Gut für Couchtisch und Wartezimmer: "Park Avenue" immerhin dekorativ
Will ein Magazin Neuartiges probieren, dann mag es schwer fallen, Kriterien zu finden, die die Qualität messen können. Man kann dem Magazin grundsätzlich erst einmal anrechnen, dass die Macher den Mut hatten, es zu probieren. Bei "Park Avenue" ist es also nicht die Idee, die Respekt verdient, viel mehr nur der Mut die Idee auszuprobieren.
Nicht den Promis, die nur durch ihre Berühmtheit berühmt sind, sondern denen die wirklich etwas zu sagen haben, wolle man "Park Avenue" widmen, war im Vorfeld von Gruner + Jahr zu hören. Die "Tops" der Leserschaft und Anzeigenkunden wolle man gewinnen und dazu "Qualitätsjournalismus mit einer starken Visualisierung sowie anspruchsvoller Bildsprache und Heftästhetik" verbinden.
Eine deutsche "Vanity Fair" sollte es also werden, noch bevor der offizielle Ableger des amerikanischen High-Society-Blattes im Herbst ebenfalls den Schritt nach Deutschland wagt. Gruner + Jahr will Conde Nast zuvor kommen und scheitert dabei: Schwierig ist allein die Frage, ob es am Konzept oder der Umsetzung liegt.
Existiert in Deutschland überhaupt das ausgeprägte Streben nach Luxus und Glamour? Finden sich Metropolen wie New York oder Los Angeles, in denen Partys von Welt stattfinden? Offensichtlich nicht. Selbst "Park Avenue" berichtet von Partys im Big Apple. Sicher sind diese Partybilder noch vor dem Inhaltsverzeichnis kein zentrales Element des neuen Magazins und doch: Dort wo man auf internationale Themen zurückgreift, wirkt "Park Avenue" wenig selbständig und dort wo man auf deutsche Namen setzen will, misslingt dies.
Oder kennen Sie Michael Jürgs, Martin Mosebach, Gustav Seibt oder Willi Winkler? Mit diesen Autoren schmückt sich "Park Avenue" auf dem Cover und stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus: Selbst das ambitionierte und mittlerweile erfolgreiche Politmagazin "Cicero" kann namhaftere Autoren vorweisen als ein Society-Magazin, dem offenbar schon in der Erstausgabe die spannenden Themen und Autoren fehlen.
"Die Akte Abramowitsch" oder "Millionäre in Angst" sind Titelthemen die sicherlich auch ihre Leser finden, aber die Frage aufwerfen: Wie will man damit eine breite Leserschaft erreichen? Denn auch das große Vorbild "Vanity Fair" scheut nicht davor zurück, sich ausführlichst massenkompatiblen Themen wie "Star Wars" oder Popstars zu widmen.
Was an "Park Avenue" besonders verwirrt, ist das nicht erkennbare Ziel. Zu wenig Stars um wirklich Glamour zu verbreiten und zu wenig Aktualität und Brisanz um relevant zu sein. Diese Beliebigkeit lässt die wenigen interessante Beiträge wie den über Palästinenserchef Mahmud Abbas fehl am Platz erscheinen. Es fällt schwer zu glauben, dass "Park Avenue" künftig Themen bietet, die man gelesen haben muss.
Dazu beitragen könnte auch die unerklärliche Schreibweise mancher Autoren. Rätselnd ob dies die neue deutsche Eliten-Sprache sein soll, grübel ich noch immer über Absätze wie diesen: "Trotz Vorwürfen der Kurroption ist Kofi Annan nach wie vor der beliebteste Politiker der Welt. Immerhin bekam er 2001 den Friedensnobelpreis". Abgesehen vom fehlenden logischen Zusammenhang bewegt sich die Sprache mancher Artikel auf dem Niveau einer Schülerzeitung. Kurze Sätze und einfachste Sprache sind kein "Qualitätsjournalismus".
Mancher sprachliche Output muss auch bei fragwürdigem Geisteszustand formuliert worden sein. Beispiel? "Tom Cruise ist intensiv, was er keineswegs verbirgt. Er trägt seine Intensität wie eine zweite Haut. (...)Der Zweiundvierzigjährige strahlt etwas Leuchtendes, Heftiges, ja Wildes aus. Er hat dichtes Haar, gesunde Zähne und ausdrucksstarke Augen."
Schon Harald Martenstein hielt im Berliner "Tagesspiegel" das absolute Highlight des bei "Park Avenue" präferierten Schreibstils fest. Über Schauspielerin Alexandra Maria Lara schreiben Georg Diez und Sabine Reichel wie über eine Weihnachtsgans: "Matt glänt ihre Haut, und ihre zarten Knochen und delikaten Formen haben Modelproportionen"."Starke Visualisierung" und "anspruchsvolle Bildsprache" will "Park Avenue" bieten. Die Fotos zur Topstory über Alexandra Maria Lara und Sebastian Koch sind hingegen einfach nur furchtbar nah aufgenommen. Elegant oder inspirierend? Fehlanzeige. Besonders grausam: Seite 90/91. Große Namen wie der des Fotografen Michael Conte schützen dabei nicht vor Kritik. Wenn also etwas opulent und imposant wirkt in "Park Avenue", dann sind es die Anzeigen. Von denen gibt es reichlich im 242 Seiten starken Heft.
Die Frage ob ein solches Magazin in Deutschland überhaupt genügend Themen und Leser finden kann, ist nach der Lektüre der Erstausgabe von "Park Avenue" hinten angestellt. Viel interessanter ist erst einmal die Frage, warum Gruner + Jahr für ein handwerklich derart langweiliges und stellenweise schlechtes Magazin grünes Licht gegeben hat. Wäre diese Preview-Ausgabe bloß nur in "Gruppendiskussionen und regionalen Märkten" getestet worden, wie es laut Dr. Bernd Buchholz, G+J-Vorstand Zeitschriften Deutschland, geplant war.
Bis zum Herbst bleibt also viel zu tun, wenn "Park Avenue" sich erfolgreich positionieren will. Spätestens wenn der deutsche Ableger von "Vanity Fair" startet, wird sich zeigen, ob die Schwächen von "Park Avenue" hausgemacht sind oder Deutschland einfach nicht reif ist für so viel HighSociety. Vorerst macht sich "Park Avenue" immerhin sehr dekorativ auf Couchtischen in Villenvierteln und Wartezimmern von Schönheitschirurgen.
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