Michael Schuld © Deutsche Telekom
Interview mit dem neuen TV-Chef der Telekom

Wie Michael Schuld mit Magenta TV nochmal durchstarten will

 

Seit 1. November ist Michael Schuld neuer Chef von Magenta TV. In seinem ersten Interview spricht er mit DWDL.de über die Strategie, die Fußball-EM 2024, warum Joyn keine Konkurrenz und der Magenta TV-Stick ein zweiter Startschuss ist.

von Thomas Lückerath , Bonn
07.11.2019 - 00:00 Uhr

Herr Schuld, die Telekom buhlt mit anderen Marktteilnehmern um exklusive Inhalte. Sind sie noch Freund oder schon Feind der deutschen Fernsehsender?

Freund, weil ich Inhalteanbieter generell nicht als Wettbewerber, sondern als Partner sehe. Die Strategie von Magenta TV basiert auf drei Säulen: Das sind zum einen eben starke Partner, weil wir uns als Aggregationsplattform verstehen, die den Inhalt anderer durch unsere technischen Features und das beste Netz veredelt zu unseren Kunden bringt. Insofern also ganz klar Freund.

Aber ich kann mir schwer vorstellen, dass Ihnen ARD und ZDF zum Erwerb der TV-Rechte der Fußball-Europameisterschaft 2024 gratuliert haben…

(schmunzelt) Tatsächlich täuschen Sie sich: Es gab auch Gratulationen aus der ARD und ich habe die nicht als Polemik empfunden. Je nachdem wie die kommenden Gespräche ausgehen, muss ja kein Nachteil für die Öffentlich-Rechtlichen entstehen. Wir haben klar gesagt, dass wir offen für Gespräche sind.



Bei ARD und ZDF macht man sich auch Hoffnungen aufgrund des Rundfunkstaatsvertrages wonach Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft frei empfangbar sein müssen…

…und auch das Halbfinale und Finale. Das würde auch ein kostenloser Stream sicherstellen, was eine unserer Optionen ist. Wir werden uns zum jetzigen Zeitpunkt keiner Option und keinem Gespräch verschließen. Warum auch, es geht ja um eine Fußball-Europameisterschaft in viereinhalb Jahren. Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass wir mit unserer technischen Erfahrung und unserem Netz aus der EM ein noch größeres Erlebnis machen können.

Kann ich Ihnen das Versprechen abnehmen, dass die Telekom die Fußball-EM 2024 in 4K übertragen wird?

Ich glaube nicht, dass ich Ihnen wenige Tage nach Antritt meiner neuen Aufgabe irgendetwas versprechen kann, was in fünf Jahren passiert. Lassen Sie es mich so sagen: Alles andere als eine 4K-Übertragung der EM im Jahr 2024 würde mich überraschen. In der Zwischenzeit wird sich technologisch ja noch Einiges tun – denken Sie an unseren Glasfaser- und 5G-Ausbau. Ich würde mich freuen, wenn wir 2024 nicht nur beweisen, dass wir gute Gastgeber sind, sondern auch, dass technische Innovationen aus Deutschland kommen können. Das ist ja heute schon der Fall, aber wir reden viel zu selten darüber. Man bekommt manchmal den Eindruck, dass wir uns zu oft selbstkasteien. Wir reden zu viel von Hintertreffen und abgehängt statt von erstmalig oder innovativ. Wir sollten uns nicht so schlecht reden.

Es ist also bei technischen Innovationen Ihrer Meinung nach weniger die Stärke des Valleys als der mangelnde Glaube an die eigenen Möglichkeiten, der uns sorgen sollte?

Ja, das ist so ein bisschen deutsch. Ich habe das Glück gehabt in meinem bisherigen Job relativ regelmäßig über ein Jahrzehnt hinweg im Valley und Asien gewesen zu sein. Respekt ist immer angebracht. Auch ist die Sorge, nicht gut genug zu sein – bis zu einem gewissen Punkt – gesund, wenn man daraus Ansporn ableitet. Aber die eigenen Stärken aus den Augen zu verlieren oder das eigene Selbstbewusstsein zu vergessen ist falsch. Wenn Sie sich Magenta TV anschauen, dann ist das in seiner Gänze ein in ganz Europa einzigartiges und erfolgreiches Produkt mit vielen Features, die andere TV-Plattformen nicht haben.

Können Sie den Erfolg von Magenta TV quantifizieren?

Mit aktuell 3,5 Millionen Kunden sind wir auf dem richtigen Weg. Allein seit dem Start von MagentaTV vor einem Jahr sind wir um mehr als sieben Prozent gewachsen. Wir haben vor einem Jahr die richtige Entscheidung getroffen, das Produkt vom Naming her näher an die Kernmarke zu holen, weil damit das Verständnis für ein TV-Produkt der Telekom gestiegen ist. Wir hatten sicherlich auch ein glückliches Händchen mit der Kampagne zu Magenta TV, die dank Christian Ulmen und Fahri Yardim einerseits sehr witzig inszeniert ist und doch nah am Produkt bleibt. Das war Werbung, die gut unterhält, und das werden wir zum Weihnachtsgeschäft mit neuen Spots zu unserem Magenta TV-Stick fortsetzen.

Zum Magenta TV-Stick kommen wir gleich. Mich interessiert vorher aber eins: Dass Ihre beiden Protagonisten die Hauptdarsteller des Prestige-Projekts eines Konkurrenten sind, stört Sie nicht?

Sie nehmen jetzt schon wieder „Konkurrenz“ in den Mund genommen, obgleich ich vorhin gar nicht von Konkurrenz gesprochen habe.

Aber Joyn will genauso mein TV-Provider sein wie Magenta TV. Was ist daran keine Konkurrenz?

Da würde ich mich trauen, Ihnen zu widersprechen. Der Zugang zu Fernsehen in zeitgemäßer Bildqualität kostet Geld, egal über welchen Weg sie gehen. Wer Telekom-Kunde ist, bekommt Magenta TV für monatlich – wenn ich den Receiver mal rauslasse, weil man den auch kaufen kann – ab fünf Euro. Das ist sehr preiswert, obwohl wir uns gar nicht mal als Billiganbieter positionieren. Sie bekommen sonst nirgends ein vergleichbares Angebot zu diesem Preis. Und wenn wir uns dann die Inhalteauswahl anschauen, dann haben wir das größte Portfolio an Inklusiv-Content und zubuchbaren Angeboten. Ich sehe Joyn da nicht als Konkurrenz.

Aber als Grundversorger von TV-Programm kann ich doch Joyn genauso nutzen wie Magenta TV…

Joyn ist eine App, keine Plattform. Für eine Plattform bedarf es mehr technische Möglichkeiten, die wir unseren Magenta TV-Kunden über unser Netz und unseren Receiver bieten können: Recording, Restart, Timeshift, Anbieter-übergreifende Suche etc. Spannend wäre ja, wie App-basiertes Fernsehen funktioniert, wenn dort mal ein paar Zuschauerinnen und Zuschauer mehr zugreifen. Da haben ja schon so manche Streaming-Apps mit Totalausfall bei sehr gefragten Sportübertragungen wichtige Erfahrungen gemacht. Deswegen unterscheide ich weiterhin zwischen einer Plattform und Apps.

Sind Recordings, Restart und Timeshift nicht Features aus der alten linearen Fernsehwelt? Wer On-demand-Nutzung gewohnt ist, sieht darin keinen Mehrwert…

Da haben Sie perspektivisch Recht, aber in der heutigen Realität sieht es noch immer so aus: Nicht alles ist zum Beispiel nach einer TV-Ausstrahlung automatisch on-demand verfügbar, was an den unglaublich komplizierten Rechte-Verhandlungen der Sender mit allen möglichen Lizenzgebern und Produzenten liegt. Wenn Sie sicher sein wollen, dass sie etwas später on demand schauen können, ist die Privataufnahme immer noch das einzige verlässliche Mittel.

Aber die 18-Jährige, die Video seit je her on demand konsumiert, locken Sie nicht mehr mit solchen Features, weil die anachronistisch wirken…

Es gibt aber nicht nur 18-Jährige. Wir sehen Veränderungen aber befinden uns dabei auf einer sehr langen Reise, weil die Masse träge ist. Diese Veränderung wird sich zwar beschleunigen, aber wir werden nicht morgen alle nur noch on Demand Bewegtbild konsumieren. Mit einem unvergleichlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und zwei starken privaten Sendergruppen sowie Pay-TV-Angeboten haben wir ein vom Gesamtpublikum relativ stabil konsumiertes lineares Volumen in Minuten. Dass das in einigen Zielgruppen anders aussieht, ist mir bewusst. Aber ich habe es schon an anderer Stelle gesagt: Von mir wird man nicht hören, dass TV tot ist.

Sie haben ja seit einem Jahr mit Magenta TV sogar ein Produkt, das man als App für 7,95 Euro im Monat abonnieren kann; sich also eher an jüngere Nutzer richtet, die sich nicht binden wollen. Sie verstecken es nur bisher sehr erfolgreich…

Verstecken? Ok, das nehme ich als Kritik zur Kenntnis. Da treffen sie mich natürlich im Herzen meiner alten Rolle. Nein, Spaß beiseite. Wir haben Magenta TV vor einem Jahr auch als OTT-App anfänglich für Smartphone und Tablets, dann auch Chromecast und FireTV und im Dezember kommt der Magenta TV-Stick. Der Stick ist für mich der eigentliche Start dessen, was sie beschrieben haben - und wir werden dafür auch lauter werben als bisher für die OTT-App. Weil sie damit in einer kompromisslosen Qualität und einer ganz von uns gestalteten Oberfläche Magenta TV ohne Vertragsbindung auch auf dem großen Fernseher nutzen können, inklusive aller Partner übrigens, unserer Megathek natürlich und auch 4K-Bildqualität und Sprachsteuerung. Keine Einschränkungen also und mit einem Account auf bis zu vier Geräten, man kann Magenta TV also auch auf mobilen Geräten mitnehmen. Damit sind wir das perfekte Produkt für junge Menschen und das ist für uns ein Segment, in dem wir erklärtermaßen Wachstum erwarten. Und vielleicht entdeckt man, einmal in der Magenta TV-Welt, dann auch den Reiz eines schnellen und verlässlichen Internetanschlusses und entscheidet sich auf unsere Magenta TV-Box mit Telekom-Anschluss. Mit dieser Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten ist MagentaTV einzigartig auf dem deutschen TV-Markt.

Sie setzen mit einzelnen Auftrags- und Koproduktionen auf exklusive Inhalte. 2019 haben Sie mit Micky Beisenherz’ „Artikel 5“ und Kerners „Bestbesetzung“ nachgelegt. Welche Rolle spielen exklusive Inhalte dann doch?

Ich sagte eingangs ja, dass die Strategie von Magenta TV auf drei Säulen fußt. Starke Partner, überlegene Technologie und auch exklusive Inhalte. Wir werden hier mit Vernunft selektiv vorgehen und nicht größenwahnsinnig werden. Müssen wir ja auch nicht, weil wir in erster Linie ein Inhalte-Aggregator sind. Das Ziel ist es, mit ausgesuchten attraktiven Inhalten Akzente zu setzen – und das jeden Monat. „The Handmaids Tale“ kam sehr gut an, wir haben jetzt mit „Godfather of Harlem“ die nächste Serie auf die sich unsere Kunden freuen können. Mit „Wild Republic“ und „Children of Mars“ haben wir gerade zwei neue Koproduktionen angekündigt. Und was viele vergessen: Wir haben mehr Live-Sport als alle anderen. Pro Jahr sind es derzeit 1.500 Live-Produktionen. Und im Bereich Live-Musik sind wir Marktführer. Im letzten Jahr haben wir über 150 Konzerte live übertragen, viele davon in 360 Grad - übrigens auch eine dieser Innovationen aus Deutschland. Wir haben mehr exklusive Inhalte als Serien.

Nach welchen Inhalten sucht Magenta TV denn? Womit hätten Produktionsfirmen am ehesten Erfolg bei Ihnen?

Je verrückter die Idee und je weniger Vergleichbares bisher dagewesen ist, desto erfolgsversprechender ist sie. Sie muss mutig sein, aber realistisch bleiben.

Eine Talkshow mit Johannes B. Kerner ist verrückt und mutig?

Nö, aber ich halte Johannes B. Kerner für einen der besten Moderatoren in Deutschland, der dem deutschen Fernsehen seit Jahren mit einer Talksendung fehlt. Und „Bestbesetzung“ ist eine Form des Talks - vor Ort an der Wirkungsstätte des Gesprächspartners gedreht -, die ich so sonst auch nirgends finde. In Summe war das für uns sehr interessant. Und mit Blick auf die Abrufzahlen kann ich sagen: Die erste Folge mit Kloppo läuft super.

Ich kann mir wohl die Nachfrage, was nun super Abrufzahlen bedeuten, sparen oder?

(lacht) Wir nennen keine Zahlen. Diese wären auch wenig aussagekräftig solange wir die einzigen wären, die sich in die Karten schauen lassen. Erst wenn alle kommunizieren, hätten die Zahlen für die Öffentlichkeit ja wirklich einen Wert.

Letztes Thema: Ist eigentlich noch Budget für die Bundesliga da?

Wir haben die Fußball-Bundesliga auf die ein oder andere Art und Weise auch heute, über unseren Partner Sky. Sie können dessen Pakete über Magenta TV buchen, habe ich auch gemacht. Ich genieße jedes Wochenende die Bundesliga live auf Magenta TV dank Sky und drücke dem FSV Mainz 05 die Daumen. Wir haben auch ein eigens zusammengestelltes Produkt mit Sky Sport Kompakt bei Magenta Sport für unter 10 Euro im Monat mit den Konferenzen der Bundesliga und Champions League. Also: Die Bundesliga ist schon da und dass sie auch bei uns bleiben wird, davon können Sie mal ausgehen. Wie wir das sicherstellen, werden wir zu gegebener Zeit klären.

Das klingt ja furchtbar harmonisch. Wenn alles schon so toll ist, brauchen SIe also keine Rechte erwerben?

Das liegt ja auch immer am Partner. Solange Vernunft im Raum ist bei jeglicher Verhandlung von Verträgen gibt es tatsächlich keinen Grund irgendetwas zu ändern.
 
Herr Schuld, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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