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Das Hoff zum Sonntag

Aus dem Sturm darf kein laues Lüftchen werden

 

Plötzlich scheint alles in Bewegung. Statt über Migration wird über Klima diskutiert, über die Perspektiven junger Menschen. Es scheint, als müsse doch nicht alles endlos weiter gehen wie gehabt. Doch nun droht die Sommerpause. Hans Hoff fordert daher: Wachsam bleiben!

von Hans Hoff
09.06.2019 - 08:30 Uhr

Hi, Hallo, Sommerpause. Es geht wieder los mit den strukturellen Aussetzern im Fernsehen. Produktionsmittel sind nicht unendlich verfügbar, weshalb man Pausen gern in zuschauerarme Zeiten verlegt. Die "heute-show" hat den Startschuss gesetzt und sich am Freitag vorläufig verabschiedet, andere folgen in den kommenden Wochen. Auch diese Kolumne erscheint heute zum letzten Mal vor den Sommerferien und meldet sich erst Ende August zurück. So geht das in jedem Sommer. Routine. Gewohnheit. Business as usual. Bald schon werden die ersten Texte wiederholt, die bemäkeln, dass im Fernsehen nur noch Wiederholungen laufen. Auch das kennt man.

Trotzdem ist in diesem Jahr etwas anders, denn der Beginn der Sommerpause bringt auch ein Stück Furcht mit sich. Die Furcht, dass all das, was gerade so furios medial aufgewallt ist und für die Hoffnung gesorgt hat, dass nicht alles endlos so weitergehen muss wie befürchtet, am Ende der warmen Tage nur noch als laues Lüftchen existiert, dass die Gesellschaft aus den Ferien zurückkehrt und wieder über das diskutiert, was den Scharfmachern in den Plan passt. Schließlich stehen drei Landtagswahlen im Osten an, und da passt es den Politikern überhaupt nicht, wenn die Klimakrise und die Perspektiven der jungen Menschen ganz vorne auf der Themenliste stehen und sie nicht über Migration und Terrorismus schwafeln und damit Rentner verunsichern können.

So schön das Rezo-Video war, so erfolgreich es mit seinen beinahe 15 Millionen Abrufen punktete, so wirkungslos könnte es auf lange Sicht verpuffen, wenn es keine Fortsetzung findet, wenn die Wahlaufrufe der 90+ Youtuber schon alles waren.

Sie sollten nicht alles gewesen sein, denn die auf der anderen Seite schlafen nicht. Sie sind nur gerade ein bisschen ruhig. Sie können sich halt verlassen auf institutionalisierte Abläufe, auf die Kraft gut ausgestatteter Büros. Wenn da ein Shitstorm aufzieht, sitzen sie den einfach mal aus, ducken sich weg und werden weiterbezahlt. Wenn dann der mediale Wind abflaut, kommen sie wieder hervor und machen genau da weiter, wo sie aufgehört haben.

Wie abgehoben manche sind, zeigte sich doch bei Philipp Amthors Auftritt bei Markus Lanz. Dort gab Amthor den ersten Satz des nie gesendeten Videos zum Besten, mit dem er auf Rezos "Zerstörungs-Film" antworten wollte. "Hey Rezo, du alter Zerstörer" zwinkerte Amthor da in die Kamera und wirkte dabei wie die comichafte Karikatur seiner selbst. Dass er es doch in echt war, bewies sein Nachsatz. "Cool, oder?", lautete der und belegte, das dieser Mann das nicht ironisch meint, sondern wirklich ernst.

Man hat etwas Ähnliches in der vergangenen Woche auch beim Julia-Klöckner/Nestle-Video gesehen. Auch da zeigte sich, wie wenig die Politik kapiert hat. Da macht eine Ministerin Werbung für einen zweifelhaften Konzern, den sie eigentlich beaufsichtigen sollte, dem sie aber lieber genau den Zucker in den Hintern bläst, mit dem dieser Konzern die Welt verseucht. Und ihre Reaktion auf die angeblichen Hatespeaker, mit denen sie natürlich nur jene meinte, die sie als "Konzernhure" verunglimpfen wollten, zeigt sehr deutlich, dass die Annahme, Politiker hätten ein Problem mit Social Media, grundfalsch ist.

Diese Politiker haben kein Problem mit Social Media, sie haben ein Problem mit ihrer Politik. Besser gesagt: Sie sollten ein Problem mit ihrer Politik haben, erkennen aber keines und zeigen deshalb mit den Fingern auf die Welt, die sie nicht verstehen. Ihre medialen Ausdünstungen sind deshalb nicht einmal das Falscheste, es ist das System dahinter, das seine Seele dem Weiterso verschrieben hat, dem Glauben an Wachstum um jeden Preis. Nur niemandem eine Änderung seiner Lebensweise vorschreiben. Niemandem. Alles soll bitteschön der Markt regeln. Leider hat sich herausgestellt, dass dieser so lange als Allheilmittel gepriesene Markt inzwischen zu oft versagt.

Das liegt natürlich am durchschnittlichen Menschen, der A sagt und B macht. Gerne wird über die prekären Arbeitsverhältnisse der Bananenbauern geklagt, aber gekauft werden weiterhin nicht die fair gehandelten Bananen. Wer beim Discounter die Fleischtheke entlang schlendert und dort auf die vier Handelsklassen (von 1 wie miese Stallhaltung bis 4 wie Bio) achtet, wird feststellen, dass auf 20 Metern Klasse 1 verdealt wird und sich die Bioprodukte auf einem halben Meter verlieren. Tierschutz ja, aber bitte freiwillig. Sollen doch die Kälber weiter gequält werden. Selbst schuld, wenn sie keine süßen Hundis sind. Wir spenden dann an den Tierschutzverein.

Um es mal kurz zu sagen: Ohne eine gewisse gesetzgeberische Bevormundung, würden wir heute noch ohne Sicherheitsgurte durch die Gegend fahren. Aber das will unsere Politik nicht wahrhaben. Sie sorgt sich mehr um die langfristige Subvention der Braunkohleabbauer als um die Zukunft ihrer Enkel. Und wenn die Gretas dieser Welt auf die Straße gehen, dann verursacht das lediglich ein Achselzucken, das genau so wirkt wie die Standardreaktion von Fernsehmachern, die gerade wieder sehr schlechtes Programm abgeliefert haben: Das versendet sich.

Es war doch schon sehr bemerkenswert, wie schnell die Diskussion über Rezos Video sich verflüchtigte, als Andrea Nahles zurücktrat und sich die versammelte Medienwelt auf den Zustand der SPD stürzte. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass es auch der berichterstattenden Klasse weniger um die Inhalte geht als vielmehr um die Inszenierung. Wo viel Drama ist, da fällt auch die griffige Schlagzeile leicht. Da gerät in Vergessenheit, was gestern noch wichtig war. So viel Skrupellosigkeit muss sein.

Und wenn jetzt die Sommerpause kommt, werden bekanntlich noch ganz andere Säue durchs Dorf getrieben, dann wird wichtig, was halt gerade vorrätig ist, nicht das, was eigentlich permanente Berichterstattung verdient hätte. Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass Angela Merkel sich den traditionellen Sommer-Interviews in diesem Jahr verweigert, also noch nicht einmal diese Form der Sommerfestspiele garantiert ist.

Das schürt die Befürchtung, dass die Scharfmacher genau diese Lücke nutzen und die öffentliche Diskussion wieder in Richtung Terrorismus-Angst drehen und erneut Fremdenhass schüren. Genau dieser Gefahr müssen sich nicht nur die Gretas und die Rezos dieser Welt stellen, denn jeder Moment, in dem die Guten nicht tun, was sie tun sollten, ist ein Moment für die Gefährlichen, für die Bernd Höckes dieser Welt.

Vielleicht ist deshalb die Sommerpause gerade in diesem Jahr sehr falsch. Vielleicht sollte man sie besser ausfallen lassen. Aber wer bin ich, das zu fordern, ich geh ja auch weg. Aber vielleicht sollte man doch wenigstens eine Wache aufstellen und dafür sorgen, dass man einsatzbereit bleibt, wenn die böse Seite der Macht ihre Truppen in der heißen Zeit formiert. Und dass die Wachheit nach der Sommerpause weitergehen muss, ist ohnehin klar.

In diesem Sinne wünsche ich eine unruhige, wachsame und trotzdem erholsame Sommerpause.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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