Austria-Update vom 29. April
ORF-Wahl vorgezogen, Kritik an Compliance-Bericht immer lauter
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Ingrid Thurnher ist bis Ende 2026 zur ORF-Chefin bestellt worden, noch in dieser Woche beginnt die Ausschreibung für die Zeit ab 2027. Die Kritik an der Compliance-Untersuchung im Fall Weißmann wird immer lauter. Und: Welche Auswirkungen hat der RTL/Sky-Deal auf Österreich?
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Der Stiftungsrat des ORF hat in der vergangenen Woche wichtige Weichenstellungen für die Zukunft des Unternehmens gestellt. So hat das Gremium Ingrid Thurnher mit sehr großer Mehrheit zur Generaldirektorin bis Ende dieses Jahres gewählt, nach dem Rücktritt von Roland Weißmann hatte sie dieses Amt interimistisch inne. 31 der 35 Mitglieder stimmten für Thurnher. Nur drei Stiftungsräte, die der FPÖ zuzurechnen sind, gaben ihr nicht ihre Stimmen. Ein Mitglied des Gremiums war nicht anwesend. Noch in dieser Woche wird zudem die Ausschreibung für die ORF-Führung ab 2027 ausgeschrieben, die Wahl dafür soll am 11. Juni stattfinden. Der Stiftungsrat hat die Wahl damit um rund zwei Monate nach vorn gezogen. Ob Thurnher auch dort antreten will, hat sie bislang noch nicht verraten. Wird jemand anders gewählt, will der Stiftungsrat ausdrücklich, dass sich Thurnher mit ihrem Nachfolger bzw. ihrer Nachfolgerin in allen wichtigen Fragen abstimmt.
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In der Sitzung am vergangenen Donnerstag hat sich der Stiftungsrat auch mit den für den ORF unangenehmen Vorgängen beschäftigt, allen voran mit den Umständen des Abgangs von Roland Weißmann. Mit großer Mehrheit hat das Aufsichtsgremium beschlossen, Thurnher zur Herausgabe des Compliance Berichts in der Causa Weißmann aufzufordern. Die Generaldirektorin hatte das bislang mit dem Datenschutz sowie dem Schutz der Persönlichkeitsrechte verweigert. Der Stiftungsrat wird nun wohl Einsicht nehmen können. Thurnher sprach zuletzt vor Journalistinnen und Journalisten zwar erneut von einer "schwierigen Gemengelage", sagte aber auch, das Gremium habe ein "Recht, Einsicht zu nehmen". Auch Compliance-Untersuchungen, bei denen andere Manager betroffen waren, will der Stiftungsrat nun einsehen.
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An der Compliance-Untersuchung des ORF hat es zuletzt immer mehr Kritik gegeben. Zur Erinnerung: Bei der Untersuchung konnte man Weißmann keine sexuelle Belästigung "im rechtlichen Sinn" nachweisen. Weißmann stützte sich auf das Ergebnis und inszenierte sich als Opfer. Der "Falter" veröffentlichte daraufhin Auszüge aus Chat-Nachrichten, die an dieser Version zweifeln lassen. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft des Bundes hat nun kein gutes Haar an der ORF-Untersuchung gelassen. Die Beurteilung der Causa sei "höchst fragwürdig". Es stehe der Compliance-Stelle nicht zu festzustellen, ob sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinne vorliegt. Die öffentliche Wirkung bezeichnet die Anwaltschaft in einem Schreiben an die Stiftungsräte als "katastrophal", Schutzpflichten würden "schwerwiegend verletzt". Aus Sicht der Gleichbehandlungsanwaltschaft könne sehr wohl eine sexuelle Belästigung im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes vorliegen. Auch Medienminister Andreas Babler (SPÖ) erklärte, er könne die Einschätzung der Compliance-Stelle "nicht nachvollziehen".
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ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher äußerte sich nach dieser Kritik noch einmal zu dem Fall. Gegenüber der Gleichbehandlungsanwaltschaft teilte sie nach Angaben des "Standard" mit, die Chats Weißmanns mit der betroffenen Mitarbeiterin seien "verstörend, schockierend und inakzeptabel". Thurnher: "Gerade in Fällen, in denen Betroffene von sexualisierten oder sonstigen Übergriffen berichten, trägt der ORF eine besondere Verantwortung, sensibel, sorgfältig und mit größtmöglichem Respekt vor dem persönlichen Erleben Betroffener vorzugehen." Man habe als ORF nie versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass die Prüfung durch die Compliance-Stelle eine rechtliche Beurteilung durch die zuständigen Stellen ersetzen solle. Bei einem Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten sagte Thurnher darüber hinaus, dass das Verhalten von Weißmann "falsch" gewesen sei. Sie unterstrich dabei nochmal die Richtigkeit der Kündigung, gegen die Weißmann vorgehen will.
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Nichtsdestotrotz haben nun auch Ermittlungen gegen die ORF-Mitarbeiterin begonnen, die die Vorwürfe gegen Roland Weißmann erhoben hat. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Wien gegenüber mehreren Medien. "Wir haben sowohl gegen die Frau als auch ihren Anwalt ein Ermittlungsverfahren eingeleitet", heißt es von einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft gegenüber der "Kronen Zeitung". Weißmann hatte bereits angekündigt, sich juristisch gegen die ursprünglichen Vorwürfe zu wehren. Angezeigt wurde demnach der Verdacht der Erpressung und der missbräuchlichen Verwendung von Tonaufnahmen.
Was sonst noch passiert ist
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Die Übernahme von Sky Deutschland durch RTL hat auch Auswirkungen auf Österreich, zu Sky Deutschland gehört nämlich auch Sky Österreich. Zu welchen Veränderungen es im Zuge der Übernahme kommen wird, ist noch nicht klar. Aber RTL kommt damit in Österreich in eine besondere Lage, gehört zum Unternehmen durch die Übernahme von Sky Österreich doch erstmals auch eine große Redaktion. Bislang beschränkte sich der Konzern ausschließlich auf die Vermarktung, die RTL AdAlliance vermarktet nicht nur die österreichischen Werbefenster der deutschen RTL-Sender, sondern auch zahlreiche andere Kanäle. Mit Michael Radelsberger ist zudem der bisherige Chef von Sky Österreich und Sky Media in die RTL-Deutschland-Geschäftsführung aufgestiegen. Anders als Sky in Deutschland hält der Pay-TV-Sender in Österreich einen Großteil wichtiger Sportrechte, darunter die der Admiral Bundesliga und der Champions League.
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ServusTV hat sein Team für die kommende Fußball-WM vorgestellt, die Übertragungen teilt man sich bekanntlich mit dem ORF. Zum Experten-Team des Privatsenders gehören Florian Klein, Martin Harnik, Marc Janko, Sebastian Prödl, Steffen Freund und Jan Åge Fjörtoft. Neben Christian Nehiba sind auch Alina Marzi und Christian Baier als Moderatoren im Einsatz. Kommentiert werden die 52 LIVE-Spiele abwechselnd von Michael Wanits, Philipp Krummholz, Christian Brugger, Kevin Piticev und Sebastian Aster. ServusTV-Reporterin Julia Kienast begleitet zusammen mit Marc Janko das ÖFB-Team vor Ort in den USA. ServusTV wird mutmaßlich auch das reichweitenstärkste Spiel der Vorrunde übertragen (DWDL.de berichtete).
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Bei den Übertragungen der WM-Spiele wollen ORF und ServusTV zusammenarbeiten und Synergien in den Bereichen Produktion und Technik heben. Geplant ist etwa eine gemeinsame Buchung von Produktionsleistungen bei der FIFA (Signalzugang, Interviewpositionen, Räumlichkeiten im Broadcast Center Dallas etc.). Zudem werden die Produktionsleistungen aufgeteilt, die Teams arbeiten also abwechselnd für beide Sender. Vor Ort in den Stadien wird der ORF nur mit rund zehn Personen sein, den größten Teil will man von Wien aus abwickeln, wo auch das WM-Studio steht. Die Kommentatoren melden sich ausschließlich bei den Österreich-Spielen, beim Eröffnungsspiel sowie beim Halbfinale und dem Finale direkt aus den Stadien. "Sparsam, aber spektakulär", heißt das Credo, sagen die interimistischen ORF-Sportchefs Veronika Dragon Berger und Martin Szerencsi. Ergänzend zur Live-Berichterstattung in ORF 1 ist die tägliche "Morning Show" in ORF 2 um 9:10 Uhr mit aktuellen Spiel-Highlights, Analysen und Ausblicken fester Bestandteil des WM-Programms.
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Die personelle Aufstellung von CNBC DACH nimmt weitere Formen an. So hat das Unternehmen hinter dem neuen Sender jetzt angekündigt, dass Martin Fleischhacker Ende Mai in die Geschäftsleitung von CNBC DACH wechselt. Fleischhacker ist bislang Geschäftsführer der Wiener Zeitung GmbH. Bei CNBC soll er Chief Financial Officer (CFO) werden. "Ich habe die Wiener Zeitung in einer Phase grundlegender Veränderung geführt. Der Wechsel zu CNBC DACH ist für mich der nächste logische Schritt: vom Umbau eines Traditionshauses zum Aufbau einer DACH-Plattform für Wirtschafts- und Finanzjournalismus", sagt Fleischhacker. Rusmir Nefic, CEO von CNBC DACH, lobt den neuen Finanzchef als "erfahrenen Strategen für Medien-Transformation". Der deutsche Ableger des US-Wirtschaftsnachrichtensenders soll 2027 auf Sendung gehen. Die Plattform (geplant ist auch ein gedrucktes Heft) richtet sich nach eigenen Angaben an "CEOs, CFOs, Entscheider, Investoren sowie Kapitalmarktteilnehmer und -interessierte".
ORF-Wahl vorgezogen, Kritik an Compliance-Bericht immer lauter
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