Periscope & Facebook Live © flickr: dailyinvention/Periscope/Facebook
Mehr als nur TV (1)

Live-TV goes Social Media: Periscope oder Facebook?

 

Gute Social-Media-Arbeit schafft Nähe zum Publikum. Die User zu erreichen, ist aber gar nicht so einfach. In einer Wochenserie befasst sich DWDL.de mit den größer werdenden Herausforderungen. Zum Start geht's um Livestreaming bei Facebook und Twitter...

von Alexander Krei
14.11.2016 - 09:50 Uhr

Eine eigene Seite bei Facebook, ein Accout bei Twitter – für die meisten Fernsehsender ist es inzwischen selbstverständlich, dass sie in sozialen Netzwerken präsent sind. Gerade erst konnte sich das ZDF über eine Million Twitter-Follower freuen. Es ist eine beachtliche Zahl, die unterstreicht, welch wichtige Rolle Social Media in der Kommunikation einnehmen kann, wenn man den Umgang damit ernst nimmt. Doch mit dem schlichten Absetzen von Nachrichten ist es inzwischen nicht mehr getan. Längst haben Bewegtbild-Inhalte eine zentrale Rolle eingenommen – und mit Persicope oder Facebook Live ist es besser denn je möglich, den direkten Draht mit den Usern aufzunehmen.

Fernsehhäuser sollten angesichts dieser Entwicklung eigentlich im Vorteil sein, schließlich bringen sie reichlich Erfahrung bei der Bewegtbild-Produktion mit. Und doch gilt es herauszufinden, welche Erwartungen die Nutzer überhaupt hegen. Das Erste hat sich beispielsweise gegen Periscope entschieden. "Mit Periscope würden wir via Twitter vermutlich eher Medienschaffende denn die breite Masse ansprechen, und so fällt unsere Wahl bisher auf Facebook Live", erklärt Tobias Kimmel aus der Online-Redaktion des Ersten gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de – und ist damit nicht alleine. "Aufgrund der geringen Reichweite von Periscope in Deutschland konzentrieren wir unsere Echtzeit-Aktivitäten in den sozialen Netzwerken voll auf Facebook Live", sagt auch Max Retzer von Sport1.

Ähnliches hört man von anderen Sendern. In der RTL-II-Zielgruppe habe sich Periscope bisher nicht durchsetzen können, verlautet aus Grünwald - und auch bei Vox setzt man mittlerweile Prioritäten. So nutzte man Periscope in der Vergangenheit etwa, um von Pressekonferenzen zu berichten. "Aufgrund der deutlich höheren Reichweite konzentriert Vox sich aber inzwischen auf Facebook Live", erklärt der Sender und setzt bei Live-Interviews mit eigenen Gesichtern wie den Schauspielern aus dem "Club der roten Bänder" nun ganz auf Facebook. Bei der ARD hat dort inzwischen "eingespielte Routinen" entwickelt, wie es heißt. "Die Livechats mit unseren Auslandskorrespondenten erfreuen sich vor allem im Weltspiegel-Channel großer Beliebtheit, jüngst die Fragestunden mit 'Tagesthemen'-Moderator Ingo Zamperoni und US-Korrespondentin Ina Ruck sowie das #USWahlLab live aus der Georgetown University in Washington."

Parallel dazu streamte die "Tagesschau" die lange US-Wahlnacht als Facebook live – ein Ausspielweg, der im Sommer auch während der unübersichtlichen Lage nach dem Münchner Amoklauf genutzt wurde. "Der direkte Austausch zwischen unseren Experten und den Zuschauern schafft Nähe, Transparenz und Glaubwürdigkeit", so Tobias Kimmel. Ganz ähnlich sieht man das beim ZDF. "Facebook live eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten für Hintergrundberichte, Interviews und User-Interaktion." Die tägliche "heute+"-Sendung wird inzwischen ebenso über Facebook live gestreamt wie nachrichtlich relevante Ereignisse, darunter Merkels Rede zu Trumps Wahlsieg. Nachrichten und Livestreams – das scheint zu passen, auch beim Newskanal n-tv, der etwa mit seinem Korrespondenten Dirk Emmerich einen "Syrien-Tag" auf die Beine stellte.

Das ZDF nutzt das Live-Feature indes aber auch in anderer Form. So berichtete eine Zuschauerin auf der ZDFkrimi-Facebookseite einen Tag lang live vom "Soko"-Set, auch die Fußball-EM oder die Berlinale waren zuletzt Anlässe, um auf Facebook auf Sendung zu gehen. Spannend ist zudem der Ansatz von "37 Grad", wo Betroffene zu den jeweiligen Sendungen live von ihren eigenen Erfahrungen im Alltag berichten. Via Persicope ist indes vor allem die wöchentliche "Hashtag-Konferenz" des "Neo Magazin Royale" etabliert, aber auch auf Drehreisen können die Zuschauer immer mal wieder live dabei sein – ganz abschreiben will man diesen Ausspielweg über Twitter in Mainz also nicht.

"Mehrwert für die Fans"

Auch bei RTL ist Periscope durchaus ein Thema. "RTL nutzt Periscope in der Kommunikation ebenso wie Twitter vor allem zu B2B-Themen, die oft aber auch genauso spannend für unser Zuschauer sind", sagt Thomas Bodemer, Sprecher der Mediengruppe RTL Deutschland. Doch auch hier spielt Facebook Live inzwischen ganz klar die erste Geige. So kann der geneigte Zuschauer dabei sein, wenn sich Frauke Ludowig ins Studio begibt oder Interviews auf der Programm- oder Boxen-Pressekonferenz geführt werden. Die Dailysoap "Unter Uns" schickt darüber hinaus regelmäßig die "UU WG Live" auf Sendung und schaut zusammen mit Fans eine ganze Folge. Über 45 Minuten hinweg erreiche man damit tausende Zuschauer.

Auch bei RTL II kommt das Livestreaming über Facebook seit einiger Zeit bei Soaps zum Einsatz, aber auch beim "Promi-Kegelabend" wurde das Feature kürzlich genutzt. Hinzu kommen die "RTL II News", deren Moderatoren die Zuschauer jeden Mittwoch ab 19:45 Uhr in die Redaktion mitnehmen Fragen beantworten. "Auch während der Sendung, sofern es die Moderation zulässt, und bis circa 15 Minuten danach stehen sie Rede und Antwort", erklärt eine Sprecherin gegenüber DWDL.de.

Während RTL II den sozialen Netzwerken schon immer aufgeschlossen gegenüberstand, hielt sich Marktführer RTL hier lange Zeit zurück - wohl auch aus Sorge, dass die eigenen Online-Seiten darunter leiden könnten. Doch das hat sich seit einiger Zeit verändert. Mittlerweile ist Facebook Live fester Bestandteil der RTL-Formatbegleitung – "sofern es inhaltlich Sinn macht und einen Mehrwert für die Fans liefert", wie Thomas Bodemer sagt. Einen ungewöhnlichen Weg geht man mit Martin Tietjen, den RTL seit Oktober als Online-Moderator einsetzt. "Martin wird künftig viele der RTL-Eigenproduktionen online backstage begleiten und Content für RTL.de als auch die Social-Media-Plattformen generieren", heißt es aus Köln. Beim "Spendenmarathon" wird der ehemalige Joiz-Mann demnächst sogar fast rund um die Uhr zum Einsatz kommen. 

Martin Tietjen© Carsten Sander

Martin Tietjen fungiert jetzt bei RTL als Online-Reporter

Den Vorteil der Nähe zum Publikum hat man auch bei ProSiebenSat.1 erkannt. Livestreaming erlaube, "ein Format oder eine Marke für den User greifbar weiter zu führen und erzeugt durch die interaktive Inszenierung eine 'Nähe', die es in dem Ausmaß auf den Social-Media-Plattformen bisher nicht gab", lässt ProSiebenSat.1 ausrichten. "Bei den Live-Streams kommen häufig unsere Faces zum Einsatz – unser klarer USP, den unsere User sehr zu schätzen wissen." Und auch für Viacom werden die Livestreams in den sozialen Netzwerken immer wichtiger. "MTV und Viva nutzen Facebook Live für Events und Lie Q&A mit Stars", erklärt Viacom-Sprecherin Sarah Prill. Die Red-Carpet-Show vom roten Teppich der MTV EMA zählte kürzlich bei Facebook rund 50.000 Unique Viewers und auch Chats mit Stars des Kindersenders Nickelodeon wertet man in Berlin mit zuletzt teils mehr als 70.000 Fans als schönen Erfolg.

Facebook Live hat Periscope zumindest bei deutschen Sendern also den Rang abgelaufen. Max Retzer von Sport1 sieht dafür neben der deutlich höheren Zuschauerzahl weitere Vorteile. "Durch eine ausgezeichnete API haben wir zudem Zugriff auf alle Features von Facebook, wie zum Beispiel Geo-Block und Facebook Reactions. Dazu haben wir die Chance, mit Drittanbietern wie Wirecast ähnlich wie im TV zu produzieren", sagt er und lobt die einfache Handhabung vor Ort, die gerade für die Live-Reporter vieles erleichtere. Und noch einen entscheidenden Pluspunkt scheint Facebook Live zu bieten: "Für uns als Broadcaster ist es natürlich auch von Bedeutung, dass Facebook-Live-Videos insbesondere zu einer höheren Platzierung im News-Feed beizutragen scheinen – dies spiegelt sich jedenfalls in den Reichweiten und Video Views auf unseren Seiten wieder."

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