Vorurteil der Woche

Unwahrscheinlich, aber wahr: WDR erklärt sich für verrückt!

von Peer Schader
19.07.2014 - 09:30 Uhr

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Der Titel ist zu zu lang, die Comedians sind unbekannt, und jedes Mal wird ein neuer Stargast gebraucht. Die neue Comedy "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von" ist ein Albtraum fürs durchformatierte Fernsehen. Und genau deshalb so wichtig.

Vorurteil der Woche: Ensemble-Comedys sind ein Relikt der 90er.

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Es muss dem WDR ein besonders großes Bedürfnis gewesen sein, die Weltmeisterschaft im Über-den-eigenen-Schatten-Springen in diesem Jahr für sich zu entscheiden. Obwohl jeder für verrückt erklärt worden wäre, der vor einem Jahr vorhergesagt hätte, dass im Programm des heimatbeschwipsten Servicezeit-Kanals mal eine Sendung läuft, die nicht nur mit einem monströs langen Titel gehandicapt ist, sondern ihre Hauptrollen auch noch ausschließlich an unbekannte Nachwuchstalente vergibt und trotzdem auf dem heiligen Sendeplatz am Sonntagabend laufen darf, der sonst vorrangig WDR-Institutionen wie "Zimmer frei" vorbehalten ist.

Nach einer solchen Behauptung wäre man vermutlich selbst vom neuen Charme-Offensive-Intendanten für verrückt erklärt worden. Aber vielleicht war's ja genau das, was dem WDR so lange gefehlt hat: endlich mal wieder für verrückt erklärt zu werden. Deshalb läuft an diesem Wochenende die erste Ausgabe von "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von" (Trailer bei wdr.de ansehen), prompt mit Tom-Buhrow-Segen in Form eines zweisekündigen Gastauftritts, und egal wie die Quoten ausfallen: Eine Fortsetzung ist schon beschlossen.

Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner
© WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

Das Unwahrscheinlichste an diesem Experiment ist, dass es überhaupt passieren darf. Vor allem, nachdem die ersten Erfahrungen der Beteiligten miteinander eher ungünstig waren: Vor einem Jahr hatte die verantwortliche Produktionsfirma BTF, die auch für Jan Böhmermanns "NeoMagazin" zuständig ist, noch öffentlich gegen den WDR gestänkert, nachdem der so doof gewesen war, eine (mittelmäßig gelungene) Kirchensatire aus einer neuen BTF-Show mit Carolin Kebekus rauszuwerfen.

Die Giftigkeiten sind inzwischen vergessen, die Partner haben auch keine andere Wahl: Der WDR braucht dringend einen Inspirationsschub. Und die BTF-Kreativen hätten bei der privaten Konkurrenz 21 Jahre nach dem Start von "RTL Samstag Nacht" nicht mal im Ansatz das durchbekommen, was sie nun bei DUEILV ausprobieren können.

Im Mittelpunkt der Show stehen neun Nachwuchsspaßmacher, die dem Publikum Einblicke in das Leben von Prominenten versprechen, wie sie "Exclusiv", "Prominent" und "Leute heute" niemals liefern können. Aber nicht, weil das meiste davon erfunden ist. (Das stört die Promimagazine sonst ja auch nicht, wenn sie Gerüchte auswalzen und Skandälchen inszenieren.) Sondern weil sich "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von" vor allem eine Fleißarbeit in visueller Kreativität präsentiert, wie sie im deutschen Fernsehen sonst nahezu ausgestorben ist.

Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner
© WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

Der WDR hat sich eine Sendung ins Programm geholt, die ständig im Fluss ist und fürs Publikum schon deshalb zur Herausforderung werden könnte, weil sich darin tatsächlich etwas verpassen ließe, wenn man grade mal zur Wasserspülungsbetätigung muss. Vorab aufgezeichnete Filme wimmeln nur so vor Spezialeffekten. Studiokulissen schieben sich, während der in ihnen geplante Sktech noch anmoderiert wird, direkt vor die Protagonisten, die sich bloß noch umzudrehen brauchen, um loszulegen. Am Ende fährt die Kamera soweit zurück, dass die Kulisse als solche zu erkennen ist und der Blick auf das Produktionsteam im Studio und das Publikum freigegeben wird.

Die Handschrift der Produktionsfirma ist unverkennbar - was für eine Unternehmung, die gerade mal seit zwei Jahren im Fernsehbetrieb mitmischt, als ziemliche Leistung gelten darf. Das Problem ist aber auch, dass "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von" inhaltlich noch längst noch nicht auf derselben Höhe fliegt wie ihre inszenatorische Umsetzung.

Dummerweise stiehlt der Premieren-Promi, Frank Elstner, dem Ensemble nämlich ganz schön die Show. Nicht, weil er so ein ausgebuffter Profi ist. Im Gegenteil: Ein bisschen ist ihm die Ungelenkheit anzumerken, mit der Elstner sich in dieser Umgebung bewegt, in der seine üblichen Moderationsrituale funktionsunfähig sind wie ein energieentladener Zauberstab, weil sie automatisch als Parodie verstanden werden.

Allerdings haben die Autoren ihren Stargast dazu gebracht, in ein paar Szenen - für seine Verhältnisse - soweit aus der Haut (und dem akkuraten Moderieranzug) zu fahren, wie es von dem freundlichen Herrn Elstner bisher noch nie zu sehen war. "Jetzt guckt doch nicht so bedröppelt!", pflaumt er seine Sketchpartner einmal an, beleidigt sie als "humorloses Pack" und ruft ihnen "Du Arschloch!" hinterher. Ein andermal moderiert er "Die neuen Montagsmaler", eine Show in der Show, die völlig aus dem Ruder läuft und ihn entnervt aus dem Bild stürmen lässt: "Was soll ich hier eigentlich? Den Mist soll der Pilawa machen!"

Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner
© WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

Das ist toll, weil es den Promi tatsächlich in einer "unwahrscheinlichen" Situation zeigt, wie sie sonst niemals vor laufender Kamera passieren würde. Doch so originell die Idee auch ist, TV-Promis ein kurioses "Leben" in Sketchform anzudichten: Am Ende kommt's halt darauf an, ob die Gags funktionieren. Und dafür reicht es nicht, altgediente TV-Größen "ROFL", "YOLO" und "Ich bin jetzt ein Viral-Video-Produzent" sagen zu lassen.

Fast alle Studio-Sketche arbeiten mühevoll und arg lange auf eher dürftige Pointen hin. Und keiner der neun Ensemble-Mitglieder hatte bisher auch nur ansatzweise die Chance, einen eigenen Stil erkennen zu lassen. Genau deshalb ist es aber richtig, dass im Herbst die nächsten Folgen auf den Schirm kommen.

Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von Frank Elstner
© WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

Die größte Hürde dabei haben sich die Macher selbst aufgestellt: "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von" wird nur funktionieren, wenn Gaststars zusagen, die tatsächlich prominent sind - und diese Eigenschaft nicht nur nach einmaliger Realityshow-Teilnahme vom Medienbetrieb angedichtet bekommen. Dass Elstner am Ende doch noch einen halbwegs versöhnlichen Abschied bekommt, wird da sicher als Überzeugungshilfe taugen. "Deutschland ist ein Fernsehland", singt er am Klavier und ist ganz der Alte. Vorne tanzt das Ensemble und entgegnet hübsch gereimt: "Du bist nicht werberelevant." Woraufhin Elstner pariert: "Ich bin der Erfinder von 'Wetten dass..?'!", und das Team: "Aber du bist nicht Joko und Klaas."

Das gilt natürlich auch für die Frischlinge vom verrückten neuen WDR. Und ist doch schon mal ein guter Anfang.

Das Vorurteil: stimmt nicht.

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