eine wochenlange juristische Auseinandersetzung, die letztlich vor dem Landgericht München landet. Am Ende steht ein komplizierter Kompromiss, in dem haarklein geregelt wird, über welche Spiele die „Tagesschau“ wann und wie lange berichten darf.

Tagesschau Bundesliga-Saisonstart © Screenshot ARD
Die neue Abmachung tritt aber erst zum dritten Spieltag in Kraft, sodass Susanne Daubner am Abend des Liga-Auftakts in der „Tagesschau“ eine ungewöhnliche Mitteilung vorliest: „Die Fußball-Bundesliga ist heute in die neue Saison gestartet. Dabei wird die ARD von der Mediengruppe Kirch erstmals daran gehindert, über die Auswahl von Spielberichten frei zu entscheiden. So wurde das Topspiel des Tages Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München für diese ‚Tagesschau‘ blockiert. Die ARD führt derzeit einen Rechtsstreit gegen die Sportagentur der Kirch-Gruppe.“

Bundesliga ohne Mätzchen im freien Fall

„Hallo liebe Zuschauer, willkommen in Ihrem Wohnzimmer.“ Jörg Wontorra beginnt die erste Abendausgabe von „ran – Sat.1 Fußball“ beinahe unbeirrt. Kein Wort zu den vorherigen Protesten oder zum Unmut der Fans. Kein Ton zum Rechtsstreit mit der ARD. Er erwähnt nicht einmal, dass man später sendet. Stattdessen moderiert er betont so, als sei es ein völlig normaler Abend: „Die Liga ist los, nur keine Angst, es wird uns gelingen, sie einzufangen.“ Und dann geht er direkt zum Spitzenspiel Gladbach gegen Bayern über. Also zu jenem Spiel, das die „Tagesschau“ vor wenigen Minuten noch nicht zeigen durfte.

Oliver Kahn © Screenshot Sat.1
Mit hohem Tempo und fußballerischer Konzentration arbeitet das Team die Höhepunkte des Nachmittags ab. Es wirkt fast so, als wolle man die Fans nicht noch mehr mit irgendwelchen Irritationen verärgern. Dies wird von der Presse tatsächlich goutiert. Das Hamburger Abendblatt etwa lobt den Verzicht auf „Mätzchen“ und hebt die „journalistisch einwandfreien Berichte“ hervor. Die BZ zeigt sich von der „ran“-Datenbank und deren gewinnbringenden Statistiken begeistert und bescheinigt dem Format, „im Free-TV die beste Adresse“ für die Bundesliga zu sein. Und Frank Hellmann findet in der Frankfurter Allgemeinen, dass die Konzentration auf den Fußball mit „wenig Gequatsche“ fast zu schön ist, um wahr zu sein. Er fragt sich: „Warum haben die das nicht eher gemacht?“

Die hohe Qualität der Produktion kann trotzdem nicht auffangen, dass sich die Ergebnisse drei Stunden nach Abpfiff längst herumgesprochen haben. Entsprechend fällt die Sehbeteiligung an diesem Abend mit durchschnittlich 2,22 Millionen Menschen äußerst dürftig aus. Das ist etwa die Hälfte dessen, was die Sendung zuletzt am Vorabend erreicht hatte. Mit diesem Wert liegt sie deutlich hinter der Volksmusikshow „Wenn die Musi spielt“ und der achten(!) Wiederholung von „James Bond 007 – Der Hauch des Todes“.

Besonders bitter ist daran, dass der generelle Zuspruch zum Fußball nicht abgenommen hat. Er hat sich lediglich verlagert, denn an diesem Nachmittag verzeichnen die Radio-Übertragungen der ARD-Anstalten mit einer Gesamthörbeteiligung von mehr als zehn Millionen Menschen einen Rekordwert. Hieran wird deutlich, wie sehr der Schuss der Kirch-Gruppe nach hinten losgeht. Anstatt die Zuschauenden mit der Verlegung zu Premiere World zu treiben, verliert man sie ausgerechnet an die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.

Schuld sind natürlich die Frauen

Die zeitliche Distanz zwischen den Toren und ihrer Ausstrahlung im Programm von Sat.1 ist zwar unglücklich, doch der wahre Grund für das mangelnde Einschalten liegt offenbar woanders. Zumindest legt das eine Äußerung von Jörg Wontorra nahe, die das Hamburger Abendblatt zitiert: „Der frühe Abendtermin war auch von Frauen akzeptiert worden. Nun aber muss der fußballinteressierte Gatte gute Argumente haben, um den Familienrat zu überzeugen.“ Die Schuld liegt folglich bei den nörgelnden Ehefrauen, die ihren Männern das Fußballgucken verbieten.

Passend dazu gibt die BZ den Frauen hilfreiche Tipps, wie sie künftig ihre Samstagabende verbringen sollen: „1. Das Familien-Abendbrot vorbereiten, dann gemeinsame Mahlzeit, bevor der Ball-Abend um 20.15 Uhr beginnt. 2. Den Zweit-Fernseher startbereit machen, um das Kontrast-Programm einzuschalten - Liebesfilme, Quizshows. 3. Mit der besten Freundin Punkt 20.15 Uhr in die Disco gehen.“ Anders ausgedrückt: Hauptsache, sie stehen ab 20.15 Uhr ihren Männern nicht im Weg.

Dabei hätte man aus der Geschichte lernen können. Vor rund 13 Jahren gab es eine ähnliche Situation mit ganz ähnlichen Begründungen. Schon damals hatte sich RTLplus getraut, sein teuer bezahltes Bundesliga-Magazin bis in den Samstagabend hinein auszustrahlen und bekam den Unmut über den Angriff auf den häuslichen Frieden deutlich zu spüren.

Auch diesmal zeigen sich die Ehefrauen offenbar nicht einsichtig, denn in den nachfolgenden Wochen verschlechtert sich die Lage für Sat.1 weiter. Die durchschnittliche Sehbeteiligung sinkt am zweiten Samstag der Saison auf 2,05 Millionen Menschen, der Marktanteil liegt erstmals in der fast zehnjährigen „ran“-Geschichte unter zehn Prozent. Selbst das viel später ausgestrahlte „aktuelle sportstudio“ erzielt an diesem Abend eine höhere Reichweite. Und im Gegenprogramm muss man sich erneut einer Volksmusiksendung geschlagen geben, diesmal dem „Hochzeitsfest der Volksmusik“. Am dritten Spieltag sinkt die Zahl der Zuschauenden sogar auf 1,68 Millionen Menschen – den absoluten Tiefpunkt.

Der Journalist Ralph Kotsch fasst die Lage in der Berliner Zeitung treffend zusammen: „‘Ran‘ um 20.15 Uhr zu zeigen, ist etwa so wie der Versuch, ‚Wetten, dass..?‘ Dienstagnachmittag um halb drei auszustrahlen: sinnlos.“

Sogar für den Kanzler ist der Sendeplatz eine Zumutung

Derweil weiten sich die Proteste gegen die neue Startzeit aus. Das Bündnis „Aktive Fußball-Fans“ zerstört medienwirksam einen Premiere-Decoder und fordert die Fans auf, ins Stadion zu gehen, Radio zu hören oder „Kirch-TV in Kneipen und Gaststätten zu schnorren.“ Die Gewerkschaft der Polizei stellt die künftige Absicherung der Stadien durch Steuergelder in Zweifel, wenn die Spiele nur einer „Geschäftemacherei“ dienen, bei der die große Öffentlichkeit ausgeschlossen wird.

Unzufrieden mit der Situation sind ebenso die Vereine. Wohl nicht zuletzt, weil die rückläufigen Einschaltzahlen geringere Einnahmen aus Banden- und Trikotwerbung befürchten lassen. Entsprechend fordern Bayern-Manager Uli Hoeneß, Dortmunds Präsident Gerd Niebaum und Kaiserslautern-Boss Jürgen Friedrich öffentlich die Rückverlegung der Zusammenfassungen in den Vorabend. Selbst der damalige FIFA-Chef Joseph Blatter schaltet sich in die Diskussion ein und bemängelt, dass „sich der deutsche Fußball verkauft“. In seinen Augen sollte der DFB vorgeben, wann gespielt wird und „danach hat sich das Fernsehen zu richten“. Daran lässt sich erkennen, wie falsch die ganze Idee ist, wenn ausgerechnet der FIFA-Chef einen Ausverkauf des Sports beklagt.

Außerdem schreitet die Politik ein. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Sigmar Gabriel, droht mit neuen Mediengesetzen, FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt ruft zum Boykott der TV-Ausstrahlungen auf und mehrere Landesverbände der Grünen initiieren Unterschriftenaktionen. Natürlich kritisiert auch Kurt Beck, der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der sich zuvor bei "Big Brother" und den Millionärshochzeiten einmischte, die Verschiebung. Er befürchtet, dass wegen der späteren Sendezeit „Kinder“ von der Bundesliga ausgeschlossen würden.

Auf dem Zenit der Debatte meldet sich sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Wort. In einem Interview mit dem „Stern“ verrät er, früher regelmäßig „ran“ um 18.30 Uhr angesehen zu haben. Das wäre jedoch vorbei: „Ich käme nie auf die Idee, meiner Familie um 20.15 Fußball zuzumuten.“ Um diese Zeit schauten die Schröders lieber „Wetten, dass...?“ an. Als „überzeugter Marktwirtschaftler“ gehe er davon aus, dass über die Uhrzeit der Markt entscheiden werde. Er soll recht behalten.

Dann eben "kurz, knackig und kompakt"

Angesichts der konstant niedrigen Einschaltquoten lassen sich die hohen Preise für TV-Spots während der Sendung nicht länger rechtfertigen. Immerhin verlangt man 60.274,77 DM für einen 30-sekündigen Spot. Zugleich werden bloß sehr wenige der teuren Saison-Tickets für Premiere World verkauft, sodass das eigentliche Ziel der Aktion gleichfalls verfehlt wird. Da jetzt zusätzlich das bisher stabil laufende Geschäft im Free-TV in Mitleidenschaft gezogen wird, erweist sich die Entscheidung als Katastrophe auf allen Ebenen.

Nach drei Wochen mit desaströsen Quoten und einem entsprechenden Imageverlust macht sich bei den Kirch-Sendern und in der Bundesliga Panik breit. „Für uns besteht Handlungsbedarf“, verkündet die Sat.1-Sprecherin Kristina Faßler vor dem vierten Spieltag. Kurz darauf kursieren erste Meldungen über erneute Krisensitzungen, in denen über eine Rückverlegung verhandelt werden soll.

Jörg Wontorra © Screenshot Sat.1
Plötzlich geht alles sehr schnell. Schon am 20. August, nicht einmal einen Monat nach Saisonstart, beschließen KirchMedia und das Präsidium des DFB, die Zusammenfassungen wieder in den Vorabend zu verschieben. Ab dem fünften Spieltag soll die „ran“-Sendung deshalb um 19.00 Uhr beginnen. Damit startet sie zwar eine halbe Stunde später als in der vergangenen Saison, dafür eben wieder vor 20.00 Uhr. Mit der Entscheidung steht zugleich fest, dass für die Berichte aus den sieben Nachmittagsspielen künftig lediglich 75 Minuten zur Verfügung stehen werden. Abzüglich der Werbung entfallen rechnerisch auf jede Partie gerade einmal sieben Minuten. Einzig das Topspiel darf sich über zehn Minuten freuen. „Kurz, knackig und kompakt“, versucht Jörg Wontorra die Kürzungen ins Positive zu wenden.

Vor allem Interviews und Stimmen von Spielern und Trainern werden gekürzt. Gäste und andere Showelemente verschwinden ebenfalls. Selbst auf ein Livepublikum muss verzichtet werden. „Beifall der Leute im Studio können wir uns einfach nicht mehr leisten, das kostet uns fünf oder sechs Minuten“, erklärt Wontorra diesen Schritt gegenüber der FAZ. Und so hastet der Moderator ab dem 8. September 2001 atemlos durch den neuen Ablauf.

Der Reichweite tut die Rückabwicklung unmittelbar gut. Bereits die erste Ausgabe um 19.00 Uhr erreicht knapp vier Millionen Zuschauer und somit ungefähr das frühere Niveau. Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann kann deshalb erleichtert verkünden, was ohnehin längst klar war: „19 Uhr passt offensichtlich besser zu den Sehgewohnheiten der Familien.“

Gegen Thomas Gottschalk und „Wetten, dass..?“ musste die Bundesliga dadurch nie antreten.

Abstimmung per Fernbedienung

In der Presse wird die Kehrtwende als grandioser Siegeszug des Fernsehpublikums gefeiert, das sich erfolgreich gegen ein gieriges Medienunternehmen zur Wehr gesetzt habe. Die NZZ spricht gar davon, das Publikum habe dem „Medienmogul“ Leo Kirch einen „Denkzettel“ verpasst. In der Mainpost wird der „kleine Mann“ dafür gefeiert, dass er „keine Transparente und Parolen, keine Demos und Kundgebungen“ brauchte, um „über all die Mächtigen des Fußballs“ zu triumphieren. „Es reichte ein Argument: die Fernbedienung. Zapp!“

Mit der Rückverlegung von „ran“ wird zugleich die zuvor hart verhandelte Vereinbarung mit der „Tagesschau“ hinfällig. Dadurch tritt wieder die vorherige Regelung in Kraft – als wäre nichts gewesen. Zugleich ändert auch Premiere World sein Preismodell. Das ungeliebte Saisonticket verschwindet wieder. Stattdessen sind künftig alle Spiele einfach über das Sportpaket verfügbar, das fortan fünf DM mehr im Monat kostet. Am Ende bleibt daher von der ganzen Aktion nur ein Fazit: „Außer Spesen nichts gewesen.“

Nach der Rettung von „ran“ in den Vorabend kann sich dennoch keine Routine in der TV-Landschaft einstellen. Nur drei Tage später schlagen nämlich zwei Passagierflugzeuge in New York in das World Trade Center ein und bringen das deutsche Fernsehprogramm völlig aus dem Takt. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte…, die hier erzählt wird.

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