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Das Hoff zum Sonntag

Eskalationssalat im Fernsehen: Da stimmt doch was nicht

 

Wenn das Publikum in Fernsehshows ausrastet, obwohl auf der Bühne fast nichts geschehen ist, dann kann man schon mal skeptisch werden. Vor allem in schlecht geschnittenen Sendungen lässt sich dieses Phänomen häufig beobachten.

von Hans Hoff
21.01.2018 - 06:00 Uhr

Geschnitten oder am Stück. So fragt man das in der Bäckerei. Für den schnellen Verzehr ist geschnitten natürlich besser, aber wenn man keinen rasanten Verbrauch hat, wird Geschnittenes natürlich schneller schlecht. Also doch besser am Stück? Nein, ich lasse schneiden, nicht wegen der Frische, sondern weil es immer wieder eine Freude ist, zuzusehen, wie meine smarte Bäckereifachverkäuferin das dicke Brot schnell und gleichzeitig liebevoll in die Maschine bugsiert und dann mit unglaublicher Eleganz in die Tüte versenkt. Das hat was, das sehe ich gerne, das habe ich später noch vor Augen, wenn ich das Brot esse. Mit der Erinnerung an diesen kunstvollen Schnittvorgang schmeckt es mir dann gleich doppelt gut.

Ganz im Gegensatz zu dem ungenießbaren Mist, der mir immer häufiger bei schlecht geschnittenen Shows vorgesetzt wird. Da erregen vor allem die Schnitte ins Publikum meinen Unwillen, denn immer seltener passen die dort gezeigten Zuschauerreaktionen zu dem, was gerade auf der Bühne passierte. Aufgezeichnete Shows von Comedystars sind dafür offenbar besonders anfällig. Da wird munter hintereinander gekletscht, was an Schnittmasse gerade vorrätig war. Ob das eine zum anderen passt? Nebensache.

Ich kann natürlich schlecht beweisen, dass die Zuschauerreaktion auf den Gag Nummer zwölf nicht wirklich zum Gag Nummer zwölf gehört, sondern aus dem Aufwärmprogramm oder von Gag sieben stammt. Belegen können das im Zweifel nur der Regisseur und jene Menschen, die da zu sehen sind. Aber mal ganz ehrlich. Wer erinnert sich nach solch einer Comedyshow noch, wie er wann gelacht hat?

Vor Gericht würde ich also mit meiner Anklage eine satte Bruchlandung hinlegen. Nichtsdestotrotz bleibt ein sehr schales Gefühl, denn zum Glück verfüge ich als simpler Zuschauer über einen recht gut funktionierenden Instinkt, und der sagt mir sehr oft sehr deutlich, dass das eine nicht zum anderen passt.

Da lässt jemand eine eher leise Pointe vom Stapel, und beim Zwischenschnitt sehe ich eine Zuschauerin, die sich prustend die Hand vor den Mund hält und sich ausschüttet vor Lachen. Da weiß ich doch sofort, dass da schludrig gearbeitet wurde.

Oder ich blicke in aufgerissene Mäuler, die ganz offensichtlich nicht wahrhaben wollen, was da gerade geschieht, obwohl auf der Bühne in Wahrheit gar nichts Spektakuläres passiert. Sehr schön war das lange zu beobachten bei Veranstaltungen wie dem „Supertalent“, wo sich wirklich niemand in der Zwischenschnittabteilung für irgendeinen logischen Zusammenhang zu interessieren schien. Ob das immer noch so ist, weiß ich nicht. Ich verfolge diesen furchtbaren Eskalationssalat, der stets mit ein paar Tränchen von Bruce Darnell und Eiswürfeln aus der Seele von Dieter Bohlen gewürzt wird, schon lange nicht mehr.

Dafür schaue ich mir die Aufzeichnungen von Bühnenshows diverser Comedyartisten eigentlich ganz gerne an. Die sind ja nicht alle schlecht. Aber sie werden schlecht gemacht durch lustlose oder überforderte Cutter, die wahrscheinlich gar keine sind, sondern schlecht angelernte Hilfskräfte, die in keiner Backstube oder Metzgerei auch nur die Probezeit überstehen würden. Sie hantieren zu oft mit dem zur Verfügung stehenden Schnittmaterial sehr deutlich nach dem „Ist doch wurscht“-Prinzip und tragen dabei sehr offensichtlich die Überzeugung im Hinterkopf, dass die Zuschauer, die sich so etwas anschauen, eh doof wie Teewurst sind und nichts Besseres verdient haben.

Ich finde aber durchaus, dass ich etwas Besseres verdient habe. Ich hätte das auch verdient, wenn ich in Sachen Intelligenzquotient nur mit einem Weißbrot konkurrieren könnte. Es ist halt keine Art, sein Publikum derart deutlich zu verachten und sich so wenig Mühe zu geben.

Da lobe ich mir doch meine Bäckereifachverkäuferinnen. Die geben sich richtig Mühe mit dem Schnitt, und wenn ich die das nächste Mal konsultiere, werde ich sie charmant loben und ihnen einen Rat geben. Gehen Sie nie zum deutschen Unterhaltungsfernsehen. Nie in die Regie irgendeiner Comedyshow. So tief darf niemand sinken.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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