Mund verbieten © AndreasF. / photocase.com
Die Bitte eines Interviewers

Von "kleinen" Korrekturen und der Angst vor Haltung

 

Wenn aus spannenden Gesprächen am Ende glatt gebügelte Interviews werden, dann frustriert das - Sie als Leser und uns, die Interviewer. Ein Kommentar von DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath. Warum Fußball fairer ist als manches Interview.

von Thomas Lückerath
15.04.2013 - 09:07 Uhr

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Seit mehr als elf Jahren interviewen wir für DWDL.de Medienmacher. Mal jene vor der Kamera, mal jene dahinter. Ursprünglich allein von Neugier angetrieben, ist es inzwischen auch eine Pflichtaufgabe geworden. Mal sind es Antritts-Interviews, mal Gespräche zu Jubiläen und Geburtstagen, mal zur Premierensendung oder hin und wieder sind auch nach über 300 geführten Interviews noch Gespräche aus purer Neugier.



Aber sie werden weniger, diese Gespräche, die von ehrlicher Neugier getrieben werden. Sind wir müde geworden? Vielleicht. So groß die Branche ist, so endlich sind dann doch manche Themenkomplexe und das Personal mit dem man arbeitet. Gesprächspartner und Themen wiederholen sich - und man ertappt sich schon mal dabei, die gleichen Fragen zu stellen wie damals, beim letzten Gespräch. Aber nein, es ist nicht die Routine, die mir den Reiz an manchem Interview raubt.

Es ist die mit Vorhersehbarkeit verbundene Gewissheit, dass die spannendsten Aussagen sowieso nie erscheinen werden, wie sie gesagt wurden. Über das Thema Interview-Autorisierung ist schon viel gesprochen und geschrieben worden. Wir selbst haben vergangenes Jahr eine Interview-Veröffentlichung nach völlig unverhältnismäßiger "Korrektur" seitens Sender und Künstlermanagement verweigert. Diese Autorisierung bedeutet nicht nur Aufwand und Auseinandersetzung, er nimmt den Gesprächen auch ihren eigentlichen Reiz. Dabei ist nichts aufregender, nichts anregender als ein gutes Gespräch.

Egal ob harmonisch oder kontrovers: Wenn man sich gegenseitig die Bälle zuspielt und man als Fragesteller am Ende sogar ein Tor schießt, dann ist das gute journalistische Arbeit. Im Fußball erfährt man unmittelbar, ob ein Tor gültig war oder auf Abseites entschieden wird. Bei einem Interview leider erst Tage später. Erst dann erfährt man, ob dieser eine interessante Halbsatz, diese eine überraschende Äußerung, diese gewisse Formulierung eigentlich wirklich so gefallen sein soll, wie sie gefallen ist.

Denn das, was nicht vom Interview-Partner freigegeben wird, wurde nie so gesagt. Das ist der Ehrenkodex auf den man sich verständigt hat. Selbst wenn es Audioaufnahmen vom Gegenteil gibt. Diesem Verfahren kann man als Journalist in Deutschland kaum entkommen. Wenn man einen souveränen Gesprächspartner hat, dann wird auch höchstens mal ein Name korrigiert, eine genannte Zahl aktualisiert oder vielleicht ein Halbsatz zum Verständnis ergänzt. Dafür ist es gedacht.

Und es ist nur fair, dass der Gesprächspartner die Chance bekommt die verschriftlichte Fassung zu beäugen, weil sie schließlich auch durch den Verzicht auf manchen Halbsatz oder manche zu lange Ausführungen eine Variation des tatsächlichen Gesprächs darstellt. Sowohl der Fragesteller als auch der Interviewte sollten jedoch ein großes Interesse daran haben, dass beide Seiten maßvoll korrigieren oder kürzen, weil sonst schriftlich ein Gespräch dokumentiert wird, dass es so nie gegeben hat. Und das führt wiederum den Moment des persönlichen Gesprächs ad absurdum.

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