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Das Hoff zum Sonntag

Gesundheitsberatung für Konvergenzschwurbler

 

Hans Hoff sorgt sich um das Medienforum - nein, er sorgt sich vor allem um dessen Besucher, die, wie er findet, sehr ungesund aussehen. Doch warum ist das so? Und wie kann den Mittel- und Seitenschlitzern geholfen werden? Eine Spurensuche...

von Hans Hoff
25.05.2014 - 08:25 Uhr

Ich war Anfang der vergangenen Woche beim Medienforum in Köln und habe mir ein paar der gemeinsam mit der Angacom veranstalteten Diskussionsveranstaltungen angesehen. Dabei habe ich mich schwer erschreckt.

Es waren aber nicht die weitgehend inhaltsleeren Gespräche auf der Bühne, die mich schockiert haben. Die gibt es überall. Man sagt auf Panels nicht, was man meint. Man sagt, was man meint, sagen zu müssen. Als großer Erfolg werden solche Events allerdings trotzdem verkauft, und die zugehörigen Erfolgsmeldungen wirken in der Regel wie vorher geschrieben und dann mit ein zwei Aktualitäten angereichert.

Oder hat schon mal irgendwer eine Pressemeldung folgender Art gelesen? „Leider war unser Medienkongress ein Misserfolg. Wir haben viel zu lange und zu breit und mit zu vielen Teilnehmern über von uns als wichtig deklarierte Fragen diskutiert, und am Ende ist nichts, aber auch gar nichts dabei herausgekommen.“ Nein, das hat noch niemand gelesen, weil es noch nie geschrieben wurde, weil Medienkongresse immer Erfolge sind.

Immerhin ist Besserung in Sicht, denn zumindest das nordrhein-westfälische Medienforum schrumpft von Jahr zu Jahr, und kein Schaden entsteht dadurch. Wenn es irgendwann mal ganz verschwunden ist, dann wird der einzige Effekt für die handelsüblichen Podienschwurbler sein, dass sie ihr ewiges Gerede von der Konvergenz an anderen Orten erledigen. Vielleicht kann man ja Bedürfnisanstalten für Konvergenzschwurbler einrichten. Dort stehen dann Moderatoren bereit, die den Gästen Gelegenheit geben, sich verbal zu entleeren. Das dürfte leicht zu handhaben sein, denn bei den meisten ist es ein kleines Geschäft.

Aber nein, das Nichtsgesage war gar nicht das, was mich schockiert hat. Vielmehr als der altbekannte Inhaltsmangel hat mich der Zustand des Publikums entsetzt. Man stelle sich mal einen in 60er-Jahre-Manier schlecht beleuchteten Saal vor mit vielleicht 500 oder Tausend Leuten, die in Stuhlreihen gepfercht werden. Nein, Leute ist das falsche Wort, weil das Publikum bei diesen Foren zu 95 Prozent aus Männern besteht. Das ist schlimm, aber nicht schlimm genug, um mich nachhaltig in mentale Erregung zu versetzen.

Vielmehr geht mir der Gesundheitszustand dieser Herren sehr nahe. Um es mal klar zu sagen: Mein Eindruck ist, dass Medienforenzuschauer in der Regel sehr ungesund aussehen. Das mag zu einem gewichtigen Teil an ihren grauen Anzügen liegen, die deutlich signalisieren, dass der Träger mal vor Jahren beim Kauf des Gewandes kurz an sein Äußeres gedacht, das aber nach dem Erwerb komplett verdrängt und nie wieder auf die Agenda gesetzt hat. Weil diese Anzugträger tragen, was alle tragen, sind vornehmlich Seitenschlitzer zu bestaunen. Seitenschlitzer waren früher ein Muss bei Vorstandsvorsitzenden, die es sich durch die ihnen verliehene Macht leisten konnten, irgendwie auszusehen und dadurch zu signalisieren, dass es ihnen vor allem um die Sache geht, nicht aber um sich selbst. Sehr lustig bei Seitenschlitzträgern ist die Tatsache, dass der rückwärtige Teil ihres Jacketts beim Marsch durch die Gänge immer leicht nach oben wippt und dem Träger dadurch etwas Pinguinhaftes verleiht.

Aber auch über die Kluft zwischen Mittelschlitzern und Seitenschlitzern wollte ich nicht wirklich reden. Mir geht es um die Gesundheit dieser Männer, die in ihrer Mehrzahl nach stark erhöhtem Blutdruck aussehen, was durch ihre weißen oder blassblauen Hemden noch verstärkt wird. Auf 180 zu 110 deutet auch die Unruhe hin, die sie an den Tag legen. Sie hibbeln herum, legen das eine Bein über das andere und dann das andere über das eine. Zusätzlich fummeln sie an ihren Smartphones, um nur ja keine Statusmeldung zu verpassen. Im Zweifel, also wenn sie sich modern wähnen, twittern sie, was die auf der Bühne gerade sagen.

Wenn die auf der Bühne aber gerade nichts sagen, fällt bei Twitter sehr fein auf, dass sie nichts sagen, weil dort die Sätze nackt hintereinander stehen, und viele nackte Sätze ergeben eben eine nackte Statur.

Bei nicht wenigen Medienforumszuschauern möchte man spontan zu Hilfe eilen, weil sie durch ihr fahriges Verhalten den Eindruck vermitteln, dass sie kurz vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall stehen. Würden Medienforumsveranstalter etwas richtig machen, engagierten sie gute Diagnostiker, die Zuschauer zu Beratungsgesprächen drängen. Man könnte das als Beitrag zur Sicherung des Medienstandortes verkaufen. Schließlich hat kein Land etwas davon, wenn demnächst die Mehrzahl der Medienmanager wegstirbt.

Der größte Schock ereilte mich indes beim Gedanken, dass diese krank aussehende Schar irgendetwas zu tun haben könnte mit der Zukunft der deutschen Medien. Wenn diese Gestalten die Zukunft der deutschen Medien prägen, dann erklärt sich vieles, dann gute Nacht.

Oder kann es sein, dass jene, die auf solche Medienforen gehen, längst nichts mehr zu sagen haben? Dass diese Medienforen nur noch dazu dienen, jene zu beschäftigen, die eigentlich beschäftigungslos sind, es aber nur noch nicht wissen? Dann müsste man möglicherweise nicht nur über eine Rente mit 63 Jahren nachdenken, sondern auch über eine Rente für Graureiher mit Seitenschlitz.

Wahrscheinlich ist es so, dass der deutsche Seitenschlitzer so etwas ist wie der Dinosaurier des Mediengeschäfts. Einer, der immer zusammenzuckt, wenn er das Wort Innovation hört, weil er dann weiß, was er gerade verpennt.

Ich denke, ich mache daraus ein Geschäftsmodell. Ich werde auf dem nächsten Medienkongress eine Gesundheitsberatung anbieten. Das könnte sich rechnen, weil ich da akuten Bedarf sehe. Und für alle, die jetzt in ihren Schrank sehen und sich unwohl fühlen beim Anblick der vielen Seitenschlitze, mache ich einen zweiten Stand auf und verkaufe dort Hoodies - und Tickets für die nächste Re:publica.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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