RTL-Reporter bei Pediga-Demo © RTL
Heikles Spiel mit der Glaubwürdigkeit

"Wie dämlich": Pegida-Demonstrant war RTL-Reporter

 

Eigentlich wollte "Panorama" die Aussagen von Pegida-Demonstranten in Dresden ungefiltert zeigen. Was das Team nicht wusste: Einer der Befragten war ein RTL-Reporter, der "verdeckt" vor Ort recherchierte. Ein unglaublicher Vorfall...

von Alexander Krei
20.12.2014 - 19:48 Uhr

Diese Bewerbung für den Goldenen Günter kommt definitiv zu spät. "Ziemlich ui-jui-jui" ist das, was RTL am Samstag zugeben musste, aber definitiv - und das ist noch freundlich formuliert. Das NDR-Magazin "Panorama" hatte für einen vor allem im Internet viel beachteten Beitrag ein Team zur sogenannten Pegida-Bewegung nach Dresden geschickt und die Aussagen der Demonstranten ungeschnitten gezeigt. Wie nun jedoch bekannt wurde, hat sich unter diese Menschen auch ein Reporter des RTL-Landesstudios Sachsen gemischt, der nach Angaben des Privatsenders verdeckt Stimmungen und Aussagen für eine spätere Berichterstattung aufgreifen wollte.

Was dann passierte, ist beinahe unglaublich: Als der RTL-Mann von den "Panorama"-Reportern angesprochen wurde, äußerte dieser vor laufender Kamera latent ausländerfeindliche Sprüche, etwa zur Zahl der Türken im Straßenbild. Die Redaktion des Politmagazins zeigte sich entsprechend verärgert: "Was das sollte, wissen wir nicht", ließ "Panorama" am Samstag mitteilen, nachdem man von der wahren Identität des Mannes erfuhr. "Aber eines ist für uns klar: Das geht gar nicht!" Immerhin habe sich der Reporter, der seit 2012 für RTL arbeitet und davor für ein NDR-Regionalstudio tätig war, inzwischen gemeldet. "Was nichts daran ändert, dass er vor unserer Kamera den 'normalen Demonstranten' gespielt und damit der Glaubwürdigkeit von Journalisten einen Bärendienst erwiesen hat", kritisiert "Panorama"-Redaktionsleiter Volker Steinhoff.

Tatsächlich könnte die Situation unglücklicher kaum sein, wollte "Panorama" durch den Bericht doch eigenen Angaben zufolge "zeigen, wozu Medien gut sein können". Die Aussagen der Demonstranten wurden nämlich im Anschluss an die Sendung sogar in voller Länge im Internet veröffentlicht. Steinhoff: "Wir geben nicht vor, was man nun davon halten soll. Der Zuschauer, der nicht in Dresden dabei war, soll sich selbst ein Urteil bilden. Die Töne sind, wie sie sind, und wir haben darüber diskutiert, ob man faktisch falschen Behauptungen, die zuhauf kommen, widersprechen muss. Aber das hätte wieder etwas Bevormundendes gehabt." Mit dem Inkognito-Einsatz eines RTL-Reporters, der fragwürdige Sätze in die NDR-Kamera spricht, hat allerdings niemand gerechnet.

"Panorama"-Mann Volker Steinhoff hat für dessen Aussagen dementsprechend kein Verständnis übrig: "Nun wird das durch einen RTL-Reporter in Frage gestellt, auch wenn es nur um ein Statement von vielen geht. Wie dämlich." Auch RTL ist all das natürlich peinlich. Das Statement, das der Sender am Samstag zu der Angelegenheit veröffentlichte, machte die Sache allerdings kaum besser. Der Reporter habe drei Möglichkeiten gehabt, als er von den NDR-Kollegen angesprochen worden sei: "Nichts sagen, sich als Kollege outen - oder in der gespielten Rolle eines Pegida-Anhängers verbleiben. Er entschied sich für Möglichkeit drei - und traf damit die eindeutig falsche Entscheidung."

Falsch war die Entscheidung definitiv. Doch dass diese "dritte Möglichkeit" für einen Journalisten, der ernsthaft über die Pegida-Bewegung berichten möchte, überhaupt in Frage gekommen ist, wirft einige Fragen auf, auch wenn RTL betont, die getätigten Aussagen würden "weder seine Meinung noch die von RTL" wiedergeben. Bitter ist das Verhalten des RTL-Reporters vor allem deshalb, weil er damit ausgerechnet all jenen Futter gibt, die seit Wochen lautstark "Lügenpresse" skandieren. Ein heikles Spiel mit der Glaubwürdigkeit, das die guten Absichten der "Panorama"-Redaktion konterkariert. Ob der RTL-Reporter Konsequenzen fürchten muss, ist nicht bekannt. Nach Angaben eines Sendersprechers soll darüber intern entschieden werden.

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