The OA © Netflix
DWDL.de-Serienkritik

Sie mögen "Stranger Things?" Schauen Sie "The OA"!

 

Während Netflix die zweite Staffel seiner Mysteryserie "Stranger Things" erst für 2017 einplant, verkürzt der Streamingdienst den Fans das Warten mit "The OA". Die Serie beinhaltet beinahe alles, das auch an "Stranger Things" gefallen hat.

von Kevin Hennings
16.12.2016 - 16:03 Uhr

Genau 7 Jahre, 3 Monate und 11 Tage wurde die junge Prairie Johnson vermisst, ehe sie wie aus heiterem Himmel wieder auftauchte. Ihre Eltern waren vor Kummer zerfressen, die Polizei wusste sich bei den Ermittlungen nicht zu helfen. Alles sah nach der perfekten Entführung aus. "Wer hat dir das angetan?", fragt ihre Mutter, die ihr plötzliches Glück kaum fassen kann. Prairies Anwort darauf ist keine traumatische Verschleppungsgeschichte, sondern ein knappes "Ich kann es dir noch nicht sagen. Es würde dir zu sehr weh tun, Mama." Ihre ruhige Erzählweise dabei ist beinahe erschreckend und lässt den Zuschauer bereits nach wenigen Minuten empathisch darüber grübeln, was mit dieser zarten Frau wohl geschehen sein muss. Eine Frau, die vor sieben Jahren übrigens noch blind war und nun wieder sehen kann. Ein Wunder?

So beginnt "The OA" mit einer Menge Input, der vor allem Fragezeichen hinterlässt. Wieso ist sie vor einer halben Ewigkeit einfach verschwunden? Wieso erzählt sie ihre Geschichte nicht ihrer Familie und dem FBI? Wieso kann sie wieder sehen? Warum nennt sie sich selbst 'The OA'? Und was zur Hölle soll 'The OA' eigentlich bedeuten? Fragen über Fragen, die mit einem mystischen Touch verbunden werden, der sicherlich ein Stück weit an die gefeierte Serie "Stranger Things" erinnern soll. Spätestens wenn Prairie (Brit Marling, "Another Earth") beim Nachbarsjungen hinten auf dem Retro-Rad mitfährt, ist es fast unmöglich, nicht an einen der zahlreichen 80er-Jahre-Filme zurückzudenken und in Nostalgie zu verfallen. "Stranger Things" hat diese Kombination kaum geschmeidiger verpacken können - und so wirkt nun auch "The OA" alles andere als unsympathisch. Schnell leckt der Zuschauer Blut, möchte in den Binge-Rausch verfallen. Well played, Netflix. Das könnte die Formel zum Süchtigmachen sein. 

Wo Netflix bei "Stranger Things" im Vorhinhein jedoch noch die Werbetrommel rührte und die Serie wegen ihres Looks von der Allgemeinheit auch sonst recht interessiert beäugt wurde, hat es "The OA" etwas schwerer. Gerade einmal vier Tage vor der Premiere wurde das Datum der Veröffentlichung bekanntgegeben - und der dazugehörige Trailer wirkt dazu auch noch höchst verwirrend, weil er kaum etwas über den eigentlichen Plot verrät. Doch so an die Sache heranzugehen, war die vollkommen richtige Entscheidung. Wer einmal in die Welt von "The OA" eingetaucht ist, würde sich vermutlich über jedes verratene Detail schwarz ärgern. Denn mit der Serie ist Netflix ein wahrer Augenschmaus gelungen, weil man gar nicht genug davon bekommen kann, der großartigen Brit Marling zu lauschen, wie sie immer mehr von ihrer gleichermaßen verrückten wie poetischen Geschichte preisgibt.

"Poetisch" ist im Übrigen das Adjektiv, das die gezeigten Bilder in den ersten Folgen wohl am besten beschreiben dürfte. Szenen, die an wunderschöne Traumsequenzen erinnern, vermischen sich mit einer Erzählung, die der Wohligkeit eines Bob Ross beim Malen gleichkommen. Mit "Sound of My Voice", "Another Earth" und "The East" hat Marling dieses Gefühl als Schauspielerin und Produzentin bereits gut vermitteln können, doch nun nochmal um zwei Level gehoben. Dafür gesorgt hat wohl auch die Zusammenarbeit mit Plan B, einer 2001 von Brad Pitt, Brad Grey und Jennifer Aniston gegründeten Produktionsfirma, die mittlerweile jedoch nur noch von Pitt besessen wird. Diese Firma hatte ihre Finger auch bei Filmen wie "12 Years a Slave", "Selma" und "Tree of Life" im Spiel - diese Form von großem Kino hat jetzt auch der Streamingplattform gut getan.

Wer die ein oder andere der oben genannten Produktionen gesehen hat, weiß auch, dass es gerne mal philosophisch werden darf. Marling und ihr Mit-Produzent Zal Batmanglij (ebenfalls bei "Sound of My Voice" und "The East" mit an Bord gewesen) verpacken in "The OA" eine der wohl faszinierendsten Fragen unserer Welt: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wenn nein, lohnt es sich überhaupt, ein erfüllendes Leben geführt zu haben? Bei der Beantwortung dieser Fragen stellt sich Netflix' Produktion nicht in ein selbstbeweihräucherndes Licht, sondern lässt stets dem Zuschauer offen, was er nun glauben mag und wie weit er mit seinen eigenen Gedanken gehen möchte. Mit dem Publikum wird ein Spiel der Sinne getrieben, dass das Publikum nicht sauer macht, so wie es beim Finale von "Lost" der Fall gewesen ist. Vielmehr werden in freundlichster Manier die Grenzen zwischen Leben und Tod aufgezeigt. 

Um dabei nie zu sehr abzudriften und den Zuschauer nicht aus seiner entspannten Position herauszureißen, wird man bei "The OA" eines aber vor allem nicht erwarten dürfen: Action. Mit seinem gemäßigten Tempo, den wundervollen Dialogen und Twists, die überraschender nicht sein könnten, glückt Netflix der nächste große Hit, der wieder einmal beweist, dass ihr unkonventioneller Weg, Serien zu schaffen, ein bereichernder für die Branche ist. Wenn Sie also nach etwas suchen, das Ihr Warten bis zur zweiten Staffel von "Stranger Things" nicht nur versüßt, sondern jegliche andere Serien für einen Moment sogar vergessen lässt, dann sind Sie hier an der genau richtigen Stelle. 

Die ersten acht Folgen von "The OA" sind ab sofort auf Netflix verfügbar

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