Babylon Berlin © Frédéric Batier / X Filme 2017
DWDL.de-TV-Kritik

Serienhoffnung "Babylon Berlin": Einladung zur Hypnose

 

Düsterer Krimi? Oder Abbild der Gesellschaft in der Weimarer Republik? "Babylon Berlin" will beides sein - und neue Maßstäbe für deutsche TV-Produktionen setzen. Anfangs lässt sich die Serie viel Zeit, die Zuschauer in ihre Welt mitzunehmen. Doch die Geduld lohnt sich.

von Peer Schader
13.10.2017 - 00:00 Uhr

Atmen Sie ganz ruhig – ein. Und wieder aus. Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen. Lassen Sie einfach los. Und denken nicht an die Werbekampagne mit den unpassend albernen Sprüchen, die Ihnen gerade überall begegnet. Für diese Serie, von der alle reden. Denken Sie nicht an die mit Abstand teuerste deutsche TV-Produktion der vergangenen Jahre. Sondern an das, was eine gute Serie wirklich ausmacht.

Was uns als Zuschauer dazu bringt, eine Episode nach der nächsten zu verschlingen. Weil etwas gelungen ist, das über reine Ablenkung oder Unterhaltung hinausgeht. Denken Sie daran, wie es sich anfühlt, in eine völlig fremde Welt einzutauchen und sich als unsichtbarer Beobachter darin zu bewegen, während sich um Sie herum das Schicksal der Protagonisten entlädt.

„Babylon Berlin“ beginnt mit einer Hypnose. „Atmen Sie ganz ruhig“, lässt sich Kommissar Gereon Rath von einem (zu diesem Zeitpunkt) Unbekannten in Trance reden. „Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen.“ Die Gedanken kommen ohnehin unkontrollierbar angerast, schießen aus dem Kopf des Hypnotisierten ins Blickfeld des Zuschauers, bis sich der Alptraum in einem langen Schrei entlädt. Dann läuft zum ersten Mal der Vorspann, wie eine Filmprojektion, in deren pulsierendem Mittelpunkt sich der Serientitel förmlich eingefräst hat.

Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass sich „Babylon Berlin“ vom ersten Augenblick an große Mühe gibt, die eigene Andersartigkeit herauszustellen. Die Produktion soll ein für alle Mal beweisen, dass deutsche Serien mit den vielgelobten amerikanischen Vorbildern nicht nur mithalten können. Sondern auch völlig neue Akzente setzen.

Babylon Berlin
© Frédéric Batier / X Filme 2017

Um die Finanzierung des teuren Projekts zu stemmen, haben sich der Pay-TV-Sender Sky und die öffentlich-rechtliche ARD zusammengetan. Gemeinsam mit Henk Handloegten und Achim von Borries („Was nutzt die Liebe in Gedanken“) hat Tom Tykwer („Lola rennt“, „Cloud Atlas“) nicht nur die Bücher geschrieben, inspiriert von Volker Kutschers Roman Zwanziger-Jahre-Krimi „Der nasse Fisch“, sondern auch Regie geführt. (Hier geht’s zum DWDL.de-Interview mit den Machern.) In Potsdam-Babelsberg hat Tykwers Produktionsfirma X-Filme das Berlin der Weimarer Republik als Kulisse neu aufgebaut. Die Voraussetzungen waren also hervorragend.

Wer steht auf der richtigen Seite?

Gerade weil alles so perfekt klingt, ist es leicht, skeptisch zu sein, ob die Produktion die an sie gestellten Hoffnungen erfüllen kann. Zumal die seit Monaten von den Auftraggebern veranstaltete Hype-Inszenierung zunehmend anstrengender geworden ist. Dabei hat es „Babylon Berlin“ verdient, nicht (nur) als Phänomen betrachtet zu werden. Sondern auch: als Geschichte, die ihr Publikum einfangen und überzeugen muss.

Die erzählt davon, wie der junge Kommissar Rath (gespielt von Volker Bruch) aus Köln nach Berlin versetzt wird, um dort mit den Kollegen einen Pornoring auszuheben. Rath handelt in vielen Momenten unkontrolliert, fast naiv, ist aber gleichzeitig nicht unsympathisch – und trotzdem schrecklich kaputt. Aber das sind die meisten, die es geschafft haben, aus dem Krieg wieder nachhause zu kommen, um ihn herum auch.

Babylon Berlin
© Frédéric Batier / X Filme 2017

In Berlin trifft Rath auf Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die sich und ihre Familie mit gelegentlichen Tippaufträgen im Polizeipräsidium über Wasser hält, der „Roten Burg“ am Alexanderplatz. Gleichzeitig hegt Lotte die Ambition, aufzusteigen – Sie will „zur Mord“. Dahin, wo auch Rath später landen wird, um sich gegen das Verbrechen und Korruption zu stemmen, die sich in der Metropole stetig ausbreiten. Bei der ersten Begegnung fragt sie frech: „Wo kommen Sie’n her? Aus’m Mittelalter?“ Und Rath antwortet irritiert, aber wahrheitsgetreu: „Aus Köln.“

Die ersten beiden Episoden lassen sich erstaunlich viel Zeit damit, die Zuschauer an die wesentlichen Schauplätze mitzunehmen und all die Charaktere einzuführen, von denen noch nicht ganz klar ist, auf welcher Seite sie eigentlich stehen – allen voran der zwielichtige Oberkommissar Bruno Wolter (ganz hervorragend gespielt von Peter Kurth). Aber genau das macht den Reiz der Serie aus.

Babylon Berlin
© Frédéric Batier / X Filme 2017

Die Kamera folgt den Protagonisten über die – zum Teil seltsam vertraut wirkenden – Plätze der großen Stadt, hinein in Hinterhöfe, dunkle Gassen, heruntergekommene Altbauwohnungen. Aber auch in glanzvolle Tanzsäle wie den des „Moka Efti“, wo sich die Großstadtbewohner abends ins Fieber amüsieren. Viele Figuren geben erst mit der Zeit preis, was sie antreibt. Und wer wissen will, wie der von russischen Revolutionären entführte geheimnisvolle Goldzug ins Bild passt, muss abwarten.

Abbild einer faszinierenden Zeit

Auf eine klassische Episodenstruktur mit wiederkehrenden Mustern haben Tykwer und seine Kollegen bei der Inszenierung verzichtet, Cliffhanger wechseln sich mit ungewöhnlichen Handlungs-Collagen und langen Tanzszenen ab. In Folge vier explodiert die Stadt gleich zu Beginn kriegsartig, als die Berliner Polizei mt brutalen Mitteln die Mai-Demonstration der Arbeiter niederschlägt. (Und Kommissar Rath gerät mitten hinein.)

Geschickt verknüpft „Babylon Berlin“ historische Ereignisse mit dem Schicksal seiner Hauptprotagonisten, um nicht nur eine Kriminalgeschichte zu erzählen. Sondern auch ein Abbild einer faszinierenden Zeit zu schaffen, in der eine Gesellschaft zwischen Kriegsverarbeitung und zum Greifen naher Moderne taumelt, bevor sich der Nationalsozialismus mit langsamem Donnergrollen ankündigt.

Babylon Berlin
© Frédéric Batier / X Filme 2017

Sollte diese Intensität über die von Sky vorab gezeigten vier Folgten hinaus gehalten werden, könnte sich „Babylon Berlin“ tatsächlich zu einer der herausragendsten TV-Produktionen der vergangenen Jahre entwickeln. Was freilich noch nichts darüber sagt, ob ein Millionenpublikum die lineare Geduld dafür aufbringt, wenn das vielschichtige Drama im kommenden Jahr im Ersten läuft. Immerhin sind auch ambitionierte Projekte wie „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Deutschland 83“ bereits daran gescheitert, mit den Sehgewohnheiten einer ausreichend großen Zahl an TV-Zuschauern zu brechen.

An der erzählerischen Qualität der Produktion und dem Beleg dafür, dass deutsche Serien nicht zwangsläufig in Krankenhäusern, Klostern oder auf Autobahnen spielen müssen, ändert das freilich nichts.

„Babylon Berlin“ beginnt mit Hypnose. Und entwickelt sich im Laufe der Erzählung selbst zu einer. Mehr kann man von einer Serie eigentlich nicht erwarten.

DWDL.de-Interview mit den Machern:

Über den Autor

Peer Schader arbeitet als freier Journalist in Berlin. Schrieb seine erste TV-Kritik 2000 über eine RTL-II-Fahrschuldokusoap (und danach noch ein paar mehr). Mag Fernsehen vor allem dann, wenn es sich richtig viel Mühe gibt, sein Publikum zu fesseln.

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