ORF © ORF
Die Causa Roland Weißmann und die Nachwehen seines Abgangs halten den ORF weiterhin in Atem. In den zurückliegenden Tagen haben sich die Ereignisse auf gleich mehreren Ebenen überschlagen. Nachdem sich der abgetretene ORF-Chef zuletzt vor Journalistinnen und Journalisten zur ganzen Sache geäußert hatte und dort auch erklärte, er wollte rund 4 Millionen Euro gegen das Unternehmen geltend machen, äußerte sich zuletzt in mehreren Medien die Frau, die Vorwürfe gegen Weißmann erhoben hatte. Sie kündigte an, ihrerseits rechtlich gegen den ORF und Roland Weißmann vorgehen zu wollen. "Ich wurde sexuell belästigt", sagte die Frau gegenüber dem "Profil" (€). Sie räumte auch eine "freundliche, vielleicht auch vertraute" Beziehung zu Weißmann ein. Aber: "Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Einvernehmlichkeit in sexuell konnotiertem Zusammenhang". Eine Compliance-Untersuchung des ORF kam zuletzt zu dem Schluss, dass Weißmann keine sexuelle Belästigung nachgewiesen werden könne. 

Roland Weißmann © ORF/Thomas Ramstorfer
Und auch Weißmann selbst hat sich in Interviews noch einmal zu seinem Rücktritt geäußert, etwa in einem "Kurier"-Interview. Darin betonte der ehemalige ORF-Chef erneut, zum Rücktritt "gezwungen" worden zu sein. "Sie haben immer gesagt, es ist auch völlig egal, ob der Vorwurf stimmt oder nicht", so Weißmann. Dass die damals ungeprüften Vorwürfe durch den Stiftungsrat veröffentlicht worden seien, habe seinen Ruf "ruiniert", so Weißmann. Es habe aber auch dem ORF geschadet. Weißmann bestätigte gegenüber dem "Kurier" außerdem, dass er seine Kündigung noch nicht erhalten habe. Obwohl ihm keine sexuelle Belästigung nachgewiesen wurde, will der ORF ihn wegen des "Anschein eines unangemessenen Verhaltens" kündigen. Die Kündigung werde er in jedem Fall anfechten, so der ehemalige ORF-Chef. 

Falter © Falter
Für viel Aufmerksamkeit in der Sache sorgte am Montag das Magazin "Falter", das Chats zwischen Roland Weißmann und der Frau, die die Vorwürfe gegen ihn erhoben hatte, veröffentlichte. Alleine schon dieser Schritt wurde kontrovers diskutiert und Weißmanns Anwalt hat auch bereits eine Unterlassungsklage angekündigt. Wir haben uns dazu entschlossen, die Berichterstattung hier nicht zu zitieren. Der "Falter" hat jedoch eine lange Erklärung veröffentlicht, weshalb man sich zu dem Schritt entschlossen hat. "Es geht hier nicht darum, das Privatleben eines Menschen voyeuristisch auszuleuchten", erklärt Chefredakteur Florian Klenk in einem Beitrag. Es gehe um einen Vorgang von öffentlichem Interesse, "um das Verhalten eines Spitzenmanagers gegenüber einer Mitarbeiterin". Der "Falter"-Chefredakteur bezieht sich auch auf einige Aussagen Weißmanns. Dieser erklärte in einem Interview, dass es keine kompromittierenden Fotos gebe, die er bereue. An anderer Stelle antwortete Weißmann: "Das müssen Sie die Frau fragen." Das habe man auf seine Aufforderung hin getan, so Klenk. "Wenn nun Chats, die die Frau erhalten hat, das Gegenteil dessen belegen, was der geschasste ORF-Chef öffentlich gesagt hat, entsteht ein besonders starkes öffentliches Interesse daran, diese zu dokumentieren." Durch verschiedene Aussagen Weißmanns sieht man eine "Selbstöffnung" des Privatlebens, die eine solche Berichterstattung zulasse. Beim "Falter" argumentiert man also schon jetzt sehr stark juristisch. 

Ingrid Thurnher © ORF/Roman Zach-Kiesling Ingrid Thurnher
Auch im ORF ist die betroffene Frau in der Causa Weißmann zu Wort gekommen. In der "ZiB 2" erklärte sie unter anderem, wie sie sich bedrängt gefühlt habe. Außerdem führte sie auch aus, weshalb sie nicht alle Chats der Untersuchungskommission vorgelegt habe. Sie habe auf Grenzüberschreitungen aufmerksam machen wollen, andere Nachrichten seien nicht von Belang gewesen, so die Frau sinngemäß. Dass die Compliance-Bericht keine sexuelle Belästigung habe feststellen könne, könne sie "gar nicht nachvollziehen". Ihre Abwehrhaltung sei in den Chats "eindeutig zu erkennen" gewesen. ORF-Interimschefin Ingrid Thurnher erklärte nach der Veröffentlichung der Chat-Nachrichten durch den Falter, dass die vom Magazin zitierten Passagen "verstörend, schockierend und inakzeptabel" seien - "vor allem natürlich für die betroffene Frau". Thurnher weiter: "Die Nachrichten bestätigen, dass mit der Beendigung des Dienstverhältnisses von Roland Weißmann der richtige Schritt gesetzt wird."

Felix Kovac © SV Gruppe Felix Kovac
Der gesamte Vorgang beschäftigt auch den Stiftungsrat sehr, der am Donnerstag einen fixen ORF-Chef für die restliche Zeit des Jahres bestellen soll. Aktuell hat Ingrid Thurnher diesen Posten nur interimsweise. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Thurnher vom Gremium bis Ende des Jahres bestellt wird, zuletzt gab es jedoch Kritik an ihr aus dem Gremium, weil sie den vollständigen Compliance-Bericht im Fall Weißmann nicht an den Stiftungsrat weiterleitete. Das Aufsichtsgremium hat nun jedenfalls die Namen der elf Personen veröffentlicht, die sich beworben haben. Neben Thurnher steht auch Felix Kovac auf der Liste. Kovac leitet aktuell eine lokale TV-Gruppe und war davor mehrere Jahre lang Geschäftsführer der Antenne Bayern Group.

ORF Stiftungsrat © ORF/Roman Zach-Kiesling
Viel spannender als die Frage, wer den ORF bis Ende dieses Jahres führen wird, ist aber natürlich, wer Generaldirektorin oder Generaldirektor ab 2027 wird. Eigentlich sollte im August gewählt werden, der Termin wird nun aber wohl nach vorn gezogen. Wie mehrere österreichische Medien berichten, soll auf der Sitzung des Stiftungsrats am Donnerstag ein entsprechender Antrag eingebracht werden. Demnach sind die Stiftungsräte der ÖVP dafür, die Wahl bereits am 11. Juni abzuhalten. Auch ein FPÖ-Vertreter im Gremium sprach sich dafür aus. Der Vorsitzende des Gremiums Heinz Lederer, der gleichzeitig auch Leiter des SPÖ-Freundeskreises im Stiftungsrat ist, bezeichnete eine Vorverlegung des Wahltermins nach "Kurier"-Angaben als "interessante Idee". Zuletzt hatten die Journalistinnen und Journalisten des ORF vier Mitgliedern des Stiftungsrats, darunter den zwei Vorsitzenden, öffentlich das Misstrauen ausgesprochen (DWDL.de berichtete). 

Oliver Böhm © ORF-Enterprise Oliver Böhm
Zuletzt hatte der ORF auch seinen langjährigen Werbechef Oliver Böhm beurlaubt, gegen ihn läuft eine Compliance-Untersuchung wegen nicht näher ausgeführten Vorwürfen. Kritik an der Kommunikation des Unternehmens in der Sache kommt nun aus dem Markt. Der "Standard" berichtet aus einem Schreiben der Interessengemeinschaft der Mediaagenturen (IGMA) an ORF-Interimschefin Ingrid Thurnher. So kritisiert der Verband, dass zentrale Marktpartner erst über die Presse von den Vorgängen erfahren hätten. Das Vorgehen sorge für "spürbare Verunsicherung" und verstärke "Spekulationen mit Auswirkungen über den ORF hinaus auf den gesamten Medienstandort Österreich". Vertrauen in starke lokale Partner sei von zentraler Bedeutung, so die IGMA. "Gerade in einem Umfeld, in dem internationale Big Tech Plattformen bereits rund achtzig Prozent der Werbeinvestitionen auf sich vereinen." Der Verband erklärt, die zuvor vorhandene Verlässlichkeit sei "erschüttert". Gleichzeitig fordert man eine "rasche, transparente und nachvollziehbare Aufklärung". Thurnher antwortete nach "Standard"-Infos so: "Es besteht kein Grund zur Verunsicherung und auch kein Grund, die im Markt fest verankerte Vertrauensbasis in die Programme des ORF und ihre Reichweiten in Zweifel zu ziehen. Die Compliance-Prüfung der Vorwürfe gegen Oliver Böhm hat keinerlei Einfluss auf die Vereinbarungen zwischen Kunden, Mediaagenturen und der ORF-Enterprise sowie dem ORF."

Was ist sonst noch passiert? 

Fernab der Dramen, die sich aktuell im und um den ORF herum abspielen, dreht sich die österreichische Medienwelt aber natürlich weiter. Andere Sender oder Initiativen stehen aktuell aber längst nicht so sehr im Fokus, wie sie es sonst vielleicht tun würden. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat jetzt ein Filmabkommen unterzeichnet, um indische Produktionen nach Österreich zu holen. Hattmannsdorfer besiegelte die neue Zusammenarbeit vergangene Woche in Neu-Delhi zusammen mit seinem indischen Amtskollegen. "Mit diesem Abkommen öffnen wir Österreich als Drehstandort für einen der größten Filmmärkte der Welt. Wir holen mehr internationale Produktionen nach Österreich, stärken unsere Kreativwirtschaft und positionieren Österreich gleichzeitig als Film-, Kultur- und Tourismusstandort. Gleichzeitig öffnen wir auch die Tür für die österreichische Filmbranche in Indien und bieten neue Chancen", so Hattmannsdorfer. Der Plan der Politik: Österreichische und indische Produzenten können künftig gemeinsam Projekte realisieren. Dabei teilen sie sich Finanzierung, Risiko und kreative Verantwortung - sowie das gemeinsame Eigentum an den Rechten. Zudem erhalten Produktionen Zugang zu Förderinstrumenten in beiden Ländern.