Schulz & Böhmermann mit Spotify © rbb/Jens Oellermann/Spotify
Ein Fazit zur Sommerpause

"Fest & Flauschig": Hat sich der Wechsel gelohnt?

 

Huch, wo sind sie denn? Nach gerade einmal zwölf Folgen befinden sich Jan Böhmermann und Olli Schulz mit ihrem neuen Spotify-Podcast "Fest & Flauschig" derzeit in einer Sommerpause. Gelegenheit für eine erste Bilanz.

von Kevin Hennings
08.08.2016 - 12:04 Uhr

Wie wichtig einem Rituale im Alltag sind, merkt man meist erst dann, wenn sie wegfallen. Es ist Sonntag und meinen morgendlichen Tee hatte ich schon. Doch frage ich mich, was Olli und Jan wohl gerade machen und wie ihre letzte Woche verlaufen ist. Normalerweise erzählen sie mir genau davon, doch derzeit befinden sich die beiden mit ihrer Podcast-Sendung "Fest & Flauschig" in der Sommerpause. Ihre Rückkehr ist erst für den 4. September geplant. Anlass genug, um sich nach all den aufgehitzten Tagen im April, als nicht das umstrittene Erdogan-Gedicht, sondern eben auch der überraschende Wechsel von Olli Schulz und Jan Böhmermann vom Radio zu Spotify, einige Unruhe verursachte.

Spotify, diese "Scheiß-Plattform, wo der Künstler keine Kohle bekommt" und auf der doch angeblich ein "fucking Ausverkauf" herrscht, der absolut "nicht fair" ist - so beschrieb das Moderatoren-Duo den schwedischen Musikstreaming-Dienst einst in der 21. Ausgabe von "Sanft & Sorgfältig". Das war im Jahr 2013. Jetzt arbeiten Schulz und Böhmermann also für genau dieses Unternehmen. Was sagt das eigentlich über sie aus? Man könnte ihnen Heuchelei unterstellen. Oder ihnen die Größe attestieren, die eigene Meinung ändern zu können. "Ich find‘ Leute, die sagen, dass sie sich immer treu sind, Scheiße", stellte Schulz drei Jahre später in der ersten Ausgabe von "Fest & Flauschig" bei Spotify klar. "Wenn du dir immer treu bleibst, bist du ein stumpfer Einzeller, der sich nicht weiterbewegt!"

Klare Aussagen wie diese sind es, die Fans an Olli Schulz und Jan Böhmermann schätzen. Doch die haben sie streng genommen auch schon bei Radioeins zum Besten geben können, was den Abschied zunächst umso unverständlicher erscheinen ließ. An mangelnder Freiheit kann es also auf zumindest auf den ersten Blick kaum gelegen haben. "Wie lange haben wir bei der ARD gebettelt, dass die irgendwie mal bisschen Werbung für unsere Sendung machen?“, verriet Böhmermann in der gleichen Ausgabe. "Und kaum bist du bei einem neuen Anbieter von der New Economy, ist das ganze Land voll mit deiner Fresse!" Okay, Werbung für die Show. Was aber hat sich sonst durch den Wechsel zu Spotify verändert?

Inhaltlich nicht viel. Und das ist absolut positiv gemeint. Denn so sehr die beiden auch über die Öffentlich-Rechtlichen jammerten und stöhnten, dass sie doch nicht all das sagen durften, was sie wollten, so fühlt sich die Show beim digitalen Wettbewerber kaum anders an - sieht man mal vom spürbaren Ausbau des Schimpfwörtergehalts in den Dialogen ab. Genauso wie "Sanft & Sorgfältig" ist auch "Fest & Flauschig" ein Potpourri aus ziellosen, übertriebenen, irreführenden und ausufernden Gesprächen über Privat- und Künstlerleben, bei denen man sich so wohl fühlt wie beim Bier mit dem besten Freund. Und doch wirken sie an manchen Stellen noch ein Stückchen befreiter.

Böhmermann sprach über Erdogan - bei Spotify, nicht bei ZDFneo

Der vielleicht größte Vorteil ist der Zeit-Faktor: Längen-Vorgaben existieren nämlich überhaupt nicht. Während es bei Radioeins Woche für Woche galt, die Sendezeit exakt zu füllen, so hat das Moderatoren-Duo bei Spotify inzwischen die absolute Gelassenheit. Wenn es mal nichts zu sagen gibt, dann wird nichts erzwungen und das Mikrofon nach einer knappen Stunde schlichweg ausgemacht. Beim tiefschürfenden Gespräch kann die Sendung eine Woche später dagegen auch mal zwei Stunden dauern. Und so ist es womöglich kein Zufall, dass Böhmermann nicht etwa im "Neo Magazin Royale" schilderte, wie er sich während der Erdogan-Affäre fühlte, als die Polizei zu seinem eigenen Schutz an seiner Tür klingelte - sondern dies in aller Ausführlichkeit bei "Fest & Flauschig" tat.

Ein eigenes, knallhartes Fazit haben sich die beiden in ihre vorerst letzte Ausgabe selbst geholt - im "großen Sommerfest“ mit Sängerin und Gastsprecherin Ina Müller. "Oma Müller" - wie sie sich selbst nennt - gab offen zu, noch keine richtige Einstellung zu Spotify zu haben und brachte zum Ausdruck, wie schade sie den Wechsel der Jungs anfangs fand. "Kreativität entsteht durch Grenzen", sagte sie. Und sie muss es wissen, schließlich schafft sie es in ihrer ARD-Show erstaunlich häufig, die öffentlich-rechtlichen Grenzen zu überwinden. Ihr erster Gedanke zur ersten Folge? "Diese Wichser, wie arrogant!" Ja, das waren sie tatsächlich: Schrecklich eingeschnappt, was die wütenden Stimmen der Fans und ihr Bashing gegenüber der ARD anging. Inzwischen aber lebt die Show glücklicherweise nicht mehr von diesen Nebengeräuschen, was im Übrigen auch Ina Müller honoriert.

Es hapert noch immer an der Technik

Ärgerlich ist streng genommen nur die technische Umsetzung, an der es von Beginn an hapert - etwa, wenn es um die Integration der Songs aus der sendungseigenen "Fidi & Bumsi"-Playlist geht. Da fordern Böhmermann und Schulz ihre Hörer doch nun schon seit drei Monaten allen Ernstes dazu auf, diese jeweils selbst auszuwählen und abzuspielen. Aus lizenzrechtlichen Gründen sei es derzeit nicht möglich, die Lieder direkt in die Sendung miteinzuweben, erklärte ein Spotify-Sprecher gegenüber DWDL.de und verwies zugleich darauf, dass sich "viele Fans gegen eine Zusammenlegung ausgesprochen" hätten. Vielleicht wäre es so gesehen ja eine gute Option, in Zukunft einfach zwei verschiedene Versionen des Podcasts anzubieten - einmal mit und einmal ohne Musik. So viel Freiheit sollte bei Spotify doch möglich sein.

Noch etwas nerviger aber wird es, wenn man gerade kein Smartphone zur Hand hat und "Fest & Flauschig" über die Spotify-App seines Computers starten möchte. Denn das ist derzeit - vorerst nur testweise - allenfalls umständlich zu schaffen: Über einen kleinen Link in der Beschreibung zur "Fidi & Bumsi"-Playlist wird man auf eine externe Browserseite weitergeleitet, die die Folgen dann schlussendlich bereithält. Möchte man einfach nur die Suchleiste nutzen, erhält man schlicht gar kein Ergebnis. Sollte der jüngste Test jedoch erfolgreich sein, würden "'Fest & Flauschig' und möglicherweise auch andere Podcasts in die Desktop-Suche aufgenommen", heißt es bei Spotify. Während die ARD einst also auf große Werbekampagnen verzichtete, die die Show noch bekannter hätte machen können, tut an dieser Stelle auch Spotify recht viel dafür, seinen Nutzern den hörenswerten Podcast vorzuenthalten.

Doch trotz solch eklatanter Macken scheint das Projekt "Fest & Flauschig" ein Erfolg zu sein. "Mit dem Start der ersten zwölf Episoden sind wir mehr als zufrieden", sagt der Pressesprecher. Nachzuweisen ist das jedoch nicht, schließlich hält sich Spotify mit Abrufzahlen ebenso wie Netflix sehr bedeckt. Auf die weitere Entwicklung der Show darf man jedenfalls gespannt sein - auch weil die Moderatoren an ihren großspurigen Ankündigungen gemessen werden sollten. "Wir werden noch besser in allem", prophezeite Olli Schulz anfangs. Mit Blick auf die Musik-Integration gilt das bislang jedenfalls nicht. Ein schönes Sonntagsritual ist "Fest & Flauschig" für mich aber bereits allemal.

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