Tim Wolff, Titanic © ARD
"Titanic"-Chef Tim Wolff

"Je ernster die Lage, desto wichtiger der Humor"

 

Tim Wolff ist in den vergangenen 24 Stunden der wohl gefragteste deutschsprachige Interview-Partner gewesen. Der Chef des Satire-Magazins "Titanic" hat sich in vielen Medien zum Anschlag auf "Charlie Hebdo" geäußert und fordert eine "Jetzt erst recht"-Haltung.

von Timo Niemeier
08.01.2015 - 16:02 Uhr

Nein, zum Lachen ist der Anschlag auf das französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo" nun wirklich nicht gewesen. Vielleicht ist die Brutalität des Anschlags und der damit verbundene Schock auch der Grund, weshalb einige Menschen zunächst verstört auf das erste "Titanic"-Statement reagierten (DWDL.de berichtete). Doch das Satire-Magazin kann auch anders. Nämlich in Form ihres Chefs Tim Wolff, der sich in den vergangenen 24 Stunden in vielen Medien zu Wort gemeldet und dabei ungewohnt ernste Worte angeschlagen hat. 

Gegenüber "Focus Online" sagte Wolff beispielsweise, dass man nach Bekanntwerden des Anschlags "natürlich geschockt und traurig" gewesen sei. "Vielleicht auch betroffener als sonst, weil es Kollegen waren." Als professioneller Satiriker müsse man aber Distanz wahren. "Und wenn Satiriker getötet werden, gilt natürlich erst recht: weitermachen und Witze machen. Komik ist das beste Mittel, um mit Angst und Schrecken fertigzuwerden."

Diese These erklärt Wolff in einem eigenen Text, den er für die Webseite des Nachrichtensenders n-tv geschrieben hat. "Komik ist zu allererst ein Mittel, dem Ernst des Lebens, der die meisten von uns bedrückt, selbst wenn nicht gerade Raketenwerfer in Redaktionsräumen abgefeuert werden, etwas entgegenzusetzen, im besten Falle seiner Herr zu werden. Und je ernster die Lage, desto wichtiger der Humor", schreibt der "Titantic"-Chefredakteur. Komik schaffe die bereits erwähnte Distanz, damit man trotzdem über "eigentlich Unerträgliches" sprechen könne, erklärt Wolff. 

Laut Wolff machen viele Menschen den Fehler und denken, Humor müsse immer geistreich sein. "Es ist natürlich schöner, wenn Komik auch noch eine kluge Botschaft transportiert, aber sie ist auch ohne sehr viel wert." Das müsse man eigentlich sofort bemerken, wenn man in seinen eigenen, privaten Bereich blicke. Dort sind schließlich auch nicht alle Witze geistreich. Speziell religiöse Fanatiker seien es, die Komik und Humor verachten: "Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen", so Wolff. 

Es sei das gute Recht der "Vertreter des heiligen Ernstes" der Komik mit Zorn zu begegnen, sagt Wolff. "Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen." Er selbst habe nun nicht mehr Angst, weder um sich noch um seine Mitarbeiter, erklärt der "Titanic"-Chefredakteur in vielen verschiedenen Medien. Es habe bislang keine konkrete Bedrohung gegeben. Überhaupt glaubt Wolff, dass deutsche Muslime deutlich gelassener sind als andere Bevölkerungsgruppen: "Im Vergleich zu Christen oder Fans von Michael Schumacher sind Muslime sehr, sehr nett", sagt Wolff. 

Den Angriff auf "Charlie Hebdo" wird die "Titanic"-Redaktion im kommenden Heft auf jeden Fall thematisieren. Wie genau, kann oder will Wolff derzeit noch nicht sagen. Bis die neue Ausgabe des Satire-Magazins erscheint, prangt auf der Startseite der "Titanic" ein altes Magazin-Cover. Es zeigt einen Schwanzvergleich. Einen Schwanzvergleich der Religionen. Die Redaktion zeigt damit, dass sie sich nicht unterkriegen lassen will. "Seit gestern gilt mehr denn je: Es lebe der Witz. Der kluge. Der platte. Jeder, der genügend Menschen findet, die über ihn lachen. Und für alle, die ihn nicht mögen, sollte mehr denn je gelten: Ertragt ihn oder ignoriert ihn. Ihr werdet der Komik nicht Herr!"

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